Rein oder raus? Lehre oder Kneipe? Lars Kanzian ging raus, schmiss die Ausbildung zum Industriemechaniker und erzürnte seinen Vater damit so sehr, dass der ihn aus der Wohnung warf. „Er hat gesagt, wenn ich jetzt gehe, brauche ich nicht mehr wiederkommen“, erinnert sich der 1973 geborene Lars Kanzian. Knapp 30 Jahre ist das jetzt her, die Wunden sind verheilt, Kanzian hat seinen Frieden mit der Vergangenheit und seinem Vater gemacht. Auch weil er immer wusste, was er wollte; weil er seinen Weg gegangen ist, und nicht den, den der Vater für ihn ausgesucht hatte: Schaffe schaffe Häusle baue.
Kanzian hat auch viel geschafft, aber gebaut hat er kein Eigenheim, sondern eine Karriere im Nachtleben. Und er hat eine Legende erschaffen. Das Proton an der Königstraße 49. Seit 25 Jahren betreibt er seinen Club. Als er anfing, nannte man das noch Disco. Da waren nebenan das AT, das Roxy schon Geschichte, das Toy ist auch dahingeschieden. Und vom Nachbarn Schocken ist nur noch der Name übrig geblieben.
Ein neues Kulturquartier mit schwäbischer Wirtschafterei
Runderneuert hat er das Proton, noch während Corona, für insgesamt 700 000 Euro. Und aus einem Club eine Veranstaltungsstätte gemacht, Kulturquartier nennen er, sein Programmmacher Benny Reichert und Betriebsleiter Jeff Pelkmann das. Das war ein Kraftakt, oder? In seiner typischen Art sagt Kanzian trocken: „Ich habe da Eier gezeigt. Die Banken haben mitgespielt, und ich habe schwäbisch gewirtschaftet.“ So wie sich sein Vater das vorgestellt hat. Doch was andere in ein Häusle anlegen, investiert er in seinen Laden.
Die Mechanikerlehre hat er geschmissen, doch das Geschäft mit den Nachtschattengewächsen hat er von der Pike auf gelernt. Kaum volljährig, leitete er das Courage in Bad Cannstatt in der Erdinger-Passage, eine klassische Kneipe mit Automaten. Er machte sich einen Namen, peppte mit Gastro einen brach liegenden Alten Bahnhof auf dem Lande auf, den der Besitzer dann verkaufen konnte. In Nagold entdeckte er dann eine Fensterfabrik, die leer stand. Die Disco Top Secret wurde schnell bekannt, auch weil er auf einem Silo einen Sky Beamer installierte, der weit in den Schwarzwald strahlte. Womöglich ein bisschen heller als die Behörden erlaubten. Das lief gut, doch das Ziel blieb eine Disco in Stuttgart.
Ein altes Kino für den Start in Stuttgart
Kanzian erfuhr, dass der Betreiber des Zenit aufhören wollte. In den Räumen des ehemaligen Kino Royal lief es nicht mehr so gut. „1997 habe ich den Mietvertrag unterschrieben“, sagt Kanzian, „der Verkäufer blieb noch ein Jahr als Untermieter drin, dann wollte ich übernehmen.“ Die Miete wollte er in bar, eines Tages bekam er nur noch einen Scheck. „Der war nicht gedeckt“, erzählt Kanzian, nach einigem Hin und Her bekam er das Geld. Doch fortan sprachen die Anwälte. Man traf sich vor Gericht, Kanzian reichte Räumungsklage ein. „Ich habe ihm dann erlaubt, noch das Silvestergeschäft mitzunehmen.“
Anfang Januar 1999 war Übergabe. „Es war alles verpfändet, Licht und Technik“, erinnert sich Kanzian, „und es war alles weg: „Am 7. Januar wollten wir öffnen, doch wir haben kein Glas mehr gehabt, keinen Kühlschrank, keine Zapfanlage.“ Hilfe kam vom Getränkelieferanten aus Nufringen, der mit zwei 7,5-Tonnern und einem PKW mit vier Mitarbeitern vorfuhr, voll geladen. „Wir haben binnen eines Tages alles komplett eingerichtet, samt Aschenbechern“, sagt Kanzian.
Die Legenden des Nachtlebens
Seitdem gibt es das Proton. Und steht in einer Reihe mit der Boa, dem Climax und dem Perkins Park, den Dinos des Nachtlebens. Eine lange Zeit für eine Branche,die Trends unterworfen ist, die sich immer schneller ändern – und die sich gerade bei elektronischer Musik in immer kleinere Nischen unterteilt. Am Anfang kamen viele amerikanische Soldaten, draußen stand immer die Militärpolizei, erinnert sich Kanzian. Klassischen Hip Hop und R’n’B spielten sie. Und Scorpio, einer der Gründer von Grandmaster Flash, legte auf. Die Amis gingen heim. Hard Techno folgte, Hip Hop, Elektro, „man muss sich immer neu erfinden“. Doch die Nische der Nische, das funktioniere nicht in einem so großen Club mit 400 Leuten. Paul van Dyk war da zur Geburtstagsparty, Lokalmatador Le Shuuk schaute vorbei, die großen Namen gehen immer. Ansonsten sei das Geschäft aber viel schwieriger geworden, sagt Benny Reichert. Via Tik Tok werde ein DJ praktisch über Nacht ein Star, statt einigen hundert Euro werden dann mehrere tausend Euro fällig. Doch wenn er auftaucht, ist vielleicht schon der Nächste angesagt.
Ein Ärgernis: die hausgemachte Konkurrenz
Nicht nur Musik wird Online beworben und verkauft, man lernt sich auch im Netz kennen. „Früher musstest Du ausgehen, wenn Du jemand treffen wolltest“, sagt Kanzian, „das funktioniert heute via Handy. Und natürlich sind Medien wie Netflix Konkurrenz für uns. Da bleibt man halt daheim.“ So richtig ärgert er sich aber über die hausgemachte Konkurrenz. „Die Kneipe hat früher um zwölf oder um eins zugemacht. Das war halt eine Bar. Was ist heute? Eine Bar hat bis um 5 Uhr auf, die haben einen clubähnlichen Betrieb, Regeln interessieren nicht.“ Früher war es so: Ein Restaurant ist ein Restaurant, eine Bar eine Bar, eine Diskothek eine Diskothek. Und Reichert erzählt von der typischen Stuttgarter Nummer: tagsüber Café, abends Kneipe, nachts Club. „Das ist ein Riesenproblem geworden.“
Als Disco-Betreiber müsse er Regeln einhalten, werde kontrolliert, während anderswo illegal ohne Folgen gefeiert werde. Das ärgert ihn: „Mich hat eine Brandschau am Ende 305 000 Euro gekostet, dass da weiter in meiner Konzession Diskothek steht. Nebenan übernimmt einer eine Metzgerei, macht einen Club auf, stellt einen DJ rein, der bläst die Leute illegalerweise mit 110 Dezibel weg, obwohl nur Hintergrundmusik erlaubt ist. Dort ist der Eintritt frei.“
Ein neues Konzept soll neue Gäste locken
So sei man als Discothek nicht mehr konkurrenzfähig, die Stadt reagiere nicht. Also müsse man mehr bieten als eine Bar bieten könne. Mit Licht, mit Ton, mit einem neuen Konzept wie dem Kulturquartier, Konzerte, Poetry Slam, Lesungen und mittwochs Studentenpartys, bei denen es zum ersten Getränk einen Hot Dog umsonst gibt. Um neue Gäste anzuziehen, die hoffentlich wieder kommen, wenn Freitag und Samstag elektronische Musik aufgelegt wird. Und Sonntag zur After Hour geladen.
Mit Jeff Pelkmann hat Kanzian einen neuen Betriebsleiter eingestellt, er kam von der L’Osteria-Kette. Ein allmählicher Rückzug? „Neue Ideen“, antwortet Kanzian und grinst. Er hat vom Nachtleben noch nicht genug – er ist noch lange nicht raus.