Dreieinhalb Jahre mussten Schlagerfans darben. Jetzt sind Sonnenblumen und Föhnwellen nach langer Corona-Pause fulminant zurückgekehrt. Dieter Thomas Kuhn hat seine Fans am vergangenen Samstag mit der gewohnten Lebensfreude und hoher Ohrwurm-Dichte begeistert – und doch war das Glück der Fans nicht ganz vollkommen. Tanzen macht durstig. Den Konzertbeginn allerdings erlebten viele der 25 000 Besucher auf dem ausverkauften Cannstatter Wasen in den Warteschlangen an den Gastroständen. Dort dauerte es zeitweise 30, 40 oder noch mehr Minuten, bis man an ein Getränk kam. Auch während des Auftritts entspannte sich die Lage nur wenig, genauso wie bei der Rückgabe der Pfandbecher danach.
Verantwortlich dafür war das Gastro Team Bremen (GTB), das sich seit 20 Jahren auf Festivals spezialisiert hat. Weil die Bewirtung – wie schon vor einem Jahr bei etlichen Wasenkonzerten – erneut nicht geklappt hat, haben sich Semmel Concerts und der Stuttgarter Musiccirus – die überregionalen und örtlichen Organisatoren – zu einem ungewöhnlichen Schritt entschieden: Beide Unternehmen entschuldigen sich öffentlich über die sozialen Medien bei den Fans in verschiedenen Statements.
„In der Umsetzung des langersehnten Konzertes, insbesondere bei den gastronomischen Angeboten, gab es Situationen, die unzufriedenstellend waren und bei weitem nicht euren und unseren Erwartungen entsprochen haben“, heißt es in der Entschuldigung von Semmel Concerts. Für die weiteren bundesweiten Auftritte von Dieter Thomas Kuhn werde man „alles unternehmen, um sicherzustellen, dass sich eine solche Situation nicht wiederholt“.
Als örtlicher Veranstalter versucht der Musiccircus Stuttgart, der sich ebenfalls bei den Fans entschuldigt, die Gründe für die Pannen zu erklären. „Leider hat die Veranstaltungsbranche im Allgemeinen wie die Gastronomie im Speziellen nach wie vor und als Auswirkung der Corona-Pandemie mit großen Personalproblemen zu kämpfen“, heißt es in der Erklärung. Dies führe dazu, „dass es teilweise zur Unterbesetzungen kommt oder Personal vor Ort ist, welches nicht über die Erfahrung verfügt, um einen hundertprozentig reibungslosen Ablauf an den Getränkeständen zu garantieren“. Auch wenn sich die Situation mehr und mehr entspanne, hätten vor allem Großveranstaltungen mit hohem Personalaufwand noch immer darunter zu leiden. „Verschärft wurde die Situation am vergangenen Samstag durch den Ausfall einer Reihe von Service-Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern noch am Veranstaltungstag selbst, welcher so kurzfristig nicht mehr zu kompensieren war“, bedauert der Musiccircus.
Kritik vom lokalen Mitbewerber
Um die Bewirtung bei den Wasenkonzerten hatte sich auch der Stuttgarter Caterer Michael Wilhelmer beworben, der sich nun bestätigt sieht in seiner schon lange vorgetragenen Forderung, dass man für eine Großveranstaltung besser einen regionalen Gastronomen auswählen sollte, weil sich dieser bei der Personalsuche leichter tue. „Wir haben viel Erfahrung mit Groß-Events gerade auf dem Cannstatter Wasen“, sagt der Volksfestwirt, „lange Anstehzeiten zu verhindern ist bei solchen Veranstaltungen immer Prio Nummer eins und eigentlich eine Selbstverständlichkeit.“ Erst nach aktivem Nachfragen habe er die Ausschreibung für diese Konzertreihe erhalten und den Zuschlag „nach einigem Hin und Her und trotz massiven Anpassungen an den Kosten nicht bekommen“. Seine Kritik ist deutlich und scharf. „Am Ende hat man jetzt gesehen, zu was es führt, wenn die Gewinnmaximierung über allem steht und an der Servicequalität und der Logistik gespart wird. Leider bekommt das dann immer der Gast zu spüren.“ Das tolle Stuttgarter Publikum habe „etwas Besseres“ verdient.
Für die nächsten Großveranstaltungen auf dem Wasen übernimmt nun der Caterer Gastrobüro aus Chemnitz die Bewirtung. Bei den Hip-Hop Open an diesem Freitag und Samstag werden 15 000 Fans erwartet, bei Deichkind am 4. August 12 500, bei Cro am 5. August 25 000 (ist ausverkauft) und bei AnnenMayKantereit am 12. August 24 500 Besucherinnen und Besucher. Matthias Mettmann, der die restlichen Festivals und Solo-Konzerte mit seinem Unternehmen Chimperator organisiert, ist davon überzeugt, dass die neuen Caterer aus Fehlern lernen werden. Man werde den Aufbau der Stände ändern und entzerren. Bargeld-Bezahlung ist dann nicht mehr möglich. „Wir haben uns für das Cashless-System entschieden“, sagt er, „da ist dann das Wechselgeld und das Abzählen kein Problem mehr.“
Bezahlen per Armband
Beim System Cashless bekommen die Fans ein Armband mit Chip, mit dem dann alles schnell bezahlt werden soll. Das Band kann man schon vor dem Konzert bestellen, etwa über eine App, oder es an Ort und Stelle kaufen. Weil gerade so viele Veranstaltungen in Stuttgart stattfinden – am Samstag auch der CSD – sei es schwer, Personal zu finden. „Wir haben jetzt aber mit den Leuten vom Gastrobüro genügend gefunden“, sagt Mettmann, „auch, weil wir mehr als Mindestlohn bezahlen.“ Mit Dinkelacker sei obendrein eine Stuttgarter Brauerei mit im Boot. „Uns ist es wichtig, dass regionale Aspekte zählen“, versichert der Chimperator-Geschäftsführer. Für den Caterer aus Chemnitz habe man sich entschieden, weil dieser schon mehrfach bewiesen habe, große Konzerte – zuletzt etwa bei Bruce Springsteen – sehr gut meistern zu können.
Die reine Bezahlung über Karten, wie bei den Jazz Open geschehen, sei auf dem Wasen noch nicht möglich, weil das digitale Netzwerk dafür noch noch nicht gut genug sei. Mit den Armbändern werde es bei den restlichen Wasenkonzerten nun aber deutlich besser funktionieren, glaubt er.