Der Diesel hat ein Imageproblem. Das belegen auch Rückgänge bei den Zulassungszahlen. Nun überrascht der Stuttgarter Autobauer Daimler die Konkurrenz mit einem Vorstoß.

Wirtschaft: Imelda Flaig (imf)

Stuttgart - Die deutschen Autofahrer sind verunsichert: Nur 15 Prozent würden sich beim Autokauf derzeit für einen Diesel entscheiden. Der Abgasskandal und die Diskussion um drohende Fahrverbote zeigen Wirkung – trotz seiner besseren Langstrecken- und Vielfahrertauglichkeit. Etliche Autofahrer sind offenbar von den Herstellern enttäuscht und denken über die Alltagstauglichkeit alternativer Antriebe nach. Vor allem Dieselfahrer sind verunsichert: 18 Prozent überlegen, ob sie ihren Diesel verkaufen sollen, zeigt eine Umfrage des Internetportals AutoScout24.

Verunsicherung schlägt sich auch beim Absatz nieder

Die Verunsicherung schlägt sich auch beim Absatz nieder. Im ersten Halbjahr 2017 lag der Anteil der Diesel-Pkw bei den Privatkäufern hierzulande gerade mal bei 24,2 Prozent – das ist der niedrigste Anteil seit 2006, Tendenz weiter fallend, wie das CAR-Center Automotive Research der Uni Duisburg festgestellt hat. Einzige Ausnahme: Das Jahr 2009. Damals wurden wegen der Abwrackprämie überwiegend Kleinwagen gekauft, die fast ausschließlich mit Otto-Motoren angetrieben werden.

Offenbar um weiteres Ungemach oder gar gerichtlich verordnete Fahrverbote abzuwenden, haben nun Autohersteller reagiert. Daimler will drei Millionen Diesel kostenlos für die Kunden nachrüsten, Auch Audi und BMW haben für bestimmte Motoren Software-updates signalisiert. Was das bringt, daran scheiden sich die Geister.

Experten plädieren auch für technische Lösung

Peter Fuß, Autoexperte der Unternehmensberatung EY, ist überzeugt, dass die Autobranche durch die Nachrüstung von Dieselfahrzeugen wieder Vertrauen bei den Kunden zurückgewinnen kann. „Das Thema Stickoxid-Emissionen kann man in den Griff bekommen – auch durch Software-Updates“, sagt er. Es gehe immer um die Frage, was man erreichen wolle. „Wenn man den Diesel nachhaltig am Leben erhalten will, wird man um aufwändigere technische Lösungen nicht herumkommen“, sagte Fuß unserer Zeitung. „Für die Reduktion der CO2-Emissionen brauchen wir den Diesel“, so der Autoexperte. Im Vergleich mit anderen Antrieben sei der Diesel hier besser und bei den Stickoxiden nicht schlechter. Deshalb hätten Politik und Industrie großes Interesse an einer Lösung.

Autoexperte Ferdinand Dudenhöffer sieht das kritischer. „Wie glaubwürdig ist das denn, dass man ein bisschen die Software verändert und damit das Problem löst?“ Damit könne man sicherlich kein Vertrauen bei den Autofahrern zurückgewinnen. Im Umkehrschluss hieße das ja, dass die heutige Software eine Mangelsoftware sei. Eine reine Software-Nachrüstung bringe nichts, sagt er und plädiert für den Einbau wirksamer Abgasreinigung mittels Harnstoffeinspritzung.

Ein „Klacks“ für einen Milliardenkonzern

Die Nachrüstungspläne von Daimler, für die der Stuttgarter Autobauer zu Gunsten der Verbraucher 220 Millionen Euro in die Hand nimmt, bezeichnet Dudenhöffer als „Klacks“ für einen Milliardenkonzern. Das werfe mehr Fragen auf, weil man nicht wisse, wie die Lösung genau aussehe. Dudenhöffer befürchtet, dass die Branche nachzieht und sich auf solche Softwarelösungen beim „Diesel-Gipfel“ am 2. August einigen könnte. Bei diesem Gipfel will sich die Bundesregierung mit mehreren Bundesländern und Autokonzernen über konkrete Schritte für einen geringeren Schadstoffausstoß beraten. Bei den meisten Dieselfahrzeugen genüge es nicht, die Motor-Software nachzurüsten, sagt auch der Fraktionsvorsitzende der Grünen im Bundestag, Anton Hofreiter. „Da muss man die Hardware nachrüsten“, sagte er im Deutschlandfunk. Ein nachträglicher Einbau von Abgasreinigungs-Systemen „würde sehr teuer für die Autoindustrie“.

Wettbewerber unter Zugzwang

Die Konkurrenz zeigte sich vom Daimler-Vorstoß überrumpelt. Durch das Vorpreschen der Stuttgarter seien die anderen Hersteller völlig überrascht worden, heißt es in der Branche. „Damit haben sie uns schon unter Zugzwang gebracht“, sagt der Vertreter eines Wettbewerbers. „Klar ist, dass wir als Branche am 2. August einen Vorschlag machen wie man Euro-5-Diesel nachrüsten kann“, sagt eine Sprecherin des Branchenverbands VDA. Derzeit würden noch die technischen und rechtlichen Rahmenbedingungen abgestimmt. Auch der Importeursverband VDIK mit seinen 25 Mitgliedern und 33 Marken – darunter etwa Peugeot, Toyota oder Nissan, ist noch in Abstimmungsgesprächen, wie ein Sprecher sagt. „Es steht noch nicht fest, ob und wie die VDIK-Mitglieder umrüsten.“ Eine Nachfrage bei Peugeot Deutschland, bestätigt das. „Wir beobachten die Entwicklung und präferieren eine europäische Lösung“, sagt ein Sprecher. „Die Emissionen machen ja nicht an der Grenze halt.“ Er fügt hinzu, dass Peugeot als einziger Hersteller die Verbrauchs- und Emissionswerte offenlege.

Manch ein Hersteller ist schon weiter vorgeprescht: Volvo will kein Geld mehr in die Entwicklung neuer Dieselmotoren stecken und ab 2019 neue Autos nur noch mit einem Elektro- oder Hybridmotor bringen. Selbst Porsche prüft den Diesel-Ausstieg.

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