Dumping-Reha macht Kliniken im Kreis Göppingen Sorgen Wachsen statt weichen lautet die Devise

Von com 

Die Reha-Kliniken im Kreis stöhnen über Defizite und Dumping-Rehaangebote von Kliniken in Ost-Deutschland. Die hiesigen Anbieter fordern gerechtere Vergütungen.

In der  traditionsreichen Bad Boller Rehaklinik, in der einst die Pfarrer Johann und Christoph Blumhardt wirkten, ist das prächtige Kurhaus das Herzstück. Die Klinik wird um 180 Betten wachsen, damit sie aus dem Defizit kommt. Grund für die Schieflage sollen die unzureichenden Vergütungen der Kassen und Dumpingangebote von Mitbewerbern sein. Foto: Archiv/Horst Rudel
In der traditionsreichen Bad Boller Rehaklinik, in der einst die Pfarrer Johann und Christoph Blumhardt wirkten, ist das prächtige Kurhaus das Herzstück. Die Klinik wird um 180 Betten wachsen, damit sie aus dem Defizit kommt. Grund für die Schieflage sollen die unzureichenden Vergütungen der Kassen und Dumpingangebote von Mitbewerbern sein. Foto: Archiv/Horst Rudel

Bad Boll/Göppingen - Die Rehakliniken im Kreis Göppingen stöhnen unter der Last eines permanenten finanziellen Defizits. Gemeinsam mit der Baden-Württembergischen Krankenhausgesellschaft (BWKG) hat das Klinikum Christophsbad, das die Klinik für Geriatrische Rehabilitation und Physikalische Medizin sowie die Rehaklinik Bad Boll unter einer Trägerschaft vereint, mit der Kampagne „Umsonst ist keine Reha“ auf ihre wirtschaftliche Schieflage hingewiesen. Als unzureichend werden die Vergütungen der Krankenkassen für die Rehabilitation kritisiert. In Boll zielt man mit einer Klinikerweiterung um 180 Betten und zusätzlichen ambulanten Angeboten auf eine höhere Wirtschaftlichkeit.

Grundstücksverkäufe haben das Überleben gesichert

Die traditionsreiche und beliebte Boller Klinik habe harte Zeiten hinter sich seit dem Sparkurs durch das Bundes-Gesundheitsstrukturgesetz von 1992. Das Überleben sei bisher durch Grundstücksverkäufe gesichert worden, sagte Bernhard Wehde, der am Göppinger Hauptsitz ansässige Geschäftsführer des Klinikums Christophsbad, der nichts zur Höhe des Defizits sagen will, aber an die beiden schnellen Betreiberwechsel der Rehaklinik erinnert. Das 1597 gegründete Bad Boller Kurhaus wurde seit 1920 von der Herrnhuter Brüdergemeine betrieben, 1999 übernahm die Diakonie Stetten das Anwesen, bevor 2013 das Christophsbad Eigner wurde.

Das Göppinger Klinikum wächst beständig

Jetzt soll die Bettenzahl von 155 mehr als verdoppelt werden. „Wachsen oder weichen“ nennt Bernhard Wehde das altbekannte marktwirtschaftliche Prinzip, nachdem nur den Großen die Zukunft gehören soll. Wehde hat in Göppingen vorgemacht, was er unter Zukunftsfähigkeit versteht und in den dortigen Kliniken die Bettenzahl in den vergangenen 14 Jahren ebenfalls verdoppelt.

Ein Beispiel dafür ist die geriatrische Rehabilitation, wo nach der Schließung der Esslinger Aepah Klinik im Nachbarkreis das Göppinger Angebot von 55 auf 95 Betten gesteigert und dank der Synergieeffekte im Gesamtklinikum vor allem die durchschnittlichen Servicekosten gesenkt werden konnten.

Die geriatrische Versorgung geht ins Geld

Rein theoretisch könnte die Klinik die Zahl ihrer geriatrischen Betten sogar nach Belieben festlegen, da diese, anders als bei den Krankenhausbetten, nicht über einen landesweiten Bedarfsplan gesteuert wird. Allerdings ergäben sich hier betriebswirtschaftliche Grenzen erläutert Katja Gohl, die Geschäftsführerin im Geschäftsbereich Rehabilitation und Organisation der BWKG. Denn die geriatrische Versorgung zähle zu den teuersten medizinischen Bereichen überhaupt. Als kostendeckend bezeichnete Gohl einen Vergütungssatz von rund 210 Euro. Ausgehend von einem lange Zeit „sehr schlechten Niveau“ erlösten die Rehakliniken hier inzwischen im Schnitt bei 180 Euro pro Tag.

Klinik beklagt eine Vergütungslücke

„Der Vergütungssatz liegt oft unter dem Preis“, klagt Birgit Kälbling, die Geschäftsführerin der sehr gut ausgelasteten Rehaklinik Bad Boll, in der die Orthopädie das wichtigste medizinische Standbein ist. Zwar sei die Zusammenarbeit mit manchen Kostenträgern hervorragend, doch es gäbe auch so „unterirdisch schlechte Vergütungen“, dass sie es bei zwei Kassen inzwischen ablehne, überhaupt noch die jährlichen Verhandlungen über Pflegesätze zu führen.

Die Vergütungslücke zeichnet den Verantwortlichen der Klinik auch angesichts einer immer älter werdenden Gesellschaft die Sorgenfalten auf die Stirn. „Heute werden eben auch Menschen im Alter von 80 Jahren an der Hüfte operiert und erhalten damit deutlich mehr Lebensqualität“, beschreibt Wehde neben dem Wandel im medizinischen Fortschritt auch den ethische Wandel gegenüber einer beständig wachsenden Kundschaft im Seniorenalter.




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