Krimikolumne

Dror Mishani: „Vermisst“ Völlige Hilflosigkeit

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Mishani erzählt uns etwas vom Deprimierenden der Polizeiarbeit, von der Erfahrung völliger Hilflosigkeit in Momenten, in denen andere dringend Hilfe von einem erwarten. Mit Avrahams ratlosem Herumgestochere in den wenigen Aussagen anderer über Ofer kontrastiert einerseits der Aktionismus eines schneidigen jungen Kollegen, der wenig Interesse an den menschlichen Umständen hat, aber jeden Fall als Zündstufe der eigenen Karriere sieht. Andererseits ist da ein Nachbar und Nachhilfelehrer von Ofer, Seev Avni, von dem man eher Avrahams Passivität erwarten würde, der sich aber in den Fokus der Ermittlers zu winden versucht.

Schnell wird uns dieser Kerl verdächtig. Auch er scheint ein zudem noch prätentiöser Langweiler zu sein, der erst im Ausnahmezustand richtig zu leben beginnt. Hat Avni diesen Ausnahmezustand darum geschaffen?

Die Tristesse, die Trostlosigkeit des Normallebens wird im Sonderfall der Kriminalermittlung nicht aufgehoben, sondern nur scharf gespiegelt. Dieses Pessimismus erinnert ein wenig an die Bücher Henning Mankells, aber Mishani ist frei von den Manierismen, Übertreibungen, plumpen Schockeffekten und der Larmoyanz des Schweden.

Maigret ohne Verwurzelung

Um der ehrenwerten Gilde der Mankell-Verächter also nicht die Lust auf diesen lesenswerten Krimi zu nehmen, sei ein anderer Vergleich gewählt: Avraham Avraham erinnert ein wenig an den frühen Maigret, nur dass ihm dessen Sozialkompetenz fehlt, dessen Verwurzelung und Autorität. Übrig bleibt einer, der mitleidet mit den Menschen um sich her, der weniger Schuld zuweisen als erst einmal verstehen will, was warum geschehen ist. Avraham Avraham ist auch keiner, der die Lösung eines Falls lange als Glück empfinden kann. Glück wäre, wenn es keine Fälle gäbe.

Dror Mishani: „Vermisst“. Roman. Aus dem Hebräischen von Markus Lemke. Paul Zsolnay Verlag, Wien 2013. 351 Seiten, 17,90 Euro. Auch als E-Book, 13,99 Euro.