Krimikolumne

Donald Ray Pollock: „Knockemstiff“ Wurfpfeile auf den nackten Bauch

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Mehrere Geschichten am selben Ort spielen zu lassen und so die Werte einer Gemeinde zu porträtieren, hat Tradition in der US-Literatur. Donald Ray Pollock porträtiert in „Knockemstiff“ einen Ort voller kaputter Typen.

Zuletzt war Ohio international in den Nachrichten, als Ariel Castro verhaftet wurde, der jahrelang   drei entführte Mädchen in diesem Haus gefangen gehalten haben soll. Donald Ray Pollock entwirft ein provinzielleres Ohio,  eines, in dem das Gesetz wohl nie an diese Haustür geklopft hätte. Foto: afp
Zuletzt war Ohio international in den Nachrichten, als Ariel Castro verhaftet wurde, der jahrelang drei entführte Mädchen in diesem Haus gefangen gehalten haben soll. Donald Ray Pollock entwirft ein provinzielleres Ohio, eines, in dem das Gesetz wohl nie an diese Haustür geklopft hätte. Foto: afp

Stuttgart - Man wundert sich ja manchmal, dass die USA erst einen einzigen Bürgerkrieg hatten. Die Literatur schildert uns immer wieder Zonen, die dem Leben und Denken in den Zentren so fern sind wie der Mond. Donald Ray Pollock führt uns in seiner Storysammlung ­„Knockemstiff“ in ein kleines Kaff, dessen Bewohner nicht einmal genug Geld haben, um für die gesichtslose Umstrukturierung der Provinz durch die großen Handels­ketten interessant zu sein.

Der Titel nennt den Ortsnamen, dessen deutsches Pendant wohl Hauseplatt lauten müsste. Pollock hat Knockemstiff nicht erfunden, er ist dort aufgewachsen, auch wenn er beteuert, die Figuren des Buches seien nicht die Originale seiner Kindheit.

Leben wie ein Stück Schrott

Knockemstiff in Ohio ist ein Kaff, dessen Bewohner ein Dasein führen wie die letzten rostigen Teile auf dem Schrottplatz einer Geisterstadt. Keiner will sie, keiner braucht sie, sie kommen in keinem Plan mehr vor. Es gibt zwar Anzeichen von Veränderung, es tut sich was: aber das sind nur Rostprozesse.

Die Jungen wollen manchmal noch weg, was im Lauf der Jahrzehnte, von denen Pollock erzählt, leichter wird. Auch Habenichtse besitzen nach und nach Autos. Aber tragen sie außer dem Willen, anderswo größer rauszukommen, etwas in sich, was sie diesem famosen Anderswo bieten könnten? Pollock lässt uns da zweifeln. Einmal haben zwei Typen ein Auto und genug Drogen, um anderswo als Kleinkriminelle anzufangen. Aber sie kurven dann tagelang immer nur um Knockemstiff herum, wie besonders sture Motten um ein ausgeschaltetes Licht.

Die rohen Späße der Herumhänger

Diese nicht eben komplexen, aber prägnanten Figuren haben früh verinnerlicht, dass sie Verlierer sind. Sie haben keinen Respekt voreinander, sie achten nicht darauf, was sie einander antun. Man möchte hier nicht zu den Schwächeren gehören.

So läuft zum Beispiel ein dicker, in seiner Entwicklung etwas zurückgebliebener Kerl durchs Dorf, der außer einer LP von Nancy Sinatra – seine Freundin sei das, behauptet er – stets Wurfpfeile mit abgeschliffenen Spitzen bei sich trägt. Allen Herumhängern bietet er an, diese Pfeile auf seinen nackten Bauch zu werfen, damit auch er ein bisschen Beachtung findet. Die Jugendlichen machen reichlich Gebrauch von dem Angebot und versuchen, ob sie nicht doch die Haut des armen Tropfs durchdringen können.Spaß kennen sie nur in Form von Rohheit.