An diesem Grundstück scheiden sich die Geister: Die Brachfläche in der Dornierstraße im Esslinger Gewerbegebiet Sirnau ist eine der wenigen Freiflächen, die es in Esslingen noch gibt. Nun hat die Stadtverwaltung vorgeschlagen, das Areal als Abstellfläche für Busse des Städtischen Verkehrsbetriebs zu nutzen. Für die einen ist das die ideale Lösung, um die Verkehrswende voranzutreiben, für die anderen eine vertane Chance für die Wirtschaft.
In den vergangenen Jahren war das rund 4000 Quadratmeter große Grundstück offenbar immer wieder in der Diskussion gewesen. Verschiedene Unternehmen hatten Interesse an dem Gelände zwischen dem Abhollager einer großen Möbelfirma und einem Spezialgeschäft für Farben an der Dornierstraße angemeldet – darunter wohl auch ein bekannter Heimwerkermarkt, ein Logistikbetrieb und ein Sportartikelhändler. Doch Stadt und Gemeinderat hatten stets abgewunken – aus verschiedenen Gründen, aber wohl auch in der Hoffnung auf den perfekten Deal für das Areal.
Der Platzbedarf des Städtischen Verkehrsbetriebs steigt
Jetzt hat der Städtische Verkehrsbetrieb (SVE) den Wunsch geäußert, auf dem Grundstück eine Abstellfläche für seine Busse einzurichten. Denn der Platzbedarf steige – zum einen, weil der Fuhrpark angesichts der Verkehrswende sowie anvisierter Ausweitungen des Liniennetzes wachse. Zum anderen wegen der geplanten Inbetriebnahme der 46 neuen Oberleitungsbusse mit Batterie, die laut SVE nach der Auslieferung erst noch für den Einsatz in Esslingen ausgerüstet werden müssen. Das dauere pro Fahrzeug rund acht Wochen. Daher benötige man mit Beginn der Inbetriebnahme der neuen O-Busse zusätzliche Abstellflächen für etwa 15 Fahrzeuge. Dafür sei das Grundstück an der Dornierstraße ideal. Zumal es möglich wäre, die Fläche perspektivisch mit Photovoltaik-Elementen zu überdachen und so eine Ladestation zu schaffen, die auch E-Bussen von Dritten zur Verfügung gestellt werden könnte.
In der jüngsten Sitzung des Verwaltungsausschusses stieß dieser Plan auf ein geteiltes Echo. Während die einen das Vorhaben als dringend notwendig für die Verkehrswende und den damit verbundenen Ausbau des öffentlichen Nahverkehrs ansahen, kritisierten die anderen, dass man ein wertvolles Gewerbegrundstück als Parkplatz verscherbeln wolle.
Der Grünen-Stadtrat Marco Bertazzoni etwa lobte das Vorhaben. Man solle die Fehler der Vergangenheit nicht wiederholen, betonte er: „Durch die Bebauung des alten ZOB haben wir die Erweiterung des ZOB in der Innenstadt verhindert – und wir brauchen Busse für die künftige Mobilität.“ Das sah man bei den Freien Wählern jedoch ganz anders: „Wir sind nicht glücklich mit der Vorlage“, betonte die Fraktionsvorsitzende Annette Silberhorn-Hemminger. Man spreche hier über eines der letzten freien Grundstücke im städtischen Besitz, um das lange gerungen worden sei. Immer wieder habe man Interessenten abgewiesen mit dem Hinweis, dass man auf dieser Fläche hochwertige Unternehmen mit guten Zukunftsperspektiven und vielen Arbeitsplätzen ansiedeln wolle. „Das ist ein Filetstück für Gewerbetreibende und jetzt soll dort ein Parkplatz drauf“, echauffierte sich Annette Silberhorn-Hemminger. Und das ohne jegliche Bewertung durch die Wirtschaftsförderung. „Diesen Umgang der Stadt mit Gewerbeflächen halten wir für höchst kritisch“, sagte die Freie-Wähler-Chefin weiter. Zumal das Grundstück auf dem freien Markt wohl rund 1,2 Millionen Euro wert wäre – und nun für mickrige 40 000 Euro an den SVE übertragen werden solle.
Entscheidung über Grundstück wird vertagt
Auch der SPD-Fraktionschef Nicolas Fink betonte, dass es sich um ein außergewöhnliches Grundstück handele. Andererseits „wollen wir auch nicht, dass der Umstieg auf die E-Mobilität ausgebremst wird“, so Fink. Der FDP-Rat Sven Kobbelt regte an, dem SVE das Grundstück nur so lange zu überlassen, bis ein Unternehmen Interesse anmelde. Und der CDU-Fraktionschef Tim Hauser bat um eine Darstellung von Alternativlösungen. Johannes Müller, Technischer Werkleiter des SVE, erklärte: „Ich wehre mich gegen den Begriff Parkplatz. Das ist eine wichtige Betriebsfläche, die wir langfristig nutzen wollen.“ Müller betonte, die Zeit sei knapp. Dennoch vertagte Oberbürgermeister Matthias Klopfer die Entscheidung über die Fläche auf Wunsch der Räte auf Ende Juni.
Interessenten für Gewerbefläche
Anfragen
Laut Stadtverwaltung gingen von 2017 bis 2019 mehrere Anfragen von Gewerbetreibenden für den Kauf von Flächen ein, die in Größe und Lage der städtischen Fläche in der Dornierstraße entsprachen. Bei einer Ausschreibung im Herbst 2020 bewarben sich die meisten aber wohl wegen der Corona-Pandemie nicht als Bieter.
Einbruch
Zwischen 2021 bis 2024 gab es laut Stadt elf Anfragen für Gewerbeflächen, die auf die in der Dornierstraße gepasst hätten. Doch seit Ende 2023 verzeichne man einen starken Einbruch bei der Flächennachfrage – mutmaßlich wegen der schwierigen Wirtschaftslage.