Dessau/Hamburg - Das Jahr 2050 scheint heute weit entfernt. Doch wer in diesen Monaten geboren wird, ist im Jahr 2050 um die 30 Jahre alt. Mit großer Wahrscheinlichkeit erlebt sie oder er sogar noch das Jahr 2100, jedenfalls wenn man von der heutigen Lebenserwartung bei Geburt ausgeht. Wie aber sieht das Land aus, in dem Neugeborene von heute erwachsen werden? Welches Wetter, welches Klima werden sie erleben – und wie wird das ihre Lebenswelt prägen?
„Die Welt wird – besonders bei einem starken Klimawandel – 2050 eine andere sein als heute“, sagt Inke Schauser, Klimafolgen-Expertin beim Umweltbundesamt. Auch Deutschland werde sich durch die ungebremste Erderwärmung stark verändern – und verändern müssen. Die internationale Staatengemeinschaft hat sich im Pariser Klimaabkommen darauf verständigt, den Temperaturanstieg im Vergleich zum vorindustriellen Zeitalter möglichst auf 1,5 Grad zu begrenzen. Doch nur im optimistischsten Szenario und nur, wenn die Staaten ihre Emissionen in den nächsten Jahren drastisch senken, kann das gelingen. „Wir müssen fast damit rechnen, dass sich die Erde um mindestens zwei Grad erhitzt“, sagt Inke Schauser.
Dürre, Hitze oder kranke Wälder sind heute schon Auswirkungen
Während die globale Erderwärmung bereits heute 1,2 Grad beträgt, ist es in Deutschland seit Beginn der Aufzeichnungen 1,6 Grad wärmer geworden. Die Auswirkungen zeigen sich schon heute: Mehr Hitzetage, Dürren, kranke Wälder, Starkregenereignisse, mildere Winter, zurückgehende Alpengletscher, immer frühere Obstblüten, aber auch neue, invasive Arten wie tropische Mücken im Land. „Der schleichende Temperaturanstieg, der steigende Meeresspiegel und kleine Veränderungen in der Biodiversität sind für uns Menschen kaum bemerkbar“, sagt Schauser. „Auf die Ökosysteme, die Forst- und Landwirtschaft wirkt sich das aber bereits heute stark aus.“
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Die Modelle der Klimaforschung sind in den vergangenen Jahren immer präziser geworden. Rechnet man nach vorne, so könnte man laut Deutschem Wetterdienst (DWD) Mitte des Jahrhunderts in Deutschland mit plus 1,7 bis 2,3 Grad Celsius im Vergleich zum vorindustriellen Zeitraum rechnen – wenn ambitionierte Maßnahmen ergriffen würden. Im pessimistischen Szenario ohne Klimaschutz wären es Mitte des Jahrhunderts sogar 2,4 bis 3 Grad mehr – und 3,9 bis 5,5 Grad mehr bis zum Jahr 2100.
Über die Wahrscheinlichkeit des Eintretens der diversen Szenarien, so der DWD, könne man keine Aussage treffen, „da dies von den zukünftigen sozioökonomischen Entwicklungen“ abhänge. Die Unterschiede zwischen 1,7 oder 3 Grad mehr im Jahr 2050 wären Schauser zufolge beträchtlich. Klar ist auch: Das Klimasystem ist träge, einmal ausgestoßenes CO2 bleibt jahrelang in der Luft.
Wie aber wirkt sich eine steigende mittlere Temperatur auf das Leben in Deutschland aus? „Alle Bereiche in unserem Leben werden beeinflusst, wenn auch unterschiedlich stark“, sagt Daniela Jacob, Meteorologin und Direktorin des Climate Service Center Germany (GERICS). Ohne effektive Klimaschutzmaßnahmen sei besonders in Süddeutschland mit längeren, intensiveren Hitzeperioden und trockeneren Sommern zu rechnen, die Starkregentage würden überall zunehmen und damit die Wahrscheinlichkeit von Überschwemmungen. Dabei hängt die Intensität, Dramatik und Häufigkeit der Wetterextreme davon ab, wie viel wärmer es genau wird.
Gebäude oder Infrastruktur sind für die Bedingungen kaum ausgelegt
Bis Mitte des Jahrhunderts könnten die klimatischen Bedingungen deutscher Städte mit jenen im heutigen Mittel- oder Südfrankreich vergleichbar sein, sagt Inke Schauser. Anders als die klimatischen Zukünfte vieler afrikanischer Städte seien das Bedingungen, unter denen man durchaus noch gut leben könne, sagt Schauser. Doch die hiesige Infrastruktur und der Städtebau seien darauf aktuell ebenso wenig eingestellt wie auf die häufiger werdenden Extremwettereignisse. „Die Städte, aber auch unsere Land- und Forstwirtschaft werden sich bei einem starken Klimawandel komplett verändern müssen“, sagt die Klimafolgen-Expertin.
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Die steigenden mittleren Jahrestemperaturen haben Folgen nicht nur für Ernten, Wälder oder Wasserversorgung, sondern auch für Gesundheit, Wirtschaft und Tourismus. Expertinnen und Experten rechnen mit Tausenden Hitzetoten jährlich, mit mehr Hautkrebs durch höhere Sonneneinstrahlung, mehr Krankheitsüberträgern wie Mücken, mehr Allergien.
Hinzu kommen Folgen für die Wirtschaft – ganz unabhängig von Einflüssen von Wetterereignissen und steigenden Temperaturen auf globale Lieferketten: Viele hiesige Produktionsstätten sind auf mehr heiße Tage nicht ausgerichtet, niedrige Wasserstände etwa im Rhein würden die Schifffahrt beeinträchtigen, Straßen- und Schienennetze sind für mehr Extreme kaum ausgelegt. Die Verteilung von knappen Ressourcen wie Wasser werde laut Jacob bei gleichzeitig zunehmenden Hitzeperioden auch hierzulande schwieriger. „Heute noch bewohnte Küstenräume werden vom weiter steigenden Meeresspiegel bedroht oder müssen ganz aufgegeben werden“, sagt Meteorologin Daniela Jacob.
Maßnahmen zum Klimaschutz und zur Anpassung bringen auch Positives
Doch es gibt Möglichkeiten, etwas zu tun – das betonen beide Klimaforscherinnen. Zum einen die Anstrengungen, um das 1,5-Grad-Ziel noch zu erreichen. Zum anderen könnten Investitionspakete wie jene im Zuge der Coronapandemie dazu genutzt werden, das Land resilienter zu machen, krisenfester, sagt Inke Schauser. Bebaute Flächen müssen entsiegelt, Feuchtgebiete renaturiert und die Kanalisation- und Infrastruktur angepasst werden. Auch im Hinblick auf die schnelle Erhitzung der Städte müsse mehr getan werden, sagt Daniela Jacob. Mehr Begrünung auf Dächern, Straßen und Plätzen, mehr Frischluftschneisen, mehr Wasser: „Diese Maßnahmen haben positive Nebenwirkungen, gerade in dicht bebauten Städten“, sagt Jacob.
Wichtig sei, dass effektiver Klimaschutz und Engagement zur Transformation „jetzt“ erfolgen, sagt Daniela Jacob. „Eine Anpassung an die Folgen des Klimawandels wird für unsere Kinder immer herausfordernder.“