Drake: „Scorpion“ Der Mann, der erfolgreicher als die Beatles ist

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Der kanadische Sänger Drake bringt an diesem Freitag sein neues Album „Scorpion“ in die Läden. Zuvor hatte er damit schon eine Milliarde Hörer gewonnen. Wie kann das sein?

Gut betucht: der kanadische Rapper und R-’n’-B-Sänger Drake Foto: dpa
Gut betucht: der kanadische Rapper und R-’n’-B-Sänger Drake Foto: dpa

Stuttgart - Wenn an diesem Freitag das neue Album „Scorpion“ des kanadischen Musikers Drake im deutschen Handel erscheint, wird es bereits eine Milliarde Mal gehört worden sein.

Wie bitte? Ja, Sie haben richtig gelesen. „Über eine Milliarde Mal“, jubiliert seine Plattenfirma, „wurde ,Scorpion‘ in nur einer Woche gestreamt. Damit ist Drake der erste Künstler überhaupt, dem das gelungen ist!“ Und während sich der Musikmulti Universal gerade noch an dieser erfreulichen Nachricht weidete, flatterte sogleich die nächste frohe Botschaft ins Haus. Sämtliche 25 Titel des fünften Studioalbums Drakes sind in den US-Billboard-Hot-100-Charts vertreten, sieben davon in den Top Ten, die mit seinem Titel „Nice for what“ gekrönt werden. Somit habe Drake die bisherige Bestmarke der Beatles aus dem Jahr 1964 überboten, sie hatten seinerzeit „nur“ fünf Hits gleichzeitig in den Top Ten platzieren können. Und jetzt fragen Sie sich natürlich: Was ist das bitte schön bloß für ein Teufelskerl?

Denn von dem Sänger aus Toronto kann man schon viel gehört haben, muss man aber nicht. Im Kosmos der Hip-Hop-Freunde kennt ihn natürlich jeder, im Reich der R-’n’-B-Fans wissen vermutlich nahezu alle von ihm, aber umgekehrt gibt es unter den normalen Pop-Freunden gewiss viele Menschen, die von Drake noch nie gehört haben – insbesondere in Europa, denn seine Popularität verdankt Drake in erster Linie seinen Fans in Nordamerika.

Purzelnde Rekorde

So gesehen klingen diese Rekorde doppelt bemerkenswert, ebenso wie der Umstand, dass der 31-jährige Aubrey Graham – so sein bürgerlicher Name – allein in den USA von seinen bisher vier Studioalben schon deutlich über zehn Millionen Exemplare verkauft hat. Oder aber, nun nochmals richtig bemerkenswert, dass der in nicht allzu properen Verhältnissen aufgewachsene Sohn eines Schwarzen und einer jüdischen Weißen, der die Highschool abgebrochen hat und über keinerlei Berufsausbildung verfügt, laut dem Wirtschaftsfachblatt „Forbes“ im vergangenen Jahr ein Einkommen von 94 Millionen Dollar erzielt und damit Musiker und Bands wie Coldplay, Bruce Springsteen, Metallica oder Elton John locker abgehängt hat.

Tja, und wenn man einen derartigen Status hat, kann man sich auch eine solche Veröffentlichungsstrategie leisten: erst ein paar einzelne Songs vorab im Netz raushauen, dann – wie vor zwei Wochen geschehen – das Album als Stream und MP-3-Download anbieten und erst mal sehen, was passiert, ehe es überhaupt als physischer Tonträger erscheint. Welche Strategie das Plattenlabel damit verfolgt, sei dahingestellt: Möglichst viele der an diesem Freitag in die Läden kommenden CDs zu verkaufen scheint jedenfalls nicht das Ziel zu sein. Welches Ziel der Künstler verfolgt, ist jedoch ziemlich offensichtlich: seine Position im Feilschen um die Tantiemen für Streamings zu verbessern.

25 Songs, 90 Minuten

Andere Branchenriesen wie jüngst etwa Beyoncé und Jay-Z wählen ähnlich obskure Vermarktungswege, setzten zuletzt allerdings auf würzige Kürze. Drake hingegen langt fett zu. „Scorpion“ ist ein Doppelalbum, unterteilt in zwei Hälften: 12 Songs mit Hip-Hop im weitesten Sinne in der ersten, 13 Songs mit R ’n’ B im weitesten Sinne in der zweiten. In der Summe ergibt das pralle neunzig Minuten.

„Im weitesten Sinne“ meint für den ersten Teil, dass hier zwölf Songs zu hören sind, die einen recht gleichförmigen Schlagzeugbeat aufweisen, über den sich recht spärliche und dynamiklose Keyboardsamples legen, über die Drake modulationsarm eine Fantastillion Worte legt; in diesem Schwall bleibt er seinem Image des artigsten unter den bösen Buben treu – die Zeilen triefen vor Selbstbespiegelung, Befindlichkeitsgedusel und Nabelschau, niemand wird schlecht gemacht oder über Gebühr kritisiert, Politik spielt ohnehin so wenig eine Rolle wie Black Issues; die größte zu kolportierende und in den Texten zaghaft angedeutete Sensation ist, dass der ach so brave Drake den bislang unbekannten Fakt offenbart, dass er Vater eines Kindes ist (das er wiederum laut der einschlägigen Fachpresse mit der Ex-Pornodarstellerin Sophie Brussaux, formerly known as Rosee Divine, gezeugt haben soll). Der zweite Teil des Doppelalbums wiederum enthält R ’n’ B der etwas langweiligen Machart, nette Loungemusik zum Nebenherhören, aber ohne sonderlichen Impetus.

Seltsame Rechenkunststücke

Der Rest ist Blendwerk. Denn selbstverständlich tragen die amerikanischen Käufer nicht haufenweise Singles aus den Plattenläden. In den USA etwa werden die Charts aus bezahlten Streams, Gratis­streams, verkauften Downloads und abgesetzten physischen Tonträgern ermittelt. 1500 Streams zählen dort als ein verkauftes Album, für Einzeltracks ist die Berechnung noch komplizierter beziehungsweise intransparenter. So kommen die enorm klingenden Summen zustande. Logischerweise gibt es nicht jedes seiner 25 neuen Lieder als Vinyl- oder CD-Single zu kaufen, und das komplette Album auf CD oder Schallplatte hat sich bisher noch gar nicht verkauft – es hielt bis dato niemand in den Händen, da es ja erst jetzt erscheint.

Bekanntlich gibt es einen Unterschied zwischen Musik kaufen und Musik hören. Früher war er Raison d’Être der Charts, heute ist er dank der befremdlichen Arithmetik gänzlich verschwommen. Für viele Musiker ist es sogar längst kein Grund zur Freude mehr, wenn ihre Werke hoch in den Charts platziert sind – denn für Streamings erhalten sie weitaus weniger Tantiemen als für verkaufte CDs.

Was den Beatles damals gelungen ist, an das ragt Drake also auch kommerziell in Wirklichkeit überhaupt nicht heran – musikalisch natürlich sowieso nicht.

Drake: Scorpion (Republic/Universal)