Donaueschinger Musiktage Was wird hier eigentlich gespielt?
Mehr Frauen, mehr Lust am Schönen und weniger reine Musik: Die Donaueschinger Musiktage werfen viele Themen und Fragen auf. Eine Bilanz.
Mehr Frauen, mehr Lust am Schönen und weniger reine Musik: Die Donaueschinger Musiktage werfen viele Themen und Fragen auf. Eine Bilanz.
Ob es heller wird, wenn sich Töne in Worte verwandeln? Fragt, auf der Bühne links, die Autorin Felicitas Hoppe. Rechts sitzt die Sängerin Salome Kammer, dahinter das Ensemble Ascolta. Das Stück, das sie aufführen, trägt den Grund seiner Entstehung im Titel. „Was wird hier eigentlich gespielt?“ heißt die Uraufführung, mit der die Komponistin Iris ter Schiphorst und die rezitierende Büchner-Preisträgerin sich selbst wie auch die neue (Klang-)Kunst ironisch umkreisen. In ständigem Hin und Her zwischen Text und Klang geht es, immer wieder mit Verweis auf das grausame Grimm-Märchen „Das eigensinnige Kind“, um Ungehorsam, restriktive Erziehung und um die Schwierigkeit, die Kunst der Gegenwart von allen Lasten der Vergangenheit zu befreien.
Zwar hat sich die Neue Musik beim weltweit ältesten Festival für zeitgenössische Klänge schon länger der Bedeutsamkeitslast des großen Ns entledigt. Doch die Diskussionen um das, was früher als Avantgarde gefeiert und gefordert wurde, kommen in Donaueschingen immer noch auf. „Dreh dich nicht um!“: Mit gutem Grund konfrontieren ter Schiphorst und Hoppe in einer Reminiszenz an den Popsänger Falco den Künstler Orpheus mit der Neue-Musik-Sittenpolizei. Danach wird stehend Beethovens „Ode an die Freude“ gesungen, sekundiert vom Feuerwerk der Silvesternacht.
Oder sind das doch Gewehrsalven? „Was wird hier eigentlich gespielt?“ bleibt auf der Kippe zwischen Ironie und tieferer Bedeutung. Und reißt dabei fast alle Themen und Tendenzen an, die am vergangenen Wochenende in Donaueschingen diskutiert worden sind.
Zum Beispiel das Weibliche. Gut zwei Drittel aller 2023 uraufgeführten Werke stammen von Komponistinnen. Teilweise hat sich das so ergeben, weil pandemiebedingt Verschobenes nachgeholt wurde. Teilweise ist es aber auch Absicht: Frauen in einem immer noch männerdominierten Genre mehr Platz zu geben, war schon die Absicht des letzten Festivalleiters Björn Gottstein; Lydia Rilling, die erste Frau an der Festivalspitze, setzt dies fort.
„ColLABORation“: Rillings neues Festivalmotto stellt nicht nur das Experimentieren ins Zentrum, sondern rückt kollektiv erarbeitete Werke in den Fokus – Schriftstellerinnen und Komponistinnen bilden Teams, ebenso aber auch Instrumentalvirtuosinnen und Ensembles. Entsprechend hat sich der Fokus vom Komponierten zum Improvisierten verschoben.
Das Ergebnis: Es wird weniger gewagt und mehr gewuselt. Etliche Stücke beschränken sich auf die flauschigen Flusen sorgsam gesponnener Klangteppiche. Darunter auch das Debüt-Werk der 91-jährigen Éliane Radigue: Ihr gemeinsam mit den hör- und spürbar unterforderten Musikern des SWR-Symphonieorchesters erarbeitetes „Occam Océan Cinquanta“ fließt, mit spärlichen Handbewegungen angeleitet von der Ko-Komponistin Carol Robinson, behaglich vor sich hin. Obertonreich oszillierende Details, viele Dreiklänge und Glissandi, tonal, meditativ.
Immerhin verzichtet Radigue auf zurzeit populäre Beilagen: Bei ihr gibt es weder ein außermusikalisches Programm noch eine Rechtfertigung der Klänge durch politische Positionierung oder gar durch irgendwie „wokes“ Engagement, wie man es besonders schlimm in Jessie Marinos „Murder Ballads“ erlebt. Ein Kampfstück gegen Unterdrückung, so steht es im Programmheft. Zu hören sind mies intonierte US-amerikanische Folksongs, dazu die schlechte Performance einer Tennisspielerin beim Aufschlag – Dilettantismus pur. Das Publikum gähnt. Vorher zu wenig Kaffee gehabt, hinterher zu viel Alkohol. Schlechte Verhältnisse.
Dass neben der Grenze zwischen Komposition und Improvisation auch jene zwischen „klassischer Musik“ und Jazz aufgeweicht wird, ist allerdings ein Quantensprung, dem Ensembles wie das New Yorker Quartett Yarn/Wire (mit den spannungsprallen „Animations“ des mitspielenden Trompeters Peter Evans) oder Die Hochstapler erfolgreich zuarbeiten. Die Dialoge zwischen den beiden Gästen dieser Truppe, dem virtuosen Stimmkünstler Mat Pogo und der sardischen Sängerin und Akkordeonistin Cristina Vetrone, sind Modelle feinster, gelingender Kommunikation.
Was bleibt noch? Klangkunst mit klingenden Luftballons und filigranen Kleinstwesen aus Naturmaterialien, die sich bewegen, wenn man neben ihnen auf einem Stuhl Platz nimmt. In den Orchesterkonzerten ein kurzes, ungewohnt pathetisches Orchesterwerk der Donaueschingen-Veteranin Younghi Pagh-Paan, höchste Handwerkskunst bei Clara Iannotta, ein intelligentes Spiel mit Big-Band-Sounds in Sara Glojnarics „sugarcoating #4“. Dass am Ende Francesca Verunelli für „Tune and Retune II“ den Preis des SWR-Symphonieorchesters erhielt, mag ein Zeichen der Verunsicherung sein. Wohin geht die zeitgenössische Klangkunst? Mutiert sie irgendwann vollständig zur (möglichst politisch korrekten) Programmmusik? Es bleibt spannend.
Bilanz
Beim Festival 2023 wurden 23 Werke uraufgeführt, davon stammen 18 von Komponistinnen. Viele von ihnen waren erstmals in Donaueschingen vertreten. Auch unter den ausführenden Personen war die Frauenquote hoch. Vielfältig waren die Gäste: Die 6500 Besucherinnen und Besucher kamen aus 33 Ländern.
Ausblick
Die Musiktage 2024 finden vom 17. bis 20. Oktober statt. Uraufgeführt werden dann unter anderem Werke von Mark Andre, Chaya Czernowyn, Enno Poppe und Simon Steen-Andersen. Pianist Pierre-Laurent Aimard wird einen Soloabend gestalten.
Rundfunk
Alle Konzerte wurden vom SWR mitgeschnitten und werden gesendet. Danach sind sie sieben Tage lang in der SWR2-App abrufbar.