Doku-Serie: „Colonia Dignidad“ Eine erschreckende, monströse Welt für sich

Von Thomas Gehringer 

Zwangsarbeit, Folter, Missbrauch: Eine imposante und erschreckende Dokuserie schildert den Alltag in der einstigen „Colonia Dignidad“ in Chile – geduldet auch von der deutschen Außenpolitik.

Im Kreise seiner Liebsten: „Colonia-Dignidad“-Herrscher Paul Schäfer Foto: LOOKSfilm/Arte
Im Kreise seiner Liebsten: „Colonia-Dignidad“-Herrscher Paul Schäfer Foto: LOOKSfilm/Arte

Stuttgart - Die Kinder werden von den Eltern getrennt und von „Tanten“ und „Onkeln“ aufgezogen. Frauen und Männer müssen den Blick senken, wenn sie einander begegnen. Sex und auch Selbstbefriedigung gelten als Todsünde. Die Bewohner, auch die Kinder, müssen sieben Tage in der Woche hart arbeiten und werden nicht bezahlt. Jederzeit drohen willkürliche Misshandlungen. Der Missbrauch von Jungen ist an der Tagesordnung. Doch in der abgelegenen „Kolonie der Würde“ stellen nur Wenige die würdelosen Regeln infrage.

Die „Colonia Dignidad“ in Chile, Mitte der 1960er Jahre von Anhängern des selbst ernannten Predigers Paul Schäfer gegründet, war ein fast 40 Jahre währendes, monströses Menschenexperiment. Da sind 208 Film-Minuten (oder 180 wie in der gekürzten ARD-Version) gerade genug, um die komplette Entwicklung zu erfassen von den Anfängen in den 1950er Jahren in Heide bei Siegburg bis zur Verhaftung Schäfers 2005 in Argentinien.

Nur der Stock hilft beim Überleben

Annette Baumeister und Wilfried Huismann, die Autoren der ebenso bedrückenden wie fesselnden dokumentarischen Serie „Colonia Dignidad“, konnten auf 400 Stunden Filmmaterial zurückgreifen, gedreht von den Bewohnern selbst. Außerdem sprechen mehrere Frauen und Männer zum ersten Mal über den Alltag und ihre Geschichten. Aus den seltsam ferngesteuert wirkenden Sekten-Anhängern, die in TV-Berichten zu sehen waren, werden Menschen aus Fleisch und Blut, deren Schilderungen erst die Dimension der Gewaltherrschaft nachvollziehbar machen.

Wie Esther Müller, die im Alter von fünf Jahren von ihren Eltern getrennt wurde. Die als Mädchen nächtelang von Schäfer verhört wurde. Die als Krankenschwester im Kolonie-eigenen Krankenhaus arbeitete und wenigstens dort im Umgang mit kranken Kindern aus der Umgebung etwas Zuneigung erlebte. Sonst war jede Berührung verboten. Heute sagt sie: „Ich weiß gar nicht, ob ich meine Mutter jemals umarmt habe.“ Oder wie Willi Malessa. Irgendwann greift er unter das Sofa, auf dem er sitzt, und holt einen dicken, langen Stock hervor: „Das ist das einzige Teil, das erklären kann, warum man alles aushält, was da so passiert.“

Selbst vor biologischen Waffen schreckten sie nicht zurück

Willi Malessa verliert im Film nur einmal die Fassung: Als er berichtet, wie er auf Anweisung Schäfers die Leichen der chilenischen Oppositionellen ausgrub, die während der Pinochet-Diktatur von der Geheimpolizei und offenbar auch von Schäfers Vertrauten in der Kolonie gefoltert und ermordet wurden. Ihre Leichen seien verbrannt und die Asche im Fluss verstreut worden, heißt es im Film.

Dank Schäfers guter Kontakte zu den chilenischen Behörden und eines konstanten Wegschauens der deutschen Politik existierte die als wohltätiger Verein getarnte Kolonie Jahrzehnte lang. Paul Schäfer und seine Spießgesellen produzierten und handelten auch mit Waffen, organisierten gar für die Diktatur Ausrüstung für eine biologische Kriegsführung. Die imposante Doku-Serie entlarvt die Propaganda der Kolonie und enthüllt das beschämende Versagen der Politik.




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