Digitales Dasein als Doku Das zweite Leben im Netz

Von Katrin Hillgruber 

Die Doku-Filmreihe „100%ig Leben“ beobachtet Menschen in ihrem digitalen Dasein. Im ersten Film „Login 2 Life“ geht es um die Plattform „Second Life“.

In der virtuellen Welt gibt es auch eine Baden-Württemberg-Vertretung. Foto: dpa 2 Bilder
In der virtuellen Welt gibt es auch eine Baden-Württemberg-Vertretung. Foto: dpa

Stuttgart - Alice B. Krueger verlässt ihr Haus in Denver, Colorado, nur noch selten. Es bereitet ihr schon Mühe, sich auf eine Stufe der Veranda zu setzen und ihrem Hund einen Ball in den verwilderten Garten zu werfen. Die frühere Erziehungswissenschaftlerin und Mutter dreier erwachsener Kinder leidet an Multipler Sklerose, was ihren Aktionsradius immer weiter einschränkt. Ihren Computer kann sie nur im Liegen bedienen, aber das stört sie nicht, denn: Als „Gentle Heron“ (auf Deutsch etwa „sanftmütiger Reiher“) erschafft sich Alice mindestens einmal am Tag neu.

Auf der Internet-Plattform „Second Life“ (SL) ist sie eine junge, schlanke blonde Frau, die in einer furchtbar kitschigen Landschaft stereotyp lächelnd umhertanzt. Auf weltweit 20 Millionen Nutzer wird die „Second Life“-Community geschätzt, deren Erfinder ganz reales Geld verdienen. Alice B. Krueger gründete die gemeinnützige Organisation „Virtual Ability Incorporation“. Diese ist bestrebt, die Interessen Behinderter in Netzwerken wie „Second Life“ zu unterstützen. Im Internet könnten sie sich endlich als „normal“ empfinden, so das Credo. Fünf Jahre lang hat sich Daniel Moshel, 1976 in Offenbach geboren, in virtuellen Welten umgetan. Das Ergebnis ist sein Dokumentarfilm-Debüt „Login 2 Life“, der auch an 70 Tagen „synthetisch“ gedreht wurde.

Sechs weitere Protagonisten

Moshel wählte sich neben Alice sechs weitere Protagonisten, die sich entweder auf der dreidimensionalen Kommunikationsplattform „Second Life“ zuhause fühlen oder in dem martialischen Online-Spiel „World of Warcraft“ (WOW), wie der querschnittgelähmte Corley. Auf „Second Life“ wurde die Berliner Liedermacherin Juliane Gabriel alias Jaynine Scarborough bekannt, oder der sogenannte SL-Sexgott Stroker Serpentine, bürgerlich Kevin Alderman. Die Frage, inwieweit Computer-Rollenspiele süchtig machen, hat sich da längst beantwortet. Mit diesem denkwürdigen Einblick in ein künstliches „zweites Leben“ eröffnet die auf Innovation und Zusammenarbeit mit Nachwuchsregisseuren abonnierte ZDF-Redaktion „Kleines Fernsehspiel“heute eine fünfteilige Reihe, in der es im weitesten Sinne um neuartige oder um die Veränderung bestehender Beziehungen geht.

In dem vielfach ausgezeichneten Film „Forgetting Dad – Vater ohne Vergangenheit“ (24. Oktober) beispielsweise nähert sich der Regisseur Rick Minnich seinem Vater neu an, der nach einem leichten Autounfall vor 18 Jahren das Gedächtnis verlor. Der Vater nennt sich seitdem „New Richard“ und lebt mit einer anderen Frau zusammen. Mit dem Sohn von „Old Richard“ will er nichts mehr zu tun haben, was diesen erst recht zur kriminalistischen Spurensuche anspornt.

Bilder vom zeitgenössischen Mann-Seins

In „Reine Männersache“ (14. November) begibt sich Suanne Binninger an Orte, an denen Bilder vom zeitgenössischen Mann-Seins geprägt werden, wie bei einem Putzmittelhersteller oder einem Haushaltszehnkampf für Paare. Die oft haarsträubenden Schwierigkeiten ausländischer Gastschüler beleuchtet „12 Monate Deutschland“ von Eva Wolf (31. Oktober), während Niko Apel noch jüngere Akteure wählte: In seinem Film „Von Kindern“ (7. November) stellte er drei Kinder zwischen neun und zwölf Jahren hinter die Kamera, die aus ihrer Perspektive unter anderem den Alltag in einem Seniorenheim filmten.

Aber sind die neuen virtuellen Beziehungen wirklich so heilsbringend, wie das „Login 2 Life“ suggeriert? Für Alice B. Krueger handelt es sich nicht um Eskapismus, sondern um eine andere Form der sozialen Kommunikation, wie sie sagt. Doch sobald sie den Computer ausschaltet, ist sie wieder allein in ihrem Haus. Hat sie ihr „erstes“ Leben nicht längst aufgegeben? „Login 2 Life“: ein Film, der erschaudern lässt und für Diskussionen sorgen dürfte.

 „Login 2 Life“, 17. Oktober, 0 Uhr