Rami (16), Kayra (18) und Birhat (17) sind Freunde seit Kinderzeiten. Ihre Eltern kommen aus Marokko, der Türkei oder aus dem kurdischen Teil der Türkei. Sie sind in Deutschland geboren und aufgewachsen. Sie treffen sich regelmäßig im Familien- und Nachbarschaftszentrum Stuttgart-Botnang. Dem dortigen Treff der Mobilen Jugendarbeit Stuttgart/West-Botnang halten sie die Treue. Auch wenn Birhat inzwischen nicht mehr in Stuttgart wohnt. Hier kochen sie zusammen mit anderen, spielen Tischfußball oder reden einfach. So wie heute. Ein Gespräch über Schule, Schwänzen, die Treppe am Stuttgarter Schlossplatz und die Zukunft.
Trefft Ihr Euch regelmäßig hier?
Kayra: Ja, hier oder in der Stadt oder mal zu Hause.
Ihr geht alle noch zur Schule, oder?
Rami: Ich gehe ins Gymnasium, in die elfte Klasse, und mache dort hoffentlich auch mein Abi.
Und danach?
Rami: Was ich dann mache? Eine Idee ist Wirtschaftsingenieurswesen, eine andere ist Sport und andere Fächer auf Lehramt.
Warum Lehramt?
Rami: Ich mag das Arbeiten mit Kindern. Das kann ich gut. Ich kann mir das gut vorstellen.
Was liegt dir da besonders am Herzen?
Rami: Was ich oft sehe, ist, dass Leute, die mehr reden und sich mehr in den Vordergrund drängen, teilweise auch bevorzugt werden. Und dass die, die ein bisschen mehr Anstand haben und den anderen den Vortritt lassen und sich zurückhalten, nicht richtig geachtet werden.
Wer sich nicht vordrängt, wird übersehen?
Rami: Ist oft so, ja. Darauf würde ich Wert legen, auch den Ruhigen zu helfen, also den ein bisschen Introvertierten, die aber schon Teil der Klasse sind.
Bist du selbst einer der Stillen?
Rami: Ich mache schon auch Quatsch. Aber wenn es drauf ankommt, halte ich mich zurück.
Kayra und Birhat, wie sind Eure Pläne?
Kayra: Ich gehe auf die Alexander-Flemingschule in Stuttgart-Nord. Aber ich habe nicht vor, meine Fachhochschulreife zu machen. Das soll eher eine Überbrückung sein, weil ich eine Ausbildung machen will. Ich habe die Zeit genutzt, um mich zu orientieren und will jetzt technischer Produktdesigner werden. Das spricht mich am meisten an. Ich kann gut räumlich denken und zeichnen.
Birhat: Ich bin zurzeit auf der Werner-Siemens-Schule in Stuttgart- Nord in der elften Klasse. Aber ich habe mich dieses Schuljahr bei Porsche als Kfz-Mechatroniker beworben und wurde angenommen. Die Ausbildung fängt im September an. Aber ich habe auf jeden Fall vor, zur Abendschule zu gehen, um dort mein Fachabitur zu machen. Ich möchte vielleicht etwas Technisches studieren oder meinen Meister. In der Schule habe ich den Schwerpunkt Elektrotechnik. Das liegt mir und macht sehr viel Spaß. Und wenn ich das dann noch mit Autos kombinieren kann, ist das auf jeden Fall stark.
Geht Ihr gerne zu Schule?
Kayra: Eigentlich schon. Ich gehe gerne. Da sind Menschen, mit denen man sich austauschen kann. Das mag ich.
Schwänzen ist kein Thema?
Kayra: Eigentlich nicht so
Birhat: Schon manchmal. Ein Grund, warum ich mich für die Ausbildung entschieden habe, ist die Schule. Da werde ich nicht so viele Fächer haben wie gerade in der Schule.
Aber das gibt doch Ärger.
Birhat: Meine Noten sind halt gut. Ich bin zu Hause, wenn ich schwänze. Ich hol das auf alle Fälle alles nach.
Warum schwänzt du dann?
Birhat: Keine Ahnung. Manchmal bin ich einfach so müde und bleib dann halt im Bett. Dann ist es zu spät, um noch in die Schule zu gehen. Trotzdem macht mir Schule sehr Spaß. Wenn ich da bin, bin ich im Unterricht dabei.
Bleibt Euch neben der Schule noch viel Zeit für Freizeit?
Birhat: Ich bin Amateurboxer. Ich habe schon ein paar Kämpfe hinter mir. Ich versuche, Schule und Boxen im Gleichgewicht zu halten. Die Schule soll mir Spaß machen und das Boxen auch. Wenn ich zu viel boxe, macht es mir keinen Spaß. Und zu viel Schule auch nicht. In unserer Freundesgruppe versucht jeder, auch erfolgreich zu werden. Wir nehmen unsere Zukunft auf jeden Fall ernst. Wenn ich jetzt nichts dafür tue, muss ich mich später kaputt arbeiten. Deswegen sind wir nicht so oft draußen. Wir gehen einmal die Woche raus. Entweder hierher in den Treff oder samstags in die Stadt.
Kayra: Ich war auch mal eine Zeit lang Amateurboxer. Ich habe auch ein paar Kämpfe bestritten. Aber wenn mir etwas sehr Spaß macht, vernachlässige ich das andere. Wir boxen im Gym und haben da auch unsere Trainer. Aber um Amateurboxer zu sein, muss man einem Verein angehören. Wir sind im ESV Rot-weiß Stuttgart in Cannstatt. Ich beschäftige mich auch viel mit Social Media. Das hat Zukunft. Ich sehe das ja in der Bahn, wie die Leute am Handy scrollen. Wenn man es will oder schafft, kann man auch mit Social Media etwas erreichen. Auch Geld verdienen.
Rami: Ich spiele von Kindheit an Fußball. Auch sehr gut. Das ist mein Ausgleich zur Schule. Wenn ich zuhause bin, lerne ich manchmal oder ich hole meinen Schlaf nach. Aber Fußball ist so mein Ding.
Wo geht Ihr hin, wenn Ihr rausgeht?
Kayra: Entweder sind wir hier oder gehen in die Stadt. Essen da ein Eis. Oder so.
Und die Stadt ist die Innenstadt?
Birhat: Ja, die Königstraße. Manchmal machen wir auch was anderes.
Rami: Zum Beispiel Fahrrad fahren. Meistens sind wir dann fünf Leute aufwärts. Wir treffen uns dann meist Samstag oder Sonntag, zwölf oder 13 Uhr. Wir haben eine Route, die wir immer abfahren. Über Feuerbach und Cannstatt.
Junge Frauen, mit denen ich gesprochen habe, fühlen sich nicht sicher in Stuttgart. Fühlt Ihr Euch sicher, wenn Ihr auf der Königstraße seid?
Birhat: Die haben wahrscheinlich die Treppen gemeint. Man ist, glaube ich, nur in Gefahr, wenn man dort chillt. Ich hab dort auch mal gechillt vor zwei Jahren und da schon ein paar Schlägereien erlebt. Das kommt drauf an, wie man sich verhält. Wenn wir einfach über die Königsstraße laufen, passiert nichts.
Die jungen Frauen haben auch gesagt, dass Jungs Mädchen jagen. Fühlt Ihr euch da getroffen?
Rami: Das kommt auf die Jungs an. Da sind ja die gemeint, die hinter den Mädchen herlaufen und sie belästigen oder sie nerven. Die haben die gemeint.
Birhat: Jungs als Jäger, so kann man nicht von allen reden. Das ist zu allgemein.
Wie schaut Ihr auf die Mädchen, die am Schlossplatz sind?
Kayra: Ich bin nicht oft dort. Aber wenn, dann sehe ich oft Mädchen, die, ich sag mal so, sich präsentieren wollen. Ein paar wollen sich zur Schau stellen. Rausgeputzt. Wär‘ ich ein Mädchen, würd’ ich so etwas nicht machen.
Birhat: Man muss sich ja erst mal die Frage stellen, warum man in die Stadt geht. Wir gehen nur in die Stadt, wenn wir etwas essen oder etwas machen wollen, was in der Stadt ist. Wir gehen nicht an eine Stelle und chillen da einfach. Und dann gibt es halt Mädchen, die sind offen und freizügig bekleidet. Ich finde, das versaut doch den Menschen. Wenn ich früher an den Schlossplatz gedacht habe, habe ich gedacht, man geht da hin, um etwas zu essen und sich zu entspannen. Wenn ich heute an den Schlossplatz denke, denke ich an freizügige Mädchen und Frauen und aggressive Männer.
Rami: Freitag, Samstag ist es extrem. Aber am Sonntag ist es ruhig beim Brunnen. Vielen dieser Mädchen kann man es gar nicht übel nehmen. Das sind oft jüngere, die sich erst mal selbstfinden müssen. Ich war auch nicht immer so anständig, wie ich es jetzt bin. Das ist relativ normal, glaube ich.
Habt Ihr eigentlich Vorbilder?
Rami: Im Alltag ist es mein Bruder. Der studiert gerade und ist durch die Schule ohne Mühe gegangen. Eigentlich ist auch der Prophet mein Vorbild. Für mein Mindset ist es Arda, der gerade einen Ultramarathon von Berlin nach New York läuft. Er ist sehr gut.
Birhat: Ich halt mich auch an meinen Bruder, der ist 24. Aber allgemein, ich bin gläubiger Moslem, würde ich mich an meinen Propheten halten. Bei dem, was ich tue, versuche ich mich immer daran zu erinnern, was meine Wurzeln sind. Das heißt Gutes tun, gut zu Menschen sein, wenig bis gar nicht lästern, nicht lügen, nicht betrügen. Ehrlichkeit, Aufrichtigkeit.
Gelingt Dir das immer?
Birhat: Nicht immer. Ich erwische mich selber, während ich es tue, lästere oder lüge oder mal nicht aufrichtig bin. Aber diese Kanten versuche ich zu schleifen.
Kayra: Ich kann eigentlich nur das Gleiche wie er sagen.
Wo sehr Ihr Euch in zehn Jahren?
Birhat: Ich will meine Ausbildung machen und mir etwas aufbauen. Wenn ich irgendwann eine Frau habe, muss ich ja auch für sie sorgen können, ihr finanzielle Sicherheit bieten können. Mit 24, 25 will ich dann heiraten. Vielleicht habe ich in zehn Jahren schon zwei Kinder.
Darf deine Frau auch selbstständig sein?
Birhat: Wenn sie arbeiten will, kann sie das machen. Aber man muss halt immer an die Kinder denken, und wer sich dann um sie kümmert. Mein Ziel ist, selbstständig zu werden. Wenn ich dann eine Werkstatt habe, ist die samstags und sonntags geschlossen. Und von Montag bis Freitag arbeite ich eben bis 17 Uhr. Dann habe ich genug Zeit für meine Kinder.
Kayra: Das kann man nicht so sagen. In zehn Jahren würde ich gerne finanziell stark sein, um meiner Familie etwas bieten zu können. Damit die sich über ihre Zukunft keine Sorgen machen muss. Frau, Kinder und auch Eltern – jeder hat es verdient, mal froh und glücklich zu sein. Das ist ein schönes Gefühl.
Rami: Ich habe dann hoffentlich ein Studium und ein sicheres Einkommen. Und so Gott will eine Frau. Vielleicht ein Kind, vielleicht auch nicht. Ein sicheres Einkommen, dass ich meiner Frau etwas bieten kann und selbst stabil im Leben stehe.