Dirndl-Gate in Stuttgart Was vom Aufschrei übrig blieb

An  der Bar des Hotels Maritim fiel Brüderles verhängnisvoller Dirndl-Satz. Außerdem ist hier hohe Cocktail-Kunst zu bewundern. Foto: Gottfried Stoppel
An der Bar des Hotels Maritim fiel Brüderles verhängnisvoller Dirndl-Satz. Außerdem ist hier hohe Cocktail-Kunst zu bewundern. Foto: Gottfried Stoppel

Rainer Brüderle nimmt in seinem neuen Buch „Jetzt rede ich!“ zu den Sexismus-Vorwürfen gegen seine Person Stellung. Welche Rolle spielte die Bar des Maritim als Schauplatz des Dirndl-Gates? Eine Annäherung an das Phänomen Hotelbar.

Wochenendbeilage : Ingmar Volkmann (ivo)
WhatsApp E-Mail LinkedIn Flipboard Pocket Drucken

Stuttgart - Es geschah am 5. Januar 2012, einen Abend vor dem Dreikönigstreffen der FDP in Stuttgart. Rainer Brüderle spricht zu vorgerückter Stunde an der Bar des Hotels Maritim folgenden folgenschweren Satz zur „Stern“-Journalistin Laura Himmelreich: „Sie können ein Dirndl auch ausfüllen.“

Über ein Jahr später, am 24. Januar 2013, nachdem die FDP Brüderle zu ihrem Spitzenkandidaten im Bundestagswahlkampf nominiert hat, erscheint der „Stern“ mit der Geschichte „Rainer Brüderle – Der spitze Kandidat“, in der Himmelreich einen Mann beschreibt, „der zwischen Weißwein und „Körbchengröße 90 L zu Hause ist, einen Mann aus der Vormoderne“.

Aufschrei erhält Preis, FDP fliegt aus dem Bundestag

Die Folgen der Geschichte sind bekannt: Unter dem Label „#Aufschrei“ werden in den folgenden zwei Wochen Schätzungen zufolge 60000 Tweets zum Thema sexuelle Diskriminierung versendet. Die #Aufschrei-Debatte erhält später einen Grimme-Preis, und die FDP verpasst erstmals den Einzug in den Bundestag.

Vor wenigen Wochen nun hat Rainer Brüderle sein Buch „Jetzt rede ich!“ veröffentlich. In einem Kapitel versucht er, die Sexismus-Debatte aus seiner Sicht aufzuarbeiten. Grund für uns, das Phänomen der Hotelbar genauer unter die Lupe zu nehmen. Wenn Rainer Brüderle laut „Stern“ „ein Mann aus der Vormoderne ist“, welche Rolle hat dann die Bar als „Ort der Vormoderne“ für die Sexismus-Debatte gespielt?

Hotel-Bars sind aus der Zeit gefallene Orte

Die Bar-Kultur, wie wir sie heute kennen, wurde in den Grandhotels des 20. Jahrhunderts in Amerika geboren. Eine Hotelbar war damals „eine Insel am Rande der Wirklichkeit“, schreibt Hans Gerlach im Magazin der Süddeutschen Zeitung. Die ersten Globetrotter kamen in Hotelbars auf der ganzen Welt in den Genuss solch verlässlicher Reisebegleiter wie Singapur Sling oder Manhattan. Schon die Namen der neuen Cocktailkultur schmeckten nach weiter Welt.

Gute Hotelbars sind heute eine vom Aussterben bedrohte Spezies. Was es einst an Drinks exklusiv an der Bar eines Hotels gab, hat heute beinahe jede Systemgastronomie schlecht gemixt im Angebot. Und angesichts wirklich gut gemachter Bars im klassischen Sinne wirkt der besondere Charme einiger Hotelbars dagegen oft seltsam aus der Zeit gefallen.

Im Maritim will sich Brüderle lieber nicht mehr treffen

Der Versuch, Rainer Brüderle, einen Politiker, der noch die Bonner Republik erlebt hat, zu einem Treffen in der Bar des Maritim zu überreden, scheitert. Zu einem Telefonat zum Thema ist er aber bereit. „Fast 25 Jahre lang habe ich am Vortag des Dreikönigstreffens der FDP in Stuttgart eine Rede gehalten. Es war üblich, sich im Verlauf des Abends zu vertraulichen Gesprächen mit Journalisten, im Journalistenjargon so genannte Gespräche unter Drei, an der Bar des Maritim zu treffen“, sagt Brüderle. „Da wurde Wein getrunken, herumgeflachst und nie ist auch nur ein Satz an die Öffentlichkeit geraten.“

Brüderle sieht den Fehler nicht bei sich, sondern betracht sich als Opfer einer Kampagne. „Das war eine lockere Atmosphäre, über die angesprochene Äußerung hat sich an dem Abend niemand beschwert, auch die Dame selbst nicht.“Inwiefern war die Hotelbar fördernd für die Dirndl-Bemerkung? „Im Maritim haben sie gut gezapftes Bier, aber auch gute Weine. Nach einem Ball ist das eben ein schöner Ausklang, sich in solch einem Rahmen noch ein bisschen zu unterhalten. Es ist gesellig und keine ,chemisch reine Sezierveranstaltung des Politikbetriebs’.“ Würde sich Brüderle mit dem Wissen um die Aufschrei-Debatte heute anders verhalten? „Nein. Mein Eindruck ist: man kann sich verhalten, wie man will – wenn man etwas stricken will, strickt man etwas.“

Besuch am Ort des Geschehens. „Man müsste die Theke mit dem gepolsterten Haltegriff ins Haus der Geschichte stellen“, hat Uwe Bogen in den Stuttgarter Nachrichten geschrieben. Die Decke ist verspiegelt. „So kann man beim ersten Date die Proportionen von oben abschätzen“, stellt die Begleiterin trocken fest. Ganz und gar nicht trocken sind der Whiskey Sour und der Cocktail Negroni, der Barkeeper hat einen exzellenten Job verrichtet. Was vom Aufschrei übrig blieb? Statt Busladungen voller Touristen, die noch heute den Ort des Dirndl-Gates bewundern, verlieren sich nur drei weitere Gäste in der Bar, die aussieht, als wäre eine Zeitkapsel in einer längst vergangenen Zeit hängen geblieben.

Ein ausführliches Interview mit Reiner Brüderle findet sich hier.




Unsere Empfehlung für Sie