Stuttgart - Eigentlich könnte sich Dirk Rossmann zufrieden zurücklehnen und die Früchte seines Lebenswerks genießen oder mit seinem Freund, dem Ex-Kanzler Gerhard Schröder, Skat spielen. Wäre da nicht etwas, was ihm schlaflose Nächte bereitet: die Sorge um die Zukunft des Planeten Erde. Deshalb kann man in den Rossmann-Drogeriemärkten neuerdings einen vom Chef persönlich geschriebenen Krimi kaufen, der im großen Maßstab zeigt, wo es langgehen müsste. Netflix hat schon angeklopft.
Herr Rossmann, Not macht erfinderisch. Könnte man mit Blick auf die Weltlage so umschreiben, was Sie zum Autor werden ließ?
Die Not kommt durch das Wissen um die Erderwärmung und die damit verbundenen Probleme. Wir haben keine zehn Jahre Zeit mehr, es muss etwas passieren, eruptiv, schnell und mit der Macht der wichtigsten Politiker der Welt. Ich zeige in meinem Roman, wenn wir die Weichen richtig stellen, haben wir eine Zukunft.
Wie wird man als Drogerie-Magnat zum literarischen Weltenretter?
Die Handlung hat sich mir aufgedrängt. Es geht um das zentrale Thema der Menschheit. Ich habe mich gefragt, was kann ich mit meinen 74 Jahren bewirken. Meine Möglichkeiten tendieren gegen null, mit meinem Buch versuche ich, sie etwas zu erhöhen.
Sie zeichnen eine Welt, die unaufhaltsam auf den Klimakollaps zutreibt und nur durch das entschlossene gemeinsame Handeln der Supermächte USA, Russland und China vor ihrer Zerstörung bewahrt werden kann. Das ist eine Revolution von oben. Ist das realistisch?
Mein Buch spielt den Gedanken durch, was passieren würde, wenn die Menschen, die die größte Entscheidungsmacht haben, sich der Sache annehmen würden. Tausend Milliarden Euro geben diese drei Supermächte jedes Jahr für Rüstung aus. Wenn man aus Misstrauen mal Vertrauen machen könnte, das darf man ja mal denken, dann könnte man dieses Geld in die Bekämpfung des Klimawandels investieren. Denn da drohen uns dramatische Auswirkungen.
Aber man schluckt ein wenig, wenn die neue Weltordnung mit alten Namen einhergeht wie Putin und Xi Jinping.
Da haben Sie recht, und ich weiß, dass beide keine Demokraten sind. Ich finde einen Putin, der sich mit Leuten wie Lukaschenko oder Assad einlässt, unerträglich. Trotzdem sehe ich einen Riesenunterschied bei ihm und Xi Jinping gegenüber Trump: In seinem Fall halte ich es für ausgeschlossen, dass er lernfähig sein könnte. Aber die beiden andern sind nicht doof, auch wenn sie eine Politik machen, die wir nicht gutheißen können.
In Ihrem Buch liest man auch, dass Sie mit dem früheren Bundeskanzler Gerhard Schröder Skat spielen. Reden Sie da manchmal auch darüber, dass die russischen Energiekonzerne nicht unbedingt Vorreiter im Kampf gegen den Klimawandel sind?
Mit meinem Freund Christian Wulff, dem ehemaligen Bundespräsidenten, rede ich viel über Politik, mit Gerhard Schröder nicht. Wir spielen nur Karten.
Was halten Sie von einer Bewegung von unten wie die Fridays for Future?
Ich finde das hochsympathisch und unterstütze es nach Kräften. Aber ich glaube, damit ist es nicht getan. Wenn Sie wirklich etwas verändern wollen, zeitnah, dann geht das nicht ohne die, die an den großen Hebeln sitzen und die Entscheidungsmacht haben. Es muss weltweit etwas passieren. Greta Thunberg hat eine große Macht über junge Menschen, aber sie hat keine Entscheidungsmacht.
Ihr Kollege Götz Werner wirbt für ein bedingungsloses Grundeinkommen, Sie wollen mit einem Roman die Welt retten: Gibt es etwas in Ihrem Beruf, das zu solchen philanthropischen Missionen drängt?
Ich kenne Götz Werner seit knapp 50 Jahren, wir sind gute Freunde. In der Frage, was wir als erfolgreiche Unternehmer tun können, um unserer Verantwortung der Gesellschaft gegenüber gerecht zu werden, waren wir immer einer Meinung. Ich habe schon vor 30 Jahren die Stiftung Weltbevölkerung gegründet. Es geht um drei Dinge, wenn wir global etwas verändern wollen: die totale Abrüstung, die Begrenzung der Weltbevölkerung – wir brauchen in Indien und Afrika eine Ein-Kind-Politik – und um den Kampf gegen den Klimawandel.
Steht erfolgreiches unternehmerisches Handeln aber nicht auch immer wieder im Konflikt mit philanthropischen Prinzipien?
Das mag stimmen, aber unser Unternehmen engagiert sich intensiv für den Umweltschutz. Wir machen jede Menge, aber das reicht natürlich noch lange nicht aus, weil wir ein globales Problem haben. Deshalb habe ich das Buch geschrieben, weil ich mehr tun wollte, als dass wir 800 mikroplastikfreie Produkte führen. Ich habe den Wunsch, etwas für diesen Globus zu tun, auch mit Blick auf meine Enkel.
Um in der Bildwelt der Drogerie zu bleiben: Da kommt es ja auch darauf an, dass die Dinge schön verpackt sind. Ist eine spannende Krimihandlung die süße Hülle für die bittere Medizin der Erkenntnis, dass wir unser Leben ändern sollten?
Sachbücher gibt es jede Menge, auch von Wissenschaftlern, die von dem Thema viel mehr Ahnung haben. Mein Wunsch war, die Menschen zu erreichen. Und die Nachfrage nach meinem Buch bestätigt mich, selbst ein Verlag aus China hat schon angefragt. Streamingdienste wie Netflix sind auf mich zugekommen, um sich die Filmrechte zu sichern.
Als Autor sind Sie auch mit Kritik konfrontiert: Schmerzen Sie Verrisse?
Wenn man sich an die Öffentlichkeit wagt, muss man auch einstecken können. Mir ist es nur wichtig, dass eine Auseinandersetzung fair bleibt. Mich ärgert es, wenn ich falsch zitiert werde.
Sie schreiben, die entscheidende Dekade sei unser gerade beginnendes Jahrzehnt. Wie zuversichtlich sind Sie?
Ich bin Atheist, aber genauso wie Martin Luther würde ich heute noch ein Apfelbäumchen pflanzen, wenn ich wüsste, dass morgen die Welt unterginge. Ohne etwas Zuversicht und Hoffnung können wir nicht leben. Wir werden Dinge erleben, mit denen heute noch niemand rechnet. Anfang Januar hat doch niemand für möglich gehalten, was mit Corona auf uns zukommen würde. Aber das gilt auch für die Möglichkeit unserer Rettung. Ich will einfach nicht glauben, dass die Menschheit so unendlich dämlich ist und alles zerstört.
Info
Unternehmer Der 1946 in Hannover geborene Dirk Rossmann eröffnete 1972 mit seinem Markt für Drogeriewaren den ersten Drogeriediscounter Deutschlands, aus dem sich die drittgrößte Drogeriemarktkette Deutschlands entwickelt hat. Neben seiner unternehmerischen Tätigkeit engagiert sich Rossmann auch sozialpolitisch. Mit seiner Stiftung Weltbevölkerung unterstützt er seit 1991 entwicklungspolitische Programme zur Geburtenkontrolle und Aids-Bekämpfung in Ländern der sogenannten Dritten Welt.
Autor Seine Autobiografie „. . . dann bin ich auf den Baum geklettert“ von 2018 wurde zum Bestseller. „Der neunte Arm das Oktopus“ ist sein erster Krimi.
Buch Irgendwann haben auch die Supermächte kapiert, was auf dem Spiel steht, und bilden eine Klimaallianz. Das Sinnbild der Zusammenarbeit sind die Arme des Oktopus. Doch es gibt viele, die bei diesem Kurs um ihre Privilegien bangen müssen. Darunter auch der brasilianische Präsident. „Der neunte Arm des Oktopus“ (Lübbe, 400 Seiten, 20 Euro) rangiert seit Wochen auf den vordersten Bestsellerrängen, sicher auch dank eines enormen Werbeaufwands – aber wenn es der Weltrettung dient . . .