Drohende Hungersnot im Südsudan Dem Tod so nah

Von Johannes Dieterich, Bentiu 

Eigentlich sollten die Südsudanesen am Mittwoch den dritten Jahrestag ihrer Unabhängigkeit feiern. Stattdessen versinkt der jüngste Staat der Welt in Kämpfen zwischen einstigen Waffenbrüdern. Der Hunger im Land macht alles noch schlimmer.

Auf der Flucht  und  unterversorgt:  im Südsudan werden bald mehr als vier Millionen Menschen, darunter viele Kinder,  auf Nahrungsmittelhilfe angewiesen sein. Foto: Dieterich, dpa
Auf der Flucht und unterversorgt: im Südsudan werden bald mehr als vier Millionen Menschen, darunter viele Kinder, auf Nahrungsmittelhilfe angewiesen sein. Foto: Dieterich, dpa

Bentiu - Sie kommen zweimal am Tag: morgens um neun und nachmittags um drei. Sie halten kleine Bündel in den Armen und gehen im Gänsemarsch durch das schmale Hirsefeld, bis sie die willkürlich angeordneten Gruben erreichen. Die meisten sind bis zum Rand mit Regenwasser gefüllt. Eine der Mulden wurde trockengelegt. In ihr sind kleine Erdhäufchen auszumachen, auf denen aus Stroh gefertigte Kreuzchen stecken. Vorsichtig legt ein Mann eines der von Frauen getragenen Bündel in die Grube, vier Männer schaufeln schwere, lehmige Erde darauf. Keiner spricht, keiner singt, die Frauen weinen. Die kurze Prozedur wird wiederholt, bis schließlich alle vier Bündel begraben sind. Eine Grube ist für 15 tote Kinder gedacht. In spätestens zwei Tagen ist das Grab voll.

Darryl Stellmach schaut zum Himmel und legt die Stirn in Falten. „Sieht nicht gut aus“, sagt der Nothilfe-Koordinator von Ärzte ohne Grenzen düster: „Womöglich geht es heute Abend wieder los.“ Damit meint der Kanadier ausnahmsweise nicht das Kreuzfeuer der Kombattanten, das die Arbeit der Hilfsorganisation in den vergangenen Wochen immer wieder unterbrochen hat. Weil seit einigen Tagen Feuerpause herrscht, gelten Stellmachs Sorgen einer anderen Gefahr: Dass sich der Himmel wieder öffnet und das riesige, wenige Kilometer außerhalb der südsudanesischen Provinzhauptstadt Bentiu gelegene UN-Camp vollends in einen unpassierbaren Morast verwandelt.

40 000 Flüchtlinge leben im Umfeld des UN-Camps

Schon jetzt gleicht das knapp drei Quadratkilometer große Gelände einem Sumpfgebiet. Hinter dem Stahltor stehen Radpanzer in Position, die bis zur Achse im Schlamm versunken sind, aufheulend bahnen sich vierradgetriebene Geländewagen einen Weg durch teichgroße Pfützen. Die Bewohner des mit einem hohen Zaun begrenzten Camps sind mit Gummistiefeln unterwegs, ihre Wohncontainer stehen auf Betonklötzen, unter denen ganze Froschdivisionen quaken. Mehr als 40 000 Flüchtlinge, die sich an der Peripherie des UN-Camps niedergelassen haben, müssen auf den Luxus erhöhter Container verzichten: Sie hausen unter Plastikplanen, an denen mit Exkrementen vermischte Rinnsale von Schlammwasser entlangfließen.

Solche Zustände habe er noch nie erlebt, sagt Darryl Stellmach. Er ist seit zehn Jahren mit den Ärzten ohne Grenzen unterwegs. Dabei hat die Regenzeit noch gar nicht richtig begonnen. Wenn sich die Schleusen des Himmels bald wirklich öffnen, wird auch die Landepiste vor dem Lager unbrauchbar sein. „Dann sind wir vollends abgeschnitten“, sagt Stellmach. Schon jetzt sind die ungeteerten Straßen im Norden des Südsudans fast unpassierbar. Von einem Nahrungsmittelkonvoi, der vor zwei Wochen in der rund eintausend Kilometer entfernten Hauptstadt Juba aufgebrochen ist, fehlt noch immer jede Spur.

Der Ausbruch einer Cholera-Epidemie wird erwartet

Unterdessen spitzt sich die Lage der Flüchtlinge am Rand des UN-Camps weiter zu. Nur wenige verfügen über sauberes Trinkwasser, Kinder baden im Abwasserbecken des UN-Camps, der Ausbruch einer Cholera-Epidemie scheint nur eine Frage der Zeit zu sein. Soeben wurde die Stuhlprobe der ersten verdächtigen Erkrankten in ein Labor nach Kenia geschickt. Wird der Cholera-Verdacht bestätigt, ist das Desaster perfekt. Toby Lanzer, UN-Beauftragter für humanitäre Angelegenheiten im Südsudan, sieht eine „Katastrophe“ voraus: „Wenn wir nicht schleunigst mehr tun, werden wir entsetzliche Szenen erleben.“

Es ist der unsinnigste Konflikt der Welt. Eigentlich sollten die Südsudanesen am 9. Juli den dritten Jahrestag ihrer umjubelten Unabhängigkeit feiern. Stattdessen versinkt der jüngste Staat der Welt im Chaos. Auf die Befreiten wartet der Tod auf dem Schlachtfeld oder der Hungertod. Mehr als drei Jahrzehnte lang kämpfte die südsudanesische Befreiungsarmee SPLA für ein Ende der Unterdrückung der christlich afrikanischen Bevölkerung durch die von arabischen Muslimen dominierte Regierung in Khartoum. Ihr Kampf war schließlich erfolgreich, doch jetzt bringen sich die ehemaligen Waffenbrüder gegenseitig um. Ein Konflikt um die Führung des Landes zwischen Präsident Salva Kiir und dessen einstigem Stellvertreter Riek Machar eskalierte vergangenes Jahr in einem blutigen Bruderkrieg: Seitdem bekämpfen sich Angehörige der beiden größten Volksstämme des Landes – Salva Kiirs Dinka und Riek Machars Nuer.