Obwohl Toto Riina im Gefängnis sitzt, bleibt Siziliens Cosa Nostra gefährlich. Mit schweren Drohungen gegen Staatsanwälte macht der Mafiaboss wieder von sich reden. Will die Mafia nun den Waffenstillstand aufheben?

Palermo - Der Kerl macht mich wahnsinnig. Wie gerne käme ich, um ihn umzubringen! Wie ein Thunfisch würde er enden. Oder einen Hieb zwischen die Hörner.“ Seit Totò Riina, der Schlächter von Corleone, diese Drohungen ausgestoßen hat, herrscht Angst in Palermo. Zwar sitzt der 83-Jährige seit 1993 hinter Gittern, aber er fühlt sich – und gilt bei Ermittlern wie Anhängern immer noch – als „Nummer 1“ der Cosa Nostra.

 

Man weiß auch, wen Riina umbringen will: den führenden Antimafia-Staatsanwalt Nino Di Matteo. Und vor den Augen aller tauchen die Bilder von 1992 und 1993 wieder auf, von den Bombenattentaten, mit denen die Cosa Nostra unter Riinas Führung die Staatsanwälte Giovanni Falcone und Paolo Borsellino in die Luft jagte und danach Tod und Terror von Sizilien aus aufs Festland trug: nach Rom, Florenz, Mailand. Kehrt die Mafia nach zwanzigjährigem Waffenstillstand nun etwa zu ihren Schlächtereien zurück? War Riinas Drohung ein Aufruf an seine Leute, die Waffen wieder in die Hand zu nehmen?

„Die Temperatur ist stark gestiegen“, bestätigt Claudio Fava, Vizepräsident des parlamentarischen Antimafia-Ausschusses in Rom. Nicht nur wegen Riina. Die Staatsanwälte haben auch Matteo Messina Denaro in die Enge getrieben, den Boss von Trapani, den Letzten seines Stammes, der noch in Freiheit lebt. Sie haben Besitztümer, Geschäfte und Firmen beschlagnahmt, von denen der seit 1993 Untergetauchte lebt; sie haben etliche Unternehmer verhaftet, die dem Boss zuarbeiteten; zuletzt haben sie Messina Denaros Schwester Patrizia festgesetzt und damit dem 51-Jährigen die bisher schwerste Schmach zugefügt. „Das war eine Botschaft an das eng verflochtene Umfeld, das Messina Denaro bisher verehrt und deckt“, sagt Claudio Fava: „Wenn ein Mafiaboss schon nicht mehr in der Lage ist, seine eigene Familie zu schützen, hat er seinen Kredit verloren.“

Die Staatsanwälte werden eingeschüchtert

Allerdings gibt Messina Denaros Clan mitnichten klein bei, im Gegenteil. Die Staatsanwälte in Palermo und Trapani, die unter Leitung von Teresa Principato den bereits zu lebenslanger Haft verurteilten Boss jagen, sind seit Langem Objekt systematischer, anonymer Einschüchterung, und ein „Überläufer“ verriet neulich der Polizei, Messina Denaro habe bereits den Sprengstoff für ein Attentat gegen Frau Principato geordert.

Hier die Bösen, da die Guten: die Welt scheint recht übersichtlich. Sie ist aber genau das Gegenteil davon. Totò Riina beispielsweise schmort in einem Mailänder Hochsicherheitsgefängnis, wo er praktisch in Isolationshaft lebt, überwacht und abgehört 24 Stunden am Tag. Wer also hat seine Drohungen gegen Staatsanwalt Di Matteo an die Medien weitergereicht, wenn nicht jemand aus der Justizbehörde selbst? Und wenn das – wie Di Matteo selbst meint – ein Aufruf zu den Waffen war, warum haben gerade solche Journalisten, die als mutige Antimafia-Schreiber gelten, Riinas Sätze gedruckt und sich damit zum Sprachrohr des Mafiabosses gemacht? Weshalb haben Staatsanwälte jetzt, nach zwei Monaten, das Abhörprotokoll auch noch komplett frei gegeben? Welche Interessen stecken dahinter?

Laufen Verhandlungen mit der Mafia?

Des Rätsels beunruhigende Lösung liegt womöglich nicht in Palermo, sondern in Rom. Und vielleicht ist es keine Mafia-, sondern eine Staatsaffäre. Nino Di Matteo nämlich ist Chefankläger in einem der heißesten und heikelsten Strafprozesse, die derzeit in Italien laufen. Es geht darum, ob und in welchem Umfang staatliche Funktionsträger, Politiker, Geheimdienstler, Institutionen mit der Cosa Nostra verstrickt sind. Vordringlich soll die   Frage beantwortet werden, warum die Serie der Bombenattentate Anfang 1994 zu Ende ging: Hat „der Staat“ mit der Mafia verhandelt? Wenn ja: Welchen Preis hat er ihr dafür bezahlt? Und wer war mit welchem Mandat dafür verantwortlich? Wenn aber stimmt, was Claudio Fava vom Antimafia-Ausschuss des Parlaments sagt – nämlich dass „Verhandlungen noch immer im Gange“ seien – dann gewinnt der palermitanische Prozess eine hohe politische Aktualität, und es könnte hohe politische Interessen geben, eine Aufklärung zu unterbinden. Notfalls durch Einschüchterung der Ankläger und Richter. Schlimmstenfalls durch Bomben.

Drei Denkschulen konkurrieren miteinander

Genau an diesem Punkt aber streben die Interpretationen der aktuellen Ereignisse weit auseinander. Unterschiedliche Insider munitionieren unterschiedliche Medien mit unterschiedlich gefilterten Informationen und begründen darin regelrechte Denkschulen. Die eine geht so: der palermitanische Staat-Mafia-Prozess ist an einem besonders empfindlichen Punkt angelangt oder/und Di Matteo hat neue, für die Institutionen brandgefährliche Spuren entdeckt. Mafiaboss Riina erfährt davon und zieht die Notbremse. Er, dem sowieso nichts mehr passieren kann – Riina weiß, dass er das Gefängnis schon unter seiner gegenwärtigen Verurteilungslage nie mehr verlassen wird –, will wenigstens seine staatlich-politischen Verhandlungspartner schützen.

Er kalkuliert so: entweder, die Staatsanwälte lassen unter seinen Morddrohungen den Prozess versanden. Oder, für den Fall, dass sie tatsächlich Opfer eines Anschlags werden, schieben alle die Schuld dem Mafiaboss zu – und die staatlich-politischen Hintermänner können sich weiterhin in straffreier Sicherheit wiegen. Deshalb also die Drohungen, und deshalb der auffällige Drang aus den Reihen der Behörden, Riinas Worte breit zu streuen. Die zweite Denkschule geht ganz anders: Der palermitanische Staat-Mafia-Prozess droht zu scheitern, weil die Staatsanwälte merken, sie können ihre pompöse Anklage gegen Politiker und staatliche Institutionen nicht hinreichend mit Zeugenaussagen und Beweisen unterfüttern. Oder/und es fehlt ihnen die mediale Aufmerksamkeit, die sie bei ihrem Jahrhundertprozess für angebracht halten. Aus diesem Grunde haben sie den Wirbel selbst veranstaltet und durch die sachlich unnötige Verbreitung von Riinas Drohungen für sich die Trommel gerührt – wohl wissend, dass Riina nach der faktischen Zerschlagung der Cosa Nostra durch die Ermittler gar nicht mehr über die Bataillone und über die Mittel für spektakuläre Anschläge verfügt. Mit anderen Worten: das Veröffentlichen der Morddrohungen war ungefährlich, geschenkt.

Alles nur Juristengezänk, sagen manche

Die dritte Denkschule hält alles für ein einziges Juristengezänk. Man weiß in der Tat, dass die Staatsanwälte in Palermo unter sich alles andere als einig sind. Da gibt es – in unheilvoller Tradition – persönliche wie sachliche Rivalitäten und Eifersüchteleien, da gibt es stille Arbeiter und medienbewusste „Stars“, da gibt es Karrierestreber und womöglich auch solche, die noch andere Interessen vertreten als die des reinen Rechts. Da gibt es „Raben“, die anonyme Briefe an missliebige Kollegen schreiben, düster formulierte Ankündigungen gezielt in deren Aktenordner schmuggeln oder dafür sorgen, dass vertrauliche, interne E-Mails an die nächstbesten Mafiosi weitergeleitet   werden.

Oder wie es das oberste Selbstkontrollorgan der italienischen Justiz, der Consiglio Superiore della Magistratura, festhält: Die palermitanische Anklagebehörde sei „durchzogen von zerreißenden Spaltungen, von wechselseitigem Misstrauen und nie besänftigtem Streit“. Damit werde gerade „bei einer so wichtigen Staatsanwaltschaft“, die auch noch mit „derart ernsten Fragen wie den Mafia-Attentaten“ zu tun habe, nicht nur „das Bild in der Öffentlichkeit beeinträchtigt, sondern womöglich auch die Arbeit“.

Das einzig Sichere in dieser Angelegenheit sind die Drohungen von Schlächter Riina. Womöglich greift nun tatsächlich jemand zu Pistole oder Sprengstoff. Und wieder, wie so oft in Italien, wird keiner wissen, wer es wirklich gewesen ist. Nur die professionellen Vernebler der Wahrheit, sie haben immer Konjunktur.