Diesel-Fahrverbot in Stuttgart Frust bei Autohändlern in der Region

Von Yannik Buhl 

Der Diesel ist in Verruf geraten, die Autoindustrie schwächelt und die Kunden sind verunsichert. Und wie sieht es bei den Autohändlern in Stuttgart und der Region aus?

Manchmal wechseln beim Automarkt in Kornwestheim auch gebrauchte Diesel den Besitzer – sie gehen meist ins Ausland. Foto: factum/Weise
Manchmal wechseln beim Automarkt in Kornwestheim auch gebrauchte Diesel den Besitzer – sie gehen meist ins Ausland. Foto: factum/Weise

Stuttgart/Kornwestheim - Einmal hat Markus Gleich nicht richtig aufgepasst. Vor einer Weile kaufte sein Autohaus einen Skoda, Modell Superb. Ein Diesel mit der Schadstoffnorm Euro 6c. Gleich glaubte, dass der Wagen einen Partikelfilter hatte, schließlich war das Auto nach dem neuesten Messverfahren WLTP geprüft. Doch es gab keinen Filter. „Man muss gut aufpassen“, sagt Gleich. Es dauerte, bis er den Superb Diesel wieder los hatte. Neue Diesel unter der saubersten Klasse Euro 6d Temp, sagt Gleich, wolle kaum jemand kaufen.

Auf dem Land kauft man noch Diesel

Gleich sitzt in einem gläsernen Büro am Rande der Verkaufsfläche des Autohauses Marquardt in Stuttgart-Zuffenhausen. Er ist Geschäftsführer, ein stämmiger Mann mit blauem Anzug und zurückgegelten Haaren. Und er ist sauer: „Die Aufklärung durch Stadt und Land ist miserabel.“ Niemand beantworte die Frage, welche Autos man noch guten Gewissens kaufen kann – jetzt, da in Stuttgart erste großflächige Diesel-Fahrverbote gelten. Die Käufer des Skoda Superb Diesel jedenfalls kamen nicht aus der Landeshauptstadt, sondern aus einer ländlichen Region. Dort drohen zunächst keine Fahrverbote.

Der Diesel ist in Verruf geraten, die Deutschen sind verunsichert. Immer wieder verfügen Gerichte neue Fahrverbote, gibt es neue Studien über den Stickoxid­ausstoß der Diesel. Es tobt eine hitzige Diskussion über Grenzwerte und saubere Luft, in der viele mitmischen: Umweltschützer, Autohersteller, Anwohner, Landes- und Bundesregierung und Europäische Union. Die Frage ist, wer künftig noch in die Innenstädte fahren darf. Wo das hinführt, weiß niemand. Wer legt sich in dieser Situation noch einen Diesel zu?

Im Autohaus stehen vor allem Benziner

„Wir verkaufen inzwischen zu 95 Prozent Benziner“, sagt Autohändler Markus Gleich. In seinem Autohaus stehen viele neue Volkswagen: Tiguan, Touran, Golf, Passat. Alles Benziner. Dabei ist es noch nicht lange her, da wurde der Diesel wegen des geringen CO2-Ausstoßes als Wundermittel gegen den Klimawandel beworben. Wenn Markus Gleich daran denkt, schüttelt er den Kopf. „Die neuesten Dieselmotoren sind sauberer als die meisten Benziner, trotzdem soll der Diesel jetzt schlecht sein?“, fragt er. Den Besitzern älterer Diesel gegenüber sei das eine Frechheit. Und im Ausland frage ohnehin keiner danach.

Niemand weiß das besser als die Gebrauchtwagenhändler, die sich an diesem kalten, regnerischen Samstag wie jede Woche auf dem Gelände des Kornwestheimer Autokinos treffen. Etwas mehr als ein Dutzend Wagen sind vor der Snack-Bar des Kinos geparkt. Die Verkäufer sitzen im Trockenen und trinken Filterkaffee aus Pappbechern, einige stehen unter dem Vordach und rauchen. Seinen Namen will keiner in der Zeitung lesen. Doch wer sich bei ihnen umhört, merkt, dass die Debatte über Schadstoffe und Fahrverbote nicht so richtig an der Basis angekommen ist. Mit Gerichtsurteilen und Gutachten beschäftigt sich hier niemand im Detail.

Manche suchen die Schuld bei den Grünen

„Euro 5, Euro 6, das ist doch alles Quatsch“, bügelt einer die Diskussion über Grenzwerte ab. „Ja, aber du musst aufpassen, ob man damit noch fahren darf“, erwidert ein anderer und zieht an seiner Zigarette. Ein wenig Ratlosigkeit schwingt mit, schließlich geht es hier ums Geld. Und wer trägt die Schuld am Niedergang des Diesels? Einige schimpfen auf die Grünen, die es mal wieder übertreiben, mit dem Umweltschutz. Andere geben der Deutschen Umwelthilfe (DUH) die Schuld, die einige Dieselfahrverbote eingeklagt hat. Da würde bald die Forderung nach einem Verbot für Benziner folgen. Von betrügenden Autoherstellern spricht keiner.

Alle teilen das gleiche Schicksal: Sie verkaufen fast keine Diesel mehr. Jedenfalls nicht im Inland. Die meisten Wagen, die hierzulande niemand mehr möchte, gehen ins Ausland. „Vor allem nach Osteuropa, Polen und Tschechien“, erzählt ein gut gekleideter älterer Herr mit blauer Jacke, Schal und Regenschirm. Er ist Autohändler aus Nürnberg. Doch auch in Osteuropa läuft es schlecht, die Käufer drücken die Preise, weil sie die Situation in Deutschland kennen. „Wenn du Glück hast, machst du 400 Euro brutto Gewinn“, sagt der Mann aus Nürnberg. „Oder eben 400 Euro Verlust.“ Ein Kollege neben ihm seufzt: „Fahrverbote für Euro-4-Diesel sind eine Frechheit, Kreuzfahrtschiffe sind doch eher das Problem.“

Autobesitzer fühlen sich enteignet

Viele Kaufinteressenten sind nicht nach Kornwestheim gekommen. Immerhin: ein Mann mit grauem Schnauzbart und gelbem Regenschirm schaut sich einen VW Polo an. Er wohne in Stuttgart und fahre einen Diesel mit Euro-Norm 4, erzählt er. Ebenfalls ein Polo, elf Jahre alt. „Er ist top in Schuss, hat gerade Tüv bekommen“, sagt er. Aber vom 1. April 2019 an darf das Auto nicht mehr in Stuttgart fahren. Deshalb sucht er einen Benziner. Möglichst günstig, Alter egal. „Ich zahle ja nicht zweimal“, schimpft der Mann. Er fühle sich enteignet.

Der Streit über den Diesel ist für Autobesitzer, Autohändler und teils auch für die Autohersteller zum Verlustgeschäft geworden. Das Deutsche Kraftfahrzeuggewerbe, der Dachverband der Autohäuser, hat unlängst seinen Geschäftsklimaindex veröffentlicht, es ist der schlechteste Wert seit Ende 2015. „Die Stimmung ist schlecht, viele Betriebe schauen mit Sorgen in die Zukunft“, sagt Carsten Beuß, Geschäftsführer des Kraftfahrzeuggewerbes Baden-Württemberg. Man sehe eine große Zurückhaltung aufseiten der Kunden.

Notfalls muss der Diesel mit Verlust raus

Autohändler Markus Gleich gibt sich indes gelassen. „Man kann alles verkaufen, auch Euro-5-Diesel“, sagt er. Man bekomme eben nur weniger Geld dafür. Doch sein Verlust halte sich meist in Grenzen. „Der Markt regelt den Preis“, sagt Gleich. Das heißt, er kauft die Autos entsprechend günstig ein. Gleich breitet resigniert die Arme aus und sagt: „Letztendlich wird die ganze Debatte also auf dem Rücken der Kunden ausgetragen.“ Sein Bestand an alten Dieseln ist größtenteils weg. „Irgendwann muss man sich trennen, man kann beim Diesel auf kein Wunder warten.“ Notfalls mit Verlust.

Das größte finanzielle Problem der Branche haben laut Carsten Beuß vom baden-württembergischen Kraftfahrzeuggewerbe Autohäuser, die eine große Flotte an Leasingfahrzeugen haben, denn in den alten Verträgen sind Rückkaufswerte festgeschrieben, die die Autos heute inmitten der Dieselkrise nicht mehr wert sind. Auf der Differenz bleiben die Händler dann sitzen. „Das wird sich jetzt dann in den Bilanzen niederschlagen, viele mussten entsprechende Rückstellungen bilden“, sagt Beuß. Dabei werde das Geld gebraucht, um in die automobile Zukunft zu investieren.

Misstrauen in die Autohersteller groß

Dann findet sich Kundschaft in Gleichs gläsernem Büro ein. Ein Ehepaar aus Kornwestheim sucht einen Neuwagen. Benziner, versteht sich. „Nach all der Bescheiße­rei, die da passiert ist, gibt es für uns keinen Diesel mehr“, sagt Tanja Weiß. Sie traue eigentlich keinem Autohersteller mehr über den Weg. Grundsätzlich finde sie es richtig, dass Elektroautos und der öffentliche Nahverkehr gestärkt werden sollen. Ihr Mann jedenfalls hätte am liebsten ein Elektroauto, einen Tesla. Der sei aber noch zu teuer.

War der Tod des Diesels also nur eine Frage der Zeit und die Debatte darum unnötig, weil das Elektroauto ohnehin die Zukunft ist? Markus Gleich ist skeptisch. „E-Autos sind wegen der Reichweiten sehr unflexibel“, sagt er. Doch momentan ist es für ihn wichtiger, im Hier und Jetzt einen Weg durch das Labyrinth der Dieselfahrverbote, Abgasnormen und Schadstoffgutachten zu finden – und trotzdem weiterhin Autos zu verkaufen.

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