Digitalisierung an Schulen Das Ende der Kreidezeit ist noch fern

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Smartphone und Tablet sind aus dem Alltag der Schüler nicht wegzudenken. Die Schulen hinken hinterher. Das wird sich nicht so schnell ändern, auch wenn die grün-schwarze Koalition die Digitalisierung zu ihrem zentralen Handlungsfeld erkoren hat.

In den Pausen nutzen die Schüler Smartphones und Tablets Foto:  
In den Pausen nutzen die Schüler Smartphones und Tablets Foto:  

Stuttgart - Die grün-schwarze Koalition hat die Digitalisierung zu ihrem zentralen Projekt erhoben. Da sollen die Schulen nicht zurückstehen. Grüne und CDU versprechen: „Wir setzen uns dafür ein, dass die Schulen im Land mit digitaler Technik ausgestattet werden.“ Man will den siebten Klassen Informatikkurse anbieten und „eine sichere, landesweit verfügbare Bildungsplattform für alle Schulen im Land einführen“. „Es ist wichtig, unsere Schulen inhaltlich wie technisch gut für die Zukunft aufzustellen“, betont die Kultusministerin Susanne Eisenmann (CDU).

Zum Schuljahresauftakt ist von Digitalisierung an den Schulen allerdings nicht allzu viel zu spüren. Matthias Schneider, der Geschäftsführer der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) konstatiert lapidar: „Das einzige Wahrnehmbare ist, dass die Digitalisierung im Organigramm des Kultusministeriums verankert ist und man dort den Anteil der Mitarbeiter erhöht hat.“

Es gibt aber auch den Bildungsplan, der jetzt eingeführt wird. Allerdings wurde er lange vor dem Amtsantritt der grün-schwarzen Koalition entwickelt. Er definiert die Medienbildung als Schlüsselqualifikation und erhebt sie in der „Leitperspektive Medienbildung“ zu einem Thema für alle Fächer, das die Schüler darin unterstützen soll, „sich in der modernen Lebenswelt zu orientieren“. In einem „Mediencurriculum“ hat das Landesmedienzentrum vorbildliche Unterrichtseinheiten zusammengestellt. Schüler sollen lernen, Quellen zu nutzen und zu prüfen, sie sollen eigene Präsentationen erstellen und über Daten- und Jugendschutz diskutieren.

An vier Gymnasien wird der Einsatz von Tablets getestet

Für die fünften Klassen wird von diesem Schuljahr an ein Basiskurs eingeführt, damit sollen in 35 Stunden die Grundlagen für die weitere Medienbildung geschaffen werden. Vorgeschlagen wird eine „Kompaktwoche“ möglichst im ersten Schulhalbjahr, in der die Fünftklässler einen einheitlichen Stand erreichen. Sie sollen in dem Kurs mit digitalen Medien arbeiten, aber auch über ihr Medienverhalten kritisch nachdenken. An vier Gymnasien in Baden-Württemberg wird von diesem Schuljahr an besonders intensiv mit dem Computer gearbeitet: Sie starten den offiziellen Schulversuch zum Tablet-Einsatz. Die beruflichen Gymnasien sind bereits vorangegangen. Jetzt folgt ein allgemein bildendes Gymnasium in jedem Regierungsbezirk. Fünf Jahre lang wird der Einsatz der Tablets vor allem in Geschichte, Mathematik und Englisch getestet.

Das Friedrich List-Gymnasium in Reutlingen ist eine der vier Versuchsschulen. Der stellvertretende Schulleiter Frieder Walker sagt, es gehe um die Weiterentwicklung der Unterrichtskultur. Man könne nicht den bisherigen Unterricht einfach mit neuen Geräten fortsetzen. Das Projekt dauert drei Jahre. Zunächst werden die Lehrer fortgebildet – technisch wie didaktisch. Im Februar erhalten die Siebtklässler dann ihre Tablets. Jedes Jahr kommen zwei weitere Klassen hinzu. Der Versuch wird wissenschaftlich begleitet. Im Schuljahr 2017/18 können 14 weitere Schulen in das Tabletprojekt einsteigen. Knackpunkt der Digitalisierung ist aber die Ausstattung der Schulen. „Das WLAN darf nicht zusammenbrechen, wenn um 7.45 Uhr drei Klassen gleichzeitig online gehen“, berichtet Friedrich Graser von Berufsschulverband von Erfahrungen aus dem Tablet-Versuch an den Beruflichen Gymnasien. Für die Städte, die für die Ausstattung der Schulen zuständig sind, ist die Digitalisierung eine Mammutaufgabe. Auf 300 Millionen Euro beziffert Norbert Brugger, der Bildungsdezernent des Städtetags Baden-Württemberg, die Kosten für Anschlüsse und Leitungen. Strittig ist, wer zahlt. Die Verhandlungen zwischen Land und Kommunen stehen erst an. Brugger hält es für „ambitioniert, aber realisierbar“, noch in dieser Legislaturperiode das Ende der Kreidezeit an den Schulen einzuläuten.

Das Problem ist die Menge an Daten

Im Moment sind die Schulen davon noch Millionenbeträge entfernt. Würden die meisten Städte nicht ihre eigenen Server zur Verfügung stellen, hätten Lehrer in Baden-Württemberg nicht einmal eine Mailadresse. Das Problem mit der Digitalisierung der Schulen ist laut Brugger die schiere Menge von Daten. Es ist ja nicht so, als würde eine Pommesbude online gehen. 130 000 Lehrer sollen die Daten von 1,5 Millionen Schülern verwalten.

Die Bildungsplattform ist eine der Wegmarken zur Digitalisierung der Schulen. Darum soll sich das Referat „Medienpädagogik, digitale Bildung“ kümmern, das die Kultusministerin quasi mit ihrem Amtsantritt eingerichtet hat. Mit der Plattform will das Ministerium „den Schulen eine verlässliche, schulübergreifende, datenschutzkonforme und dauerhaft verfügbare technische Grundinfrastruktur zur Verfügung stellen“, erklärt Eisenmann. Zum Beispiel einheitliche dienstliche E-Mail-Konten für Lehrer, Schulverwaltungsprogramme und pädagogische Angebote. Im aktuellen Haushalt stehen dafür laut Ministerium sechs Millionen Euro bereit. Wann die virtuelle Plattform Realität wird, darauf mag sich die Ministerin noch nicht festlegen. Man prüfe und stelle Weichen und wolle „eine tragfähige Lösung für die nächsten Jahrzehnte“, teilt Eisenmann mit.

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