Der Staat auf der geteilten Insel Hispaniola will den Fremdenverkehr als wichtigste Einnahmequelle weiter ausbauen. Das hat aber auch seine Schattenseiten.

Korrespondenten: Thomas Wüpper (wüp)

In wenigen Minuten soll es losgehen. Erwartungsfroh drängt die Touristengruppe auf den Katamaran, der sanft auf den Meereswellen schaukelt. Rund 100 Dollar kostet der Ausflugstag auf See pro Person, inklusive Schnorcheln, Getränken und Mittagessen an Bord. Das ist fast ein Drittel des durchschnittlichen Monatslohns im bedeutendsten Urlaubsland der Karibik. Für viele Hotelgäste sind diese 100 Dollar nur ein kleiner Posten im Reisebudget; Einheimische müssen dafür lange schuften. Zum Beispiel die dunkelhäutigen Arbeiter, die nicht weit vom Pier schwitzend ganze Berge faulenden Seetangs auf einen Lastwagen schaufeln. Mit bloßem Oberkörper verrichten die Muskelmänner in brütender Mittagshitze ihre harte Arbeit. Ein Fahrer steht telefonierend daneben und gibt Anweisungen.

Nach stürmischen Tagen in der Karibik ist von manchen Traumstränden der palmengesäumten Costa del Coco nicht mehr viel zu sehen. Kilometerweit und teils kniehoch überdecken dann angeschwemmte braune Algen den feinpulvrigen weißen Sand. Auch das türkisfarbene Meer verwandelt sich in Küstennähe stellenweise in eine trübe Brühe. Kein schöner Anblick für Urlauber, die hier an der Ostküste der Dominikanischen Republik rund um Punta Cana die schönsten Wochen des Jahres genießen wollen. Doch meist haben die mehr als 50 riesigen Ferienresorts, die seit den neunziger Jahren von zumeist spanischen Hotelketten an die mehr als 30 Kilometer langen Sandbuchten gesetzt wurden, die Lage rasch wieder im Griff. Ein Heer von Billigjobbern säubert in kurzer Zeit die Strände von allem Unrat, damit das Badevergnügen wieder den Verheißungen der Reiseprospekte entspricht.

„Willkommen an Bord!“ Hector Charles begrüßt die Ausflügler mit einem breiten Grinsen. Charmant und kenntnisreich betreut der 32-Jährige in den folgenden Stunden die Gäste an Bord, plaudert gerne auch in Englisch und Französisch. Wie die Arbeiter am Strand kommt Hector aus Haiti, dem nur wenige Hundert Kilometer entfernten bitterarmen Nachbarland, das sich mit der Dominikanischen Republik die Insel Hispaniola teilt. Das Verhältnis der beiden einstigen Kolonialstaaten ist historisch belastet. Hier wie dort herrschten bis vor wenigen Jahrzehnten brutale Diktatoren wie Baby Doc und Leonidas Trujillo, die die Insel ausbeuteten wie zuvor jahrhundertelang die Spanier den Osten und die Franzosen den Westen.

Die Wirtschaft in Haiti hat sich trotz Hilfe verschlechter

Seit im Januar 2010 ein katastrophales Erdbeben weite Teile der Hauptstadt Port-au-Prince zerstörte und mehr als 200 000 Menschen tötete, hat sich die ökonomische Situation in Haiti trotz der Hilfe aus aller Welt eher noch verschlimmert. Hector gehört zu den mehr als eine Million Haitianern, die ihr Glück im Nachbarland suchten; viele weitere kommen jeden Tag illegal über die grüne Grenze. „Ich bin sehr glücklich, hier einen so guten Job gefunden zu haben“, erzählt er und strahlt. Auch drei seiner vier Geschwister haben die Heimat verlassen und arbeiten im dominikanischen Tourismus. Nur das Nesthäkchen lebt noch daheim in Port-au-Prince. „Mein Elternhaus blieb zwar vom Erdbeben verschont, die Situation in Haiti ist aber unverändert traurig“, erzählt Hector. „Denn der Wiederaufbau kommt nur schleppend voran, Hilfsgelder gelangen oft in falsche Hände, und die Korruption ist allgegenwärtig. Das macht unser Land kaputt.“ An eine Rückkehr sei vorerst nicht zu denken.

Als Bootsmann verdient Hector in der Touristenhochburg Punta Cana ein Vielfaches seines früheren Gehalts. In Haiti arbeitete er nach dem Abschluss seines Physik- und Mathematikstudiums als Lehrer. Nun spart er für eine Weiterbildung zum Ingenieur. Von seinem festen Einkommen schickt er regelmäßig Geld nach Hause, um dort die Familie zu unterstützen. Mittlerweile könnte Hector sogar die dominikanische Staatsbürgerschaft bekommen, die Einbürgerung soll erleichtert werden. Doch er will seinen haitianischen Pass nicht verlieren. Der clevere Junggeselle gehört zu den privilegierteren Gastarbeitern in der Dominikanischen Republik. Denn die meisten Haitianer sind zwar als billige Tagelöhner auf Zuckerrohrfeldern, Kaffeeplantagen, Baustellen und im Tourismus geduldet, bekommen aber oft nur die schlecht bezahlte Jobs und werden im Alltag diskriminiert.

Bei Marinarium Excursions will man sich das nicht nachsagen lassen. „Wir behandeln alle unsere Mitarbeiter fair, geben ihnen feste Jobs und sorgen für eine Krankenversicherung“, betont Managerin Melanie Durand. Damit sei man, anders als mancher Wettbewerber, Vorbild in der Branche. Die resolute 33-jährige Kanadierin hat es aus dem kühlen Montreal in die Karibik getrieben. Bei Marinarium sorgt sie für den reibungslosen Ablauf der Touren. Das Unternehmen, vor zwölf Jahren gegründet, betreibt sieben Ausflugsschiffe mit mehr als 700 Plätzen und hat vom touristischen Aufschwung profitiert. Amerikaner, Kanadier, Russen und Deutsche gehören zu den häufigsten Gästen an Bord.

Urlaubsziele in der Karibik sind so beliebt wie nie

Nicht nur Marinarium darf auf weiteres Wachstum hoffen. Urlaubsziele in der Karibik sind weltweit so beliebt wie nie zuvor, mit einem Zuwachs von gut fünf Prozent auf mehr als 26 Millionen Besucher feierte die Inselwelt zwischen Nord- und Südamerika voriges Jahr einen historischen Rekord. Das soll erst der Anfang sein. Die Dominikanische Republik will die wichtigste Einnahmequelle massiv ausbauen, schon bis 2020 soll sich die jährliche Touristenzahl von 4,5 auf 10 Millionen mehr als verdoppeln. Dafür lässt der seit 2012 amtierende Präsident Danilo Medina die Infrastruktur auf der Insel mit Hochdruck und ausländischem Kapital modernisieren. So wurde kürzlich der wichtigste Flughafen in Punta Cana, über den fast zwei Drittel der Urlauber ins Land kommen, für 100 Millionen Dollar mit einem dritten Abfertigungsgebäude erweitert. Auch an der Nordküste in Puerto Plata wurde der Airport ausgebaut. Im Sommer will der US-Kreuzfahrtkonzern Carnival zudem einen 65 Millionen Dollar teuren neuen Kreuzfahrthafen für jährlich 250 000 Gäste eröffnen.

Wer auf der Insel unterwegs ist, stellt erfreut fest, dass die zuvor langen Fahrzeiten deutlich kürzer geworden sind. Private Konsortien haben neue Autobahnen von der Hauptstadt Santo Domingo zu den Touristenzentren im Osten und Norden der Insel gebaut. Allerdings kassieren die Unternehmen dafür nun hohe Mautgebühren von allen Nutzern. Ein großer Teil der zehn Millionen Dominikaner kann sich allerdings gar kein Auto leisten. Viele besitzen bestenfalls ein Moped, auf dem nicht selten die ganze Familie Platz finden muss. Zwar hat sich die Lage seit der schweren Wirtschaftskrise vor zehn Jahren gebessert, doch mehr als 40 Prozent der Dominikaner leben nach Regierungsangaben noch immer unterhalb der Armutsgrenze. Die Arbeitslosigkeit ist hoch, Millionen Menschen sind weiterhin auf staatliche Hilfsprogramme abgewiesen.

Die „Domrep“ will vom Billigimage weg

Julio Almonte will das ändern. „Die Urlaubsbranche ist einer der wichtigsten Wachstumsmotoren weltweit, und auch wir können damit unseren Wohlstand verbessern“, glaubt der erfahrene Experte, der mehr als 30 Jahre in der Hotelbranche arbeitete. Als Vizeminister für Tourismus und guter Freund des Regierungschefs soll er nun wieder für mehr Betrieb an der Nordküste sorgen. Dort begann der Fremdenverkehr vor vierzig Jahren einst in Puerto Plata mit Kreuzfahrtgästen, dann bauten vor allem spanische Konzerne erste große Hotels. Bald entwickelte sich die Insel zum Ballermann der Karibik, zum Billigziel auch für viele Sauf- und Sextouristen. In den neunziger Jahren flogen zeitweise mehr als 400 000 Deutsche auf die „Domrep“, gelockt von Tiefpreisen teils unter 1000 D-Mark für 14 Tage alles inklusive. Die Qualität war entsprechend. Das hat den Ruf des Landes ramponiert; die Zahl deutscher Gäste hat sich seit damals mehr als halbiert. Hinzu kam 1996 der Absturz einer deutschen Chartermaschine, bei dem alle 189 Insassen starben.

Vom Billigimage will das Land weg. Almonte kündigt eine große Investitionsoffensive der Regierung an. Denn auch die touristische Konkurrenz in der Karibik, im mexikanischen Yucatán, auf Kuba und Jamaika, schläft nicht. Schon in den nächsten zwei Jahren sollen sich die Bettenzahlen entlang der Nordküste von 15 000 auf 22 000 erhöhen, auch neue Regionen zwischen Monte Christi und der idyllischen Halbinsel Samana erschlossen werden. „Wir haben noch viele endlose, wunderschöne Strände“, schwärmt der Vizeminister. Ein neues Gesetz soll Investoren erlauben, schneller und höher zu bauen. Noch ist die Höhe der Palmen die Grenze, was allzu schlimme Bausünden wie in anderen Teilen der Karibik bisher vermieden hat. Allerdings beteuert Almonte, man wolle nachhaltiges und umweltschonendes Wachstum und „eine geordnete Entwicklung“.

Für den Wachstumskurs wird das Land Gastarbeiter wie Hector Charles dringend brauchen. Der Haitianer, der nur wenig Freizeit hat, kann seine Familie daheim in Haiti nur selten besuchen. Selbst das Weihnachtsfest, das einen hohen Stellenwert hat, verbrachte er mit Ausflugsgästen. „Das tut mir sehr leid“, sagt er, „aber das ist der Preis, den man in diesem Job zahlen muss.“ Auch an diesem Tag muss er noch eine zweite Tour absolvieren. Vielleicht eröffnet sich für Hector in der Heimat eine Perspektive. Reisekonzerne wie Tui erwägen, wieder Urlaubsreisen nach Haiti anzubieten.

Die Insel mit den zwei Staaten

Aufwärtstrend:
Die Dominikanische Republik ist ein aufstrebendes Entwicklungsland mit gut zehn Millionen Einwohnern und einem Wirtschaftswachstum von zuletzt gut vier Prozent. Das Land umfasst den östlichen Teil der Karibikinsel Hispaniola. Wichtigste Einnahmequellen sind der Tourismus, rund 60 Freihandelszonen, Agrarexporte und die Transferzahlungen von rund 1,4 Millionen Dominikanern, die im Ausland leben und ihr Glück vor allem in den USA und Spanien gesucht haben.

Konsolidierungspolitik: Seit 2012 wird die Republik von DaniloMedina regiert. Seine Konsolidierungspolitik steht unter Beobachtung des Internationalen Währungsfonds (IWF), mit dessen Hilfe das Land vor zwölf Jahren die schwerste ökonomische Krise seiner Geschichte in den Griff bekam. Die Verschuldung ist hoch, die Handelsbilanz seit zehn Jahren negativ. Nach Deutschland werden vor allem Bananen, Kaffee und Kakao exportiert. Das Pro-Kopf-Einkommen beträgt rund 5800 US-Dollar im Jahr, die Unterschiede zwischen Arm und Reich sind wie überall in Lateinamerika groß.

Haiti: Trostloser ist die Lage im Nachbarland Haiti, das im westlichen Drittel von Hispaniola liegt. Das Pro-Kopf-Einkommen beträgt nur 810 US-Dollar; damit ist Haiti das ärmste Land der westlichen Welt. Vier von fünf Menschen müssen mit weniger als zwei Dollar am Tag auskommen. Beim verheerenden Erdbeben in der Hauptstadt Port-au-Prince starben vor fünf Jahren 250 000 Menschen und 1,5 Millionen Menschen wurde obdachlos. 85 000 Haitianer hausen immer noch in Zelten.

Ökologie: Ökologie Politische Instabilität, Korruption und Kriminalität gelten als Probleme, denen nur schwer beizukommen ist. Hinzu kommt ein ökologisches Desaster. Anders als die Nachbarrepublik ist Haiti fast völlig abgeholzt worden, was das Land noch anfälliger für verheerende Überschwemmungen und Wirbelstürme macht.