Bisher zeigt die Filmindustrie kaum Interesse an der Region Stuttgart. Daran konnte auch die Ludwigsburger Filmakademie nichts ändern. Doch jetzt wird in und um Göppingen ein Action-Thriller mit internationalen Stars gedreht.

Politik/ Baden-Württemberg: Eberhard Wein (kew)

Göppingen - Der Wind fegt kalten Nieselregen über die Alb. Ein anthrazitfarbener Hubschrauber schwebt heran und setzt auf dem brach liegenden Firmengelände beim Geislinger Ortsteil Türkheim auf. Sechs Elitekämpfer sichern den Landeplatz. Ein Mann mit Blut verschmiertem Gesicht, tiefen Narben und bandagiertem Arm wird in den Helikopter gebracht. Dann hebt er ab und Mark Dacascos dreht sich ins Bild. „Was ist gut daran zu sterben?“, fragt er auf Englisch. Wer es hört, dem läuft es kalt den Rücken herunter.

Dem Kameraassistenten hat es vom Luftzug der Rotoren erst einmal den Regenschirm zerfetzt. Doch der Regisseur Martin-Christopher Bode ist zufrieden. Nur zweimal lässt er die Szene drehen, dann ist alles im Kasten. Kein Wunder, schließlich sind hier Profis am Werk: Dacascos hat schon im französischen Historien-Action-Thriller „Pakt der Wölfe“ Erstaunliches geleistet. Mit ihm stehen deutsche Fernsehschauspieler wie Wolfgang Riehm („Sturm der Liebe“) und Mathis Landwehr („Lasko“) vor der Kamera, außerdem der Matial-Arts-Kämpfer Mike Möller. Und sogar ein echter Hollywood-Star ist dabei. Matthias Hues hat zwar unweit im SI-Zentrum einst eine Ausbildung zum Restaurant-Fachmann absolviert. Nach fast 30 Jahren in Los Angeles spricht der Hühne aus Norddeutschland aber unüberhörbar mit einem amerikanischen Akzent.

Hues dreht zum ersten Mal in seiner Heimat

„Das ist mein erster deutscher Film“, sagt Hues. In Hollywood hat er mehr als fünfzig gedreht, unter anderem stand er bei „Karate-Tiger 2“ und einer Star-Treck-Episode vor der Kamera. Einige Zeit war er mit Brigitte Nielsen liiert. Jetzt trägt Hues nur eine Weste über dem nackten Oberkörper und lässt sich trotz der Temperatur von fünf Grad nichts anmerken.

Ohne Filmerfahrung ist lediglich Henry Müller. Ein Profi ist er trotzdem. Der 53-Jährige arbeitet als Ausbilder bei der Polizei und betreibt in Süßen eine Kampfsportschule. Für den Produzenten Rüdiger Kümmerle war Müller dennoch gesetzt. Denn bei ihm erlernte Kümmerle einst die fernöstliche Kampfkunst. Dann ging der heute 43-Jährige nach China, wo er einen Automobilzulieferbetrieb sein eigen nennt. Auch Kümmerle hat eine Rolle in dem Streifen, der unter dem Titel „Ultimate Justice“ in deutsche und amerikanische Kinos kommen soll. Vor allem aber ist Kümmerle der Ideen- und Geldgeber. Eine hohe sechsstellige Summe habe ihn das Projekt gekostet. „Eigentlich hätte ich das auch in neue Maschinen oder ein schnelles Auto investieren können“, sagt Kümmerle.

Diesmal geht es nciht nur um Prügelszenen

Im September feierte sein Erstlingswerk „One million K(l)icks“ im Staufen-Movieplex Vorpremiere. Die Vermarktung in den USA, Japan und Deutschland sei vielversprechend angelaufen, jetzt will Kümmerle nachlegen. Diesmal geht es aber nicht um einen Film des Martial-Arts-Genres für ein überschaubares Publikum, bei dem die spärliche Handlung vor allem dazu dient, von der einen zur nächsten Keilerei zu nächsten über zu leiten. Der neue Streifen „Ultimate Justice“ sei vielmehr ein Action-Thriller mit „starker Geschichte, tollen Charakteren und vielen Wendungen“, sagt Kümmerle.

Dass die Dreharbeiten dazu im Landkreis Göppingen und dessen unmittelbarer Nachbarschaft stattfinden, war übrigens Kümmerles persönlicher Wunsch. „Ich bin ein Schwabe“, sagt der gebürtige Geislinger, der im Göppinger Stadtteil Faurndau aufgewachsen ist. Trotz der Filmakademie in Ludwigsburg hat sich die Region Stuttgart bisher gegenüber Berlin, München oder Köln nicht als Filmstandort durchsetzen können. Kümmerle möchte das ändern. „Actionfilme wären eine Chance“, sagt Kümmerle. „Ich hoffe, dass die Filmförderung des Landes das auch erkennt und in die Finanzierung einsteigt.“

Lob für Göppingen als Filmkulisse

Übrigens taugt der Kreis Göppingen durchaus als Kulisse. „Ich hätte nicht gedacht, dass wir so viele unterschiedliche Locations finden“, bekennt der aus Berlin stammende Kameramann Alois Kampp: Ein Schrottplatz in Deizisau, die Stiftskirche in Faurndau, ein Möbelgeschäft in Gingen, das Frey-Center, das Sparkassen-Hochhaus und das Bahnbetriebsgelände in Göppingen. Auch die Stars waren angetan. „Ich finde es hier sehr charmant, und ich mag die Fußgängerzone“, sagt Dacascos, der während der Dreharbeiten im Hotel Hohenstaufen wohnte.

Die eingangs beschriebene Hubschrauberszene hätte übrigens laut Drehbuch eigentlich in Polen spielen sollen. Ein Umzug des 60-köpfigen Drehteams war dann aber nicht nötig. Denn Osteuropa kann der Kreis Göppingen natürlich auch.

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