„Die Frage der Mobilisierung von Personal ist eine Schlüsselfrage“, sagt Alfons Mais. Der 61-jährige Inspekteur spricht unter anderem darüber, was Deutschland dazu von anderen lernen kann.
Herr Mais, Sie waren in Israel, was hat Sie unter militärischen Gesichtspunkten am stärksten beeindruckt?
Für einen Heereschef, der gerade alle Anstrengungen unternimmt, um seinen Zuständigkeitsbereich wieder kriegstüchtig zu machen, ist die Kriegstüchtigkeit des israelischen Heeres mehr als beeindruckend – wie schnell Israel mobilisieren kann, wie groß die Resilienz der Bevölkerung ist.
Im Gazastreifen wie in der Ukraine sehen wir eine neue, unbekannte Intensität des Kampfes in Städten und Dörfern. Was fällt Ihnen da besonders auf?
Mir fällt zunächst der enorme Kräftebedarf an Infanteristen auf, den der Kampf im bebauten Gelände erfordert. Das ist nicht zu vergleichen mit Kampf im freien Gelände, mit raumgreifenden Offensivoperationen. Das ist ein mühsames Kämpfen von Raum zu Raum, von Stockwerk zu Stockwerk. Furchtbar für alle Beteiligten: für die Zivilbevölkerung, aber auch für die Soldaten.
Was prägt das neue Kriegsbild in solcher Umgebung?
Das ist die permanent unklare Lage. Im Kampf in dicht besiedeltem Gebiet gibt es kein Vorn, kein Hinten, kein Sicher, Unsicher. Die israelischen Gesprächspartner haben mir sehr plastisch vor Augen gestellt, wie ihre Truppen immer wieder von hinten, von der Seite, aus unvermuteten Richtungen, aus Tunneln bedroht und beschossen werden. Aber auch, wie krass die Hamas die eigene Zivilbevölkerung in diesen Kämpfen als Schutzschilde instrumentalisiert oder indem sie unterbindet, dass die Menschen aus der Kampfzone ausweichen können.
Das israelische Heer setzt zunehmend auf Roboter – ein Vorbild für die Bundeswehr?
In der Tat, bei den Israelis spielen ferngesteuerte Plattformen jeder Größe eine große Rolle. Die eingesetzten Mittel reichen von Hunden über Mini-Fahrzeuge bis zu – weil in solchen Kämpfen sehr viele Trümmer entstehen – ferngesteuerten Bulldozern, die jedes Bataillon hat. Die sind teilweise sogar autonom einsetzbar, um Wege freizuräumen. Die Israelis sind wie die Ukrainer extrem innovativ, wenn es darum geht, neue Technologien anzuwenden.
Steht diese Entwicklung im Widerspruch zu all den Diskussionen um schwere deutsche Waffen für die Ukraine? Ist das eine Bestätigung Ihrer Forderung, die Truppen des Heeres mit Radfahrzeugen auszurüsten, um sie schnell zu machen?
Wir brauchen im Heer die ganze Bandbreite an Fähigkeiten, das schließt schwere gepanzerte Truppen ein. Auch im Gazastreifen spielen schwere Panzer mit besonderen Schutzsystemen gegen Raketen eine wichtige Rolle. Auch wir in der Bundeswehr nutzen diese Schutzsysteme für Panzer, sie reduzieren die Verluste an Gefechtsfahrzeugen erheblich.
Was bringen Kampfpanzer im bebauten Gelände?
Sie bieten Schutz, Mobilität und Feuerkraft. Sie sind in der Lage, einen Platz rundum zu sichern und so Räume zu schaffen, in denen sich die infanteristisch kämpfenden Soldaten versorgen und ausruhen können. Aber sie öffnen auch Breschen in Häuser und Mauern, durch die Soldaten in die Gebäude eindringen können. Nochmal: Der Mix der Kräfte macht’s.
Wie gut ist das deutsche Heer auf solche Konfliktbilder vorbereitet?
Wir schreiben dafür fortlaufend Konzepte und sind uns bewusst, dass sich militärische Operationen, auch Kämpfe zunehmend in urbane Räume verlagern können. Weltweit ballt sich dort die Masse der Bevölkerung.
Wie schlägt sich das in der Ausbildung nieder?
In unserem Gefechtsübungszentrum Letzlinger Heide in Sachsen-Anhalt haben wir einen urbanen Raum, wir nennen ihn „Schnöggersburg“, nachgebaut: U-Bahn, Wasserübergänge, Hochhäuser, Fabriken, Gaswerk, ein Autobahnabschnitt, Kanalisation, ein Flugplatz, orientalische Altstadt, alles drin. Dazu Systeme, aus denen Rauch quillt oder die Soldaten mit ohrenbetäubendem Lärm beschallt werden. So üben wir, um die Situation so realistisch als möglich zu machen. Dieses Thema haben wir voll erkannt und angenommen.
Wie gut ist das Heer auf die neue Dauerbedrohung durch Drohnen vorbereitet?
Wir haben die Maxime – und bringen sie auch schon in die Ausbildung: Wer steht, stirbt. Ziel muss sein, auf dem Gefechtsfeld aufzulockern, ständig die Positionen zu wechseln und wenn möglich Verzahnung zu verhindern, indem der Kampf auf immer größere Entfernungen geführt wird. Das sind Grundvoraussetzungen auf einem Gefechtsfeld, das wir als zunehmend gläsern beschreiben.
Was steht dem Heer für die Abwehr von Drohnen zur Verfügung, wo es doch keine Heeresflugabwehr mehr gibt?
Zunächst einmal müssen wir das ganze Thema der Bedrohung aus der Luft wieder in das Bewusstsein der Truppe zurückbringen. Das hat in Afghanistan und Mali keine wichtige Rolle gespielt. Unsere Soldatinnen und Soldaten müssen lernen zunächst einmal die Waffen, die sie haben, vom Gewehr bis zur Kanone des Schützenpanzers Puma zur Selbstverteidigung gegen Drohnen einzusetzen. Parallel müssen wir darauf spezialisierte Waffen beschaffen, von elektronischen Gegenmitteln bis hin zu Flugabwehrplattformen, wie dem Skyranger, dessen Beschaffung vergangene Woche vom Parlament gebilligt wurde.
Was sind für Sie die zentralen Lehren aus den Kriegsbildern in der Ukraine und in Gaza?
Die Frage der Mobilisierung von Personal ist eine Schlüsselfrage. Das ist eine der großen Lehren aus dem Krieg in der Ukraine, die wir für uns bewerten müssen. Wie wollen wir Kräfte generieren, sollte Deutschland einmal in so einen andauernden Konflikt hineingezogen werden? Da können die heute aktiven Soldaten nur eine erste Grundlage sein.
War es also falsch, die Reserve so lange zu vernachlässigen?
Das Thema Reserve muss wieder eine große Rolle spielen. Viele sehr gute Schritte sind gemacht, aber es ist noch eine Strecke zu gehen. Wir müssen über eine Rekrutierungsbasis nachdenken, die den sicherheitspolitischen Herausforderungen in Europa gerecht wird. Und das müssen wir jetzt, weil wir eine Umsetzung keinesfalls von heute auf morgen hinbekommen. Dafür brauchen wir Organisation, Infrastruktur, persönliche Ausrüstung und Waffen. Personal ist die strategische Herausforderung für ein kriegstüchtiges Heer der Zukunft.
Wie lange muss ein Heeressoldat mindestens dienen, bis er einsatzbereit ist und so etwas wie eine Dienstpflicht für das Heer sinnvoll nutzbar wäre?
Das hängt von Funktion und Ebene ab auf der er eingesetzt wird. Unter den aktuellen arbeitszeitrechtlichen Vorgaben muss man zwölf bis 18 Monate rechnen. Dabei reden wir nur von Mannschaften. Junge Offiziere und Feldwebel sind aus gutem Grund Jahre bei der Bundeswehr, bevor wir ihnen als Zugführer 30 Leben, das heißt 30 Soldatinnen und Soldaten, anvertrauen.
Heeresfliegerstaffel und Generalleutnant
Hubschrauberführer
Alfons Mais wurde 1962 in Koblenz geboren. 1981 trat er in die Bundeswehr ein und absolvierte seine Offizieranwärterausbildung an der Heeresfliegerwaffenschule in Bückeburg. Von 1982 bis 1985 studierte er Wirtschafts- und Organisationswissenschaften an der Universität der Bundeswehr in Hamburg (jetzt: Helmut-Schmidt-Universität), anschließend wurde er in Bückeburg zum Hubschrauberführer ausgebildet.
Führungsstab
Nach Abschluss der Generalstabsausbildung wurde Mais in den Führungsstab der Streitkräfte im Bundesministerium der Verteidigung nach Bonn versetzt. 2013 wurde Mais Kommandeur der Heeresfliegerwaffenschule und damit General der Heeresfliegertruppe, 2014 wurde er zum Chef des Stabes des Kommando Heer ernannt. 2018 wurde Mais als Chef des Stabes der Mission Resolute Support in Afghanistan und zum Generalleutnant befördert. Im Februar 2020 wurde Mais zum 21. Inspekteur des Heeres ernannt. Mais ist verheiratet und hat einen Sohn.