Dream Theater in Stuttgart Faszinierend komplex, übertrieben kompliziert
Dream Theater haben in der Liederhalle mit virtuosem Progressive-Metal begeistert – und zugleich die Problematik ihres Genres freigelegt.
Dream Theater haben in der Liederhalle mit virtuosem Progressive-Metal begeistert – und zugleich die Problematik ihres Genres freigelegt.
Schon nach ein paar Wochen im Job und den ersten ausgewerteten Excel-Tabellen lernen angehende Meinungsforscher: Die Antwort auf die meisten Fragen hängt in hohem Maße davon ab, wen man fragt. Geht es beispielsweise darum, wie häufig man eine Band wie Dream Theater erlebt haben sollte, werden Fans der amerikanischen Prog-Metal-Formation erwidern: so oft wie möglich. Wer mit diesem Genre hingegen nichts am Hut hat und vielleicht eher Indierock-Kapellen wie Franz Ferdinand bevorzugt, dürfte entweder „bitte wer?“ oder gleich „bloß nicht“ entgegnen. Und für ein Dazwischen bleibt kaum Platz: Neutralität ist in Geschmacksfragen bekanntlich quasi ausgeschlossen.
Geht man die Sache mit einer gewissen Objektivität an, so liegt die Wahrheit dennoch in der Mitte: Ein, zwei Mal im Leben ist diese Ausnahmeband in ihrer ehrfurchtgebietende instrumentellen Klasse fraglos ein Ereignis. Auch bei ihrem Auftritt in der mit zweitausend Besuchern ordentlich gefüllten Liederhalle zeigen Dream Theater am Mittwochabend all jene Tugenden, dank derer sie zur führenden Kraft ihres Genres avancierten: Gitarren-As John Petrucci verzückt mit pfeilschnellen Triolen und kunstvollen Arpeggios und steht dabei so tiefenentspannt auf der Bühne, als spiele er gerade das Riff von „Smoke on the water“; ein paar Meter weiter agiert Jordan Rudess als echte Autorität an den Tasten, bespielt sein drehbares XXL-Keyboard mit stupender Dynamik oder streut unvermittelt ein furios jazzrockiges Intermezzo ein. Und Mike Mangini geht im Beethovensaal zwar mit einer vergleichsweise rudimentären Version seines Schlagzeugs an den Start – man hat dessen Drumset auch schon in doppelt so großer Ausführung gesichtet – glänzt aber gleichwohl mit vertrackten Grooves und fliegend leichten Rhythmuswechseln.
Kommt alles zusammen und legt sich Sänger James LaBrie richtig ins Zeug, wechseln episch-psychedelische Momente reizvoll mit metallisch-rasanten Passagen oder virtuos eingestreute Breaks verwandeln klassischen Prog-Metal urplötzlich in lupenreinen Art-Rock. Im Beethovensaal im Mittelpunkt: das 2021er-Album „A View from the Top of the World“; ergänzt von Erlesenem aus unterschiedlichen Karrierephasen der Band. Das 1992er-Durchbruchswerk „Images and Words“ ist mit „Pull me under“ vertreten, „Awake“ von 1994 mit dem vertrackten „6:00“ sowie mit „Caught in a Web“; der Mittelteil des Abends gehört dem Trio „Solitar Shell“, „About to crash“ und „Losing Time/Grand Final“ aus dem 2002er-Opus „Six Degrees of inner Turbulance“.
Gerade mal rund ein Dutzend Songs schmal, aber über zwei Stunden lang ist dieses Set und zeigt damit überdeutlich: Allzu oft funktioniert der Sound von Dream Theater nach dem Prinzip „warum etwas einfach machen, wenn man es auch kompliziert gestalten kann“ – und für Kompositionen unter sieben Minuten lohnt es sich für John Petrucci und Co. augenscheinlich erst gar nicht, die Instrumente auszupacken. Wer mit dieser Gangart fremdelt, für den – der andere Teil der Wahrheit – ist diese Musik und das Thema Dream Theater nach sechzig, neunzig Minuten und ein bis zwei Konzertbesuchen auserzählt.