Duden reagiert auf Kritik „Jude“ ist kein Schimpfwort

Wörter jüdischer Herkunft gibt es viele im Duden. Foto: dpa/Sven Hoppe

Eine gut gemeinte Bemerkung im aktuellen Nachschlagewerk bringt dem Duden-Verlag Kritik des Zentralrats der Juden ein. Jetzt rudert die Redaktion zurück.

Baden-Württemberg: Eberhard Wein (kew)

Mannheim - Die Floskel von den „jüdischen Mitbürgerinnen und Mitbürgern“ hat Barbara Traub schon oft gehört. Das war niemals bei Sabbats-, dafür regelmäßig bei Sonntagsreden. „Ich nehme das hin als Form eines respektvollen Umgangs“, sagt die Vorsitzende der Israelitischen Religionsgemeinschaft Württemberg. Es deute aber auch auf eine gewisse Verunsicherung hin. Abgesehen davon, dass bei dem Wort ‚Mitbürger’ immer mitschwinge, dass man vielleicht doch nicht ganz dazu gehöre, sei es doch besser, klar zu reden: „Wir sind Jude oder Jüdin.“

 

Juden selbst haben damit kein Problem. Nichtjuden kommt die Bezeichnung 80 Jahre nach der Schoah aber immer noch schwer über die Lippen. Da haben die Nationalsozialisten offenbar ganze Arbeit geleistet. Nichts anderes wollte der Duden-Verlag wohl unbewusst ausdrücken, als er den Eintrag des Wortpaares „Jude, Jüdin“ in seinem Nachschlagewerk mit einem „besonderen Hinweis“ versah. „Gelegentlich“, so schrieben die Redakteure, werde die Bezeichnung „wegen der Erinnerung an den nationalsozialistischen Sprachgebrauch als diskriminierend empfunden“. In diesen Fällen böten sich Formulierungen wie „jüdische Menschen“, „jüdische Mitbürgerinnen und Mitbürger“ oder „Menschen jüdischen Glaubens“ an.

Darf man „Jude“ sagen? Ja!

Seit 2007 steht die Ergänzung im gedruckten Duden, seit 2011 ist sie online. Mit den Juden selbst hatte die Redaktion, seit 141 Jahren maßgebend in allen Fragen von Rechtschreibung und Grammatik, den Passus aber nie besprochen. Erst ein Twitter-Post machte ihn jetzt bekannt.

Seither wird diskutiert. „Darf man Jude sagen? Ja! Bitte kein ‚jüdischer Mitbürger’ oder ‚Menschen jüdischen Glaubens’. Einfach nur JUDEN. Danke“, schrieb Daniel Botmann, Geschäftsführer des Zentralrats der Juden in Deutschland. Auch der Zentralratspräsident Josef Schuster erklärte, das Wort „Jude“ sei für ihn weder ein Schimpfwort noch diskriminierend. Dies gelte, obwohl es auf Schulhöfen bisweilen abwertend verwendet werde.

Müssen auch andere Worte vom Index?

Sicherlich wolle die Duden-Redaktion wohlmeinend auf diesen Kontext hinweisen, jedoch sollte alles vermieden werden, was den Begriff als diskriminierend verfestige, so Schuster. Auch der Erfurter Bischof Ulrich Neymeyr, zuständig für die Beziehungen der katholischen Kirche zum Judentum, meldete sich zu Wort. „Einen Juden nicht als Juden zu bezeichnen, wäre eine Kapitulation vor dem Missbrauch des Wortes“, warnte er.

Müssen nun auch andere Bezeichnungen, die der Bann der Political Correctness getroffen hat, wieder vom Index? So einfach ist es wohl nicht. „Wenn Martin Luther King von ‚negroes’ spricht, ist das etwas völlig anderes, als wenn wir das täten", erklärt der baden-württembergische Antisemitismusbeauftragte Michael Blume. Auch bei ‚Jude’ komme es darauf an, wie es gemeint sei. „Leider wird das Wort in Deutschland immer noch als Schimpfwort benutzt.“ Dies sei auch häufig der Grund, warum Schulen auf ihn zukämen, sagt Blume, der selbst schon einschlägige Erfahrungen gesammelt hat. Im Internet wurde er von einem Mann aus Sachsen als „falscher Jude“ beschimpft.

Der Duden rudert zurück

Menschen, die „Jude“ als Schimpfwort wählten, wollten damit nur ihre eigenen Vorurteile reproduzieren, sagt die Präsidentin der Jüdischen Studierendenunion, Anna Staroselski. „Statt das Wort zu problematisieren, müssten diese Vorurteile bekämpft werden.“ Die in allen Rechtschreibfragen seit 141 Jahren so kompromisslose Duden-Redaktion rudert inzwischen zurück. Zwar bleibt es beim Verweis auf Ausdrücke wie „jüdische Menschen, Bürger oder Mitbürger“. Gleichzeitig wird darauf verwiesen, dass ‚Jude’ weithin auch völlig selbstverständlich verwendet werde. Und: „Der Zentralrat der Juden in Deutschland, der die Bezeichnung im Namen führt, spricht sich für die Verwendung aus.“

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