ExklusivDuale Hochschule in Finanznot Kratzer am Aushängeschild

Neun Standorte im Land – hier Lörrach – bilden die Duale Hochschule Baden-Württemberg Mosbach (oben rechts). Foto:  
Neun Standorte im Land – hier Lörrach – bilden die Duale Hochschule Baden-Württemberg Mosbach (oben rechts). Foto:  

Die Duale Hochschule gilt als Erfolgsmodell made in Baden-Württemberg. Nun aber steckt sie in Finanznöten – wohl auch, weil sie so stark gewachsen ist. Ein harter Sparkurs droht, alles außer den Kernaufgaben kommt auf den Prüfstand.

Titelteam Stuttgarter Zeitung: Andreas Müller (mül)
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Stuttgart - Seine letzten Monate als Prä­sident der Dualen Hochschule Baden-Württemberg (DHBW) dürfte sich Reinhold Geilsdörfer angenehmer vorgestellt haben. Als er im März seinen Rückzug in den Ruhestand ankündigte, schien seine Welt noch in Ordnung zu sein. In den höchsten Tönen lobten die Spitzen des Aufsichtsrates, was er in vier Amtsjahren geleistet habe. „Mit großem Geschick, Umsicht und eindrucksvollem Gespür für neue Entwicklungen und Chancen“ habe er die aus den   einstigen Berufsakademien formierte Hochschule geführt, bescheinigte ihm Wissenschaftsministerin Theresia Bauer (Grüne). Geilsdörfer sei „der richtige Mann zur richtigen Zeit“ gewesen, sekundierte der Daimler-Personalvorstand Wilfried Porth. „Aufbauend auf den dezentralen Stärken“ der neun Standorte mit drei Außenstellen habe er aus der DHBW eine Institution gemacht, die heute weit über ­Baden-Württemberg hinaus Vorbild sei. Nun gelte es, einen guten Nachfolger zu finden, „damit die erfolgreiche Entwicklung konsequent fortgesetzt werden kann“, verblieben Bauer und Porth.

Der Neue ist inzwischen gewählt, ein international erfahrener Professor mit Wurzeln in Südafrika. Doch schon vor der Amtsübergabe Anfang Februar 2016 erscheint der Erfolgskurs der Hochschule jäh gefährdet. Ein ganzes Bündel von Problemen droht Geilsdörfer (65) den Abschied zu vergällen. Weitgehend unbemerkt von der Öffentlichkeit ist die DHBW in eine schwere Finanzkrise geschlittert, samt Haushaltssperren an einzelnen und massivem Spardruck an fast allen Standorten. Jede Ausgabe wird überprüft, selbst für überschaubare Beträge ist teils eine Sondergenehmigung nötig. Schon kursieren Warnungen vor einer drohenden Zahlungsunfähigkeit, die die DHBW-Spitze freilich für „abwegig“ hält.

Heilbronn dank Lidl-Stiftung im Vorteil

Nur in Heilbronn hat man solche Sorgen nicht, dank dem milliardenschweren Lidl-Gründer Dieter Schwarz (76), dessen Stiftung den Standort so großzügig wie diskret fördert. Doch deren Engagement wird andernorts noch kritischer gesehen, seit bekannt wurde, was Geilsdörfer im „Ruhestand“ machen wird: er wechselt von der Dualen Hochschule nahtlos als Geschäftsführer zur Dieter-Schwarz-Stiftung nach Neckarsulm, zuständig für den Hochschulbereich. Seither erscheint es Kritikern in einem neuen Licht, weshalb er sich seit Jahren für die Aufwertung des Standortes Heilbronn einsetzte, zu Lasten besonders des Standortes Mosbach, an dem er zuvor Rektor war. An der DHBW rumort es, ein Professor erstattete sogar Strafanzeige wegen Vorteilsannahme gegen den Präsidenten – die freilich nicht zu Ermittlungen führte. Misstrauen und Missgunst aber begleiten ihn weiterhin.

Nur vordergründig kommen die Geldsorgen der DHBW überraschend. Als die Ministerin Bauer im Januar einen Finanzierungspakt mit den Hochschulen schloss, zeigte sich die DHBW „sehr zufrieden“. Nun sei man für die nächsten Jahre gerüstet und könne dem wachsenden Fachkräftebedarf der „dualen Partner“ – 9000 Unternehmen und soziale Einrichtungen im Land – gerecht werden, jubilierte Geilsdörfer. Die Kapazitäten für die Aufnahme von jährlich 12 500 Studenten seien damit gesichert. Der agile Ingenieur, mehr Manager als Wissenschaftler, hatte sich immer stark über das fraglos beeindruckende Wachstum der Studentenzahlen definiert: von 2008/09 bis 2014/15 stiegen diese von 23 000 auf mehr als 34 000, um fast 50 Prozent. Man rühmte sich, die größte Hochschule Baden-Württembergs zu sein und eine der größten Deutschlands; bei den Erstsemestern etwa rangiere man deutlich vor der Universität München auf Platz eins. Damit einher ging ein kräftiger Ausbau des Präsidiums in Stuttgart: die Zahl der Mitarbeiter in der Zentrale, die sich um standortübergreifende Aufgaben wie Marketing oder Informationstechnik kümmern, stieg von einst einem Dutzend auf fast achtzig.

Bedarf fast überall deutlich über dem Budget

Nun aber droht die DHBW zum Opfer ebendieses Erfolges – manche sprechen von Größenwahn – zu werden. Finanziert wurde das Wachstum über Ausbauprogramme mit vielen Zeitarbeitskräften. Das galt schon länger als fragiles Fundament, doch beim Hochschulpakt hoffte man belohnt zu werden. So sah es zunächst auch aus. Dank der Zusatzmillionen, frohlockten Geilsdörfer und seine Präsiden, könnten zahlreiche befristete Stellen in Dauerjobs umgewandelt werden. Doch das wird deutlich teurer als gedacht: die festen Mitarbeiter kosten im Schnitt mehr als die jungen, auf Zeit beschäftigten. Diese Umstellung wird als Grund dafür genannt, dass es „an einzelnen Standorten ­Finanzierungsprobleme“ gebe. Es handele sich aber nur um „vorübergehende Engpässe“, die ein Nachjustieren der Finanzsteuerung erforderten, „flächendeckende Haushaltsprobleme“ gebe es nicht. So beteuert es auch das Wissenschaftsministerium. Interne Dokumente zeigen indes ein alarmierenderes Bild. Für acht der neun Standorte verbreitete das Präsidium im Herbst ein Säulendiagramm, jeweils mit Budget und Bedarf im Jahr 2016. Das zur Verfügung stehende Geld lag überall deutlich unter dem benötigten, teils um mehrere Millionen. Nun dürfte ein drastischer Sparkurs notwendig werden. Derzeit liefen Gespräche mit den Führungskräften, um ausgeglichene Haushalte zu gewährleisten, bestätigt eine Sprecherin. Bei vielem, das nicht zu den Kernaufgaben gehöre, müsse man Abstriche machen. Gerade bei innovativen Projekten etwa zur Digitalisierung der Lehre falle das „natürlich sehr schwer“.

Schon im Sommer wurde für das Präsidium ein „sofortiger Ausgabestopp“ verhängt: ein Kassensturz habe ergeben, dass 80 Prozent des verplanten Geldes bereits zum Halbjahr ausgegeben sei. Die Konsequenz: jede Bestellung über 500 Euro müsse einzeln beantragt und bewilligt werden. Inzwischen ist die Sperre wieder aufgehoben, der Spardruck aber bleibt bestehen. Was für die Zentrale ausgegeben wird, fehlt schließlich für die Lehre draußen im Land.

In Mannheim nur noch Notmaßnahmen

Am dramatischsten ist die Situation in Mannheim, wo die DHBW ihr Budget um gut eine Million Euro überzogen hat. Geld darf nur noch für „Notbeschaffungen zur Aufrechterhaltung des laufenden Betriebs“ ausgegeben werden. Es gilt ein Einstellungsstopp, die Mittel für studentische Hilfskräfte werden halbiert, die Bibliothekszeiten verkürzt. So sei man „trotz der neuen Herausforderungen auf dem richtigen Weg“, sagt der Rektor Georg Nagler.

Als Krisenmanager haben sich die Kanzlerin aus Stuttgart, Gisela Meister-Scheufelen, und ihre Verwaltungsdirektorin eingeschaltet. Für die CDU-Frau Meister-Scheufelen, einst Landtagsabgeordnete, Ministerialdirektorin in Stuttgart und Staatssekretärin in Berlin, kommen die Turbulenzen zur Unzeit: Sie gilt im Falle eines Wahlsiegs als Kandidatin fürs Kabinett. Da trifft es sie doppelt, wenn ihre Hochschule als Aushängeschild des Landes hässliche Kratzer abbekommt. Aber auch Geilsdörfers Umstieg wird von der Geldnot überschattet. Die klamme DHBW lässt er hinter sich, bei der Schwarz-Stiftung kann er fortan aus dem Vollen schöpfen – das verbreitet Unmut.

Bis heute herrscht in Mosbach Empörung

Bis heute hat man ihm an seinem Wohnort Mosbach nicht verziehen, unter welchen Umständen die ehemalige Außenstelle Heilbronn 2013 selbstständig wurde. Erst kurz vor dem Kabinettsbeschluss wurden die Verantwortlichen vor Ort informiert – und waren stinksauer. Der Rektor trat zurück, der Oberbürgermeister sah das Vertrauen in die Hochschule „als Ganzes erschüttert“, der Landrat sprach von einem „Tiefstand an politischer und demokratischer Kultur“. Aus den Plänen wäre nichts geworden, wenn man sie früher enthüllt hätte, bat Geilsdörfer um Verständnis. Weitere Entscheidungen zur Stärkung von Heilbronn folgten.

Wie viele Millionen die Schwarz-Stiftung in die dortige Duale Hochschule pumpt, wird nicht verraten. Doch der Standort steht fraglos besser da als alle anderen. In dem Krisen-Diagramm fehlte er ganz. Offiziell wird das Engagement des Lidl-Gründers überschwänglich gelobt, zuletzt von Winfried Kretschmann. „Das ist Mäzenatentum der feinsten Sorte“, sag­te  der Ministerpräsident im Herbst bei der Eröffnung eines neuen Bauabschnitts auf dem Bildungscampus. Innerhalb der DHBW hingegen wird sorgenvoll von einer „Zweiklassengesellschaft“ gesprochen. Gänzlich uneigennützig sei die Großzügigkeit von Schwarz zudem nicht: Heilbronn solle zu einer „Kaderschmiede“ für die Lebensmittelbranche werden.

Ein Professor zeigt den Präsidenten an

Als einziger der Kritiker wagte sich ein Professor der DHBW in Villingen-Schwenningen, Hendrik Jacobsen, aus der Deckung. Von dem Juristen stammt die Strafanzeige, in der Geilsdörfer wegen seines Einsatzes für Heilbronn der Vorteilsannahme bezichtigt wurde. Mit dem schon früher in Aussicht gestellten Stiftungsposten werde er gleichsam belohnt. Die Hochschul-Oberen wiesen diesen Vorwurf empört zurück, Geilsdörfer drohte mit rechtlichen Schritten. Nach einigem Hin und Her um die Zuständigkeit entschied die Staatsanwaltschaft Stuttgart im November, es gebe keinen Anfangsverdacht für Ermittlungen. Die Begründung laut einer Behördensprecherin: Jacobsens Schlussfolgerungen seien einseitige Bewertungen, denkbar seien „auch ganz andere Motive“. Auch – gänzlich ausgeschlossen wird ein Zusammenhang also nicht. Immerhin bleibt dem Präsidenten somit ein Verfahren erspart.

An der Dualen Hochschule richtet man den Blick nun in die Zukunft. Der künftige Präsident, Arnold van Zyl, wird als Glücksgriff gerühmt. Mit seinen Stationen in Industrie und Wissenschaft – zuletzt als Rektor der renommierten Technischen Universität Chemnitz – passe er perfekt auf den Posten. Seine Verpflichtung zeige, welches Renommee die DHBW inzwischen überregional genieße. In die Vorfreude mischt sich nur eine Sorge: Van Zyl sei hoffentlich nicht allzu ernüchtert von der Lage, in der er die Hochschule vorfinde.

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