Jugendkriminalität in Ditzingen Kinder sammeln Straftaten wie Trophäen

Gewalt von Jugendlichen ist vielerorts ein Thema. Foto: imago/photothek/Liesa Johannssen

In Ditzingen attackieren Elfjährige ihre Altersgenossen, 17- bis 19-Jährige überfallen die Netto-Filiale in der Innenstadt. Wie konnte es so weit kommen?

Kinder und Jugendliche, die andere drangsalieren und straffällig werden – damit sah sich zuletzt Ditzingen konfrontiert. Wie kam es zur Eskalation, die in Raub mündete? Die Polizei gibt Einblicke.

 

Was ist passiert? Erst waren es Ruhestörungen rund um den Laien. Der Platz vor dem Rathaus ist seit langem ein Treffpunkt – vor allem für Jugendliche aus Ditzingen. Das Rathaus wird immer wieder zur Zielscheibe von kickenden Halbwüchsigen. Im vergangenen Sommer häuften sich die Klagen über Ruhestörungen. Dann wurden aus Ordnungswidrigkeiten Straftaten. Spätestens nach den Überfällen auf zwei Netto-Filialen war das Thema in der öffentlichen kommunalpolitischen Diskussion. Wenige Tage nach den Überfällen am 6. und 7. November, bei denen die Täter Kundschaft und Mitarbeiter mit einer Waffe bedrohten und mehrere Tausend Euro erbeuteten, wurde ein 17-Jähriger festgenommen. Ein 19-jähriger Komplize stellte sich drei Tage später. Der Haftbefehl gegen einen 18-Jährigen wurde nach einem Geständnis gegen Auflagen außer Vollzug gesetzt.

Die Polizeipräsenz im Ort wurde sichtbar erhöht, die Jugendlichen trafen sich fortan am Bahnhof. 15 Personen im Alter zwischen elf und 17, darunter auch Geschwister, bildeten die Kerngruppe, laut der Polizei nahezu ausnahmslos mit Migrationshintergrund. Sie gingen Erwachsene und Gleichaltrige an, die nicht zur Gruppe gehörten, und forderten sie auf, ihre Taschen zu leeren. Der Bahnhof wurde zu einem Bereich, den selbst Jugendliche mieden. Wieder erhöhte die Polizei die Präsenz – und nahm dort einen Rädelsführer im Beisein von Familie und Freunden fest. „Der Rest hat verstanden: Jetzt ist er weg. Die Polizei droht nicht nur“, sagt Kriminaloberkommissar Robin Stahnke vom Polizeipräsidium Ludwigsburg. Inzwischen sei es ruhiger geworden, sagen Polizei und Stadt. Bis heute sitzen drei Personen in Untersuchungshaft.   

Wie konnte die Situation so eskalieren? Die Polizei betont, in der Großen Kreisstadt sei die Lage angesichts der jüngsten Fälle nicht schlimmer als anderswo. Die Gruppe ist keine strukturierte Bande, vielmehr sei sie aus einem Zusammentreffen zufällig an diesem Ort lebender Personen entstanden. Dass Kinder und Jugendliche erst Ordnungswidrigkeiten begehen – nachts laut zu sein und herumzupöbeln etwa –, die in Straftaten wie Überfällen münden, erläutern die Beamten mit dem Phänomen der Gruppendynamik. Man müsse sich gegenseitig übertrumpfen, erklärt der Kriminalhauptkommissar Christian Hecksell die Bereitschaft der Jugendlichen zu immer mehr Gewalt: „Es geht darum, Stärke zu demonstrieren und so die Bestätigung der anderen zu erhalten.“ Sein Kollege fügt an: „Sie sammeln Straftaten wie andere Likes auf Instagram.“ Damit bauen sich laut Hecksell Personen innerhalb der Gruppe ihre Stellung auf mit der Konsequenz, dass Menschen zu Opfern würden, die in keiner Beziehung zu einer gewaltbereiten Gruppe stehen – „da reicht schon ein falscher Blick“. Auf eine Körperverletzung könne eine schlimmere Körperverletzung folgen oder etwa ein Raub. Eine Gruppe setzt sich vor allem in städtischen Gebieten oft zufällig zusammen: Man geht zum Bahnhof und schaut, wer noch da ist. Die Bahn sei gerade bei einer lockeren Gruppierung ein wichtiges Element, sagt der Polizeisprecher Steffen Grabenstein. Die Mobilität begünstige es, dass sich Jugendliche spontan zusammenfinden. Hinzu kommt die Möglichkeit einer „unglaublich schnellen“ und besseren Vernetzung als früher: Jugendliche haben heutzutage für gewöhnlich ein Mobiltelefon, „und darüber läuft die meiste Kommunikation“, sagt Steffen Grabenstein. Die ständige Erreichbarkeit spiele bei der Bildung von Gruppen eine große Rolle.  

Wie lässt sich eine Wiederholung möglichst verhindern? Die Polizei setzt im gleichen Maße auf Abschreckung und Prävention. Wenig hält sie davon, das Alter der Strafmündigkeit zu senken. „Das löst nicht das Problem“, sagt Andrea Glück vom Referat für Prävention. Allein über das Strafrecht zu agieren, bringe daher nichts. Stattdessen müssten die Jugendämter stärker ins Boot, um auch mal über das Kindeswohl nachzudenken. Letztlich bedürfe es Lösungen, „die dem Kind und der Gesellschaft etwas bringen“. Nicht ohne Grund stehe im Jugendstrafrecht der Erziehungsgedanke im Vordergrund. So müsse ein Fokus auf der kommunalen Kriminalprävention liegen. Von Bedeutung sei, dass Akteure wie Sicherheitsdienst, Schulen, mobile Jugendarbeit, Jugendämter und Jugendgerichtshilfe ebenso im Boot seien wie Polizei und Kommune. Dies sei in Ditzingen „schnell und gut angelaufen“, sagt Glück. „Der Werkzeugkoffer ist riesig“, sagt Grabenstein. Man müsse ihn nur richtig anwenden. Dazu zählt auch die Integration in die Gesellschaft, was über Sprache, über Vereine und Betriebe gelingen könne.

   

Was können Außenstehende in brenzligen oder für sie merkwürdigen Situationen tun? Die Polizei vertritt die Auffassung, indem alle gemeinsam handeln, könnte Schlimmeres verhindert werden. „Das heißt aber nicht, dass man sich ins Getümmel stürzen und sich in Gefahr bringen soll“, betont Andrea Glück. Vielmehr sei es angebracht, die Polizei unter der Nummer 110 zu rufen, wenn man sieht, dass jemand zum Beispiel bedroht oder verprügelt wird. Und zwar unmittelbar, sagt Steffen Grabenstein. Vieles sei nur einzugrenzen, wenn die Polizei direkt eingreifen könne, nicht erst Tage später. Generell soll man laut der Polizei immer auch Außenstehende ansprechen, die man konkret um Hilfe bittet. „Das gilt für alle Lebenslagen“, sagt Andrea Glück: Zivilcourage sei ebenfalls gefragt, wenn man mitbekommt, dass sich Menschen rassistisch äußern, dass ein Kind mit einer bestimmten Gruppe herumhängt oder es spät in der Nacht noch unterwegs ist. „Man muss sich auch untereinander regulieren, ohne Polizei und Staat“, sagt Andrea Glück. Wer Zeuge wird, sollte sich Hinweise gut einprägen – und bereit sein, bei der Polizei auszusagen. „Viele Menschen gehen weg, weil sie den Aufwand scheuen“, beschreibt Andrea Glück einen, wie sie sagt, Trend.

„Tu was“ Die Polizei hat vor mehr als 20 Jahren die Aktion „Tu was“ ins Leben gerufen. Die sechs Tipps zur Zivilcourage stehen im Internet unter www.aktion-tu-was.de.

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