Dragon Days in Stuttgart Die wundersame Welt der Natasha Pulley

Bringt Ideen von ihren Reisen mit nach Hause und in ihre Bücher: Natasha Pulley Foto: Jamie Drew

Natasha Pulley schreibt Fantasy für Schlaue. Ihr jüngster Roman „Die verlorene Zukunft von Pepperharrow“ ist ein Triumph aus originellem Setting, wundersamen Einfällen, elegant-gewitzter Sprache und englischem Humor. An diesem Mittwoch stellt sie das Buch in der Stadtbibliothek vor.

Fantasy hat sich längst vom Nimbus der schwertschwingenden Krieger und feuerspeienden Drachen emanzipiert. Dennoch blickt der vermeintlich seriöse Literaturbetrieb noch immer mit Skepsis, manchmal auch mit Belustigung auf ein Genre herab, in dem ebenso viele Klassiker produziert wurden und werden wie in der Hochliteratur. Einer davon heißt „Der Uhrmacher in der Filigree Street“.

 

Er wurde 2015 von der damals 27-jährigen Natasha Pulley geschrieben, die damit praktisch über Nacht zum Genreliebling wurde. Und zur Bestsellerautorin. „Ich habe im Supermarkt aufgehört, immer meine Einkäufe zusammenzurechnen“, so Pulley über die größte Veränderung seit ihrer Transformation zur erfolgreichen Autorin. „Für mich ist das das Größte – finanzielle Stabilität. Wenn man sich nicht mehr entscheiden muss, ob man jetzt Lebensmittel oder Küchenrolle kauft.“

Ein Japaner, der sich an die Zukunft erinnern kann

Sie ist bei ihrer Mutter ausgezogen, hat sich eine Wohnung genommen. „Zum ersten Mal in meinem Leben habe ich Möbel gekauft“, lacht sie. Zu verdanken ist das einer merkwürdigen Uhr. Ihre Geschichte von Thaniel Steepleton, Telegrafist im Londoner Innenministerium, und dem geheimnisvollen Uhrmacher Keita Mori strotzt nur so vor originellen Settings, dem Ruß des viktorianischen Englands und einem Hauch schimmernder Magie. Geschichte, spekulative Fiktion, Fantastik: Alles andere als leichte Kost ist das, und sehr weit weg von Allerweltsfortsetzungsreihen. Klug erzählt ist das auch, mit rasiermesserscharfen Dialogen und wunderbar verschrobenen Hauptcharakteren – englisch durch und durch eben, durchsetzt von Steampunk-Elementen. Heimlicher Held ist zweifelsfrei Ketsu, der mechanische Oktopus, in dem ein Uhrwerk rattert und der lebendiger wirkt, als es die Regeln der Logik erlauben. Fantasy eben.

Viele Ideen von vielen Reisen

Nach einem weiteren Buch aus diesem Universum, tauchen wir mit „Die verlorene Zukunft von Pepperharrow“ nun wieder ein in die Welt von Steepleton und Mori, die mehr teilen als nur eine Freundschaft. Von England geht es in den 1880er Jahren über Russland nach Japan, wo sich gerade der Nationalismus rührt.

„Es ist immer nur eine Kleinigkeit, die nicht stimmt“

Da kommt viel von dem zusammen, was die Autorin Natasha Pulley auch privat interessiert. Sie hat als Sprachstudentin in Japan gelebt, hat die englische Geschichte schon früh aufgesogen. Und würzt ihre klugen Beobachtungen der Welt mit magischem Realismus. „Meine Bücher spielen alle in unserer Welt“, meint sie, „doch eine Kleinigkeit stimmt einfach nicht“, so Pulley über ihr Geschichten-Prinzip. „Es gibt etwa einen Uhrmacher, der sich an die Zukunft erinnern kann. Oder es gibt einen Mann, der in einer Version der Geschichte lebt, in der die Franzosen die Napoleonischen Kriege gewonnen haben. Oder irgendjemand im Peru des 19. Jahrhunderts wird in Stein verwandelt. Es ist immer nur eine Kleinigkeit, die ich mir ausgedacht habe.“

Ihre Bücher sind das eine. Dazu unterrichtet Pulley mehrere Tage die Woche kreatives Schreiben in Bath und Cambridge. Ihr Rat an Studenten: „Niemand wird als Schreiber geboren. Man muss es lernen, wie alles andere auch. Jeder kann es erlernen, und jeder kann wundervoll darin sein. Es braucht nur – und das ist als Bootsbauer oder Zimmermann nicht anders – sehr viel Zeit.“

Die Ideen für ihre Geschichten sammelt Natasha Pulley auf ihren vielen Reisen. „Reisen erweitert den Horizont“, nickt sie und erzählt: „Doch anfangs schränkt es ihn auch ein. Jede neue Sprache, die man lernt, verwandelt einen zumindest im ersten Monat in einen Idioten, der sich mühsam Vokabeln reinprügeln muss. Doch danach verwandelt sich das in etwas Wundervolles – weil man mit Menschen kommunizieren kann, mit denen man sich davor nicht verständigen konnte.“ All das saugt sie auf, trägt es zurück nach Hause zu ihrem Laptop in Bristol. Dann brauche sie nur noch „viel Lärm, viel Kaffee“, und es kann losgehen.

„Ich kann eigentlich zu jeder Zeit schreiben, aber ich liebe es, so richtig früh am Morgen anzufangen, noch vor der Arbeit“, meint sie. „Irgendwie funktioniert das mittlerweile für mich. Noch vor zehn Jahren hätte ich jeden umgebracht, der mich ums sechs aus dem Bett schmeißen wollte.“

Besuch in Stuttgart

Die Dragon Days in der Stadtbibliothek finden natürlich abends statt – ab 19.30 Uhr spricht Natasha Pulley im Café Lesbar über ihre Werke. Dazu gibt es deutsche Passagen aus dem Buch von Barbara Stoll und Live-Zeichnen von Hanna Wenzel.

Pulleys neuestes Buch. Foto: Klett-Cotta

Die verlorene Zukunft von Pepperharrow, Natasha Pulley, Klett-Cotta, 592 Seiten, 26 Euro.

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