Dylan Farrows Roman „Hush“ Fantasywelt der magischen Worte
Dylan Farrow erzählt in „Hush“ von einer Frau, der man nicht glaubt. Die Autorin, die Woody Allen des Missbrauchs beschuldigt, schöpft aus eigener Erfahrung.
Dylan Farrow erzählt in „Hush“ von einer Frau, der man nicht glaubt. Die Autorin, die Woody Allen des Missbrauchs beschuldigt, schöpft aus eigener Erfahrung.
Stuttgart - Shae hat es mit eigenen Augen gesehen. Die Tochter armer Leute hat gleich beim Nach-Hause-Kommen gemerkt, dass Schlimmes geschehen sein muss. Die Tür des Bauernhäuschens, in dem sie nach dem Tod von Vater und Bruder allein mit ihrer Mutter lebt, stand offen. Blut befleckte die Schwelle. Im Haus selbst hat Shae die Leiche ihrer Mutter gefunden. Gewalt mussten sie in ihrer abgelegenen Ecke des von einer Seuche niedergedrückten, von einer Dürre mitgenommenen, von plündernden Räuberhaufen durchzogenen Reichs Montane stets fürchten. Aber der Dolch, der in der Brust von Shaes Mutter steckt, ist aufwendig gearbeitet, gewiss nicht das Meuchelinstrument eines zerlumpten Straßenräubers.
Shae lebt in Dylan Farrows Fantasyroman „Hush“ zwar in einem Land, in dem nun Autoritäten tätig werden. Aber viele Möglichkeiten hat der lokale Büttel nicht, ein Verbrechen zu klären. Shae ist eine bequeme Hauptverdächtige. Schlimmer noch: in Farrows Weltentwurf darf das gemeine Volk nicht alles sagen. Worte haben magische Macht, wie die Obrigkeit den Untertanen einschärft. Schrift und Tinte gelten als Auslöser der tödlichen Seuche und sind darum verboten. Auch „Mord“ und Mörder“ gehören zu den Begriffen, die nicht laut werden dürfen. Wo passende Worte tabu sind, lassen sich Sachverhalte aber nicht angehen.
Das alles wäre für das Mädchen vom Lande quälend genug. Aber nach ein paar Wochen in einer Art fürsorglichem Hausarrest bei den Eltern ihrer einzigen Freundin bekommt Shae einen seltsamen Trost. Ja, sagt man ihr, dieser Erdrutsch, der Haus und Mutter begraben habe, sei schrecklich gewesen, aber sie werde darüber hinweg kommen.
Erdrutsch? Shae versteht nicht, was da gemeint sein könnte. Aber als sie zurückkehrt zum Ort des Geschehens, ist da tatsächlich ein Hang herabgerutscht. Und nun reden die drohend Strengen wie die verzweifelt Wohlmeinenden auf Shae ein, das zu akzeptieren. Dass sie traumatisiert sei, dass sie sich falsch erinnere, dass sie die Bilder von Dolch und Mord aus ihrem Kopf bringen müsse. Shae aber klammert sich mit schwindender Kraft an die Möglichkeit, hier sei Magie im Spiel. Sie bricht dorthin auf, wo eine wie sie nicht zugelassen ist: an den Sitz der Macht, zu den Barden, jenen besonders Talentierten, die mit der Kraft der Worte umgehen können.
Das wäre sowieso ein brauchbares Szenario für einen Fantasyroman. Aber die Autorin Dylan Farrow ist keine Unbekannte. Die 1985 Geborene ist die Adoptivtochter von Mia Farrow. Sie hat, als sie sieben Jahre alt war, mitten im Trennungskrieg von Mia Farrow und Woody Allen, von Missbrauch durch Allen gesprochen, meldete sich auch später immer wieder mit ihrem Vorwurf zu Wort.
Bis heute gibt es jene, die ihr bedingungslos glauben, und jene, die Dylan Farrow als Opfer von Gehirnwäsche durch eine rachsüchtigen Adoptivmutter sehen. Beide Seiten können psychologische Gutachten auffahren und Zeugen aus der Familie beibringen. Dylans Bruder Ronan Farrow, der als Enthüllungsjournalist maßgeblich zur Metoo-Dynamik beigetragen hat, ist einer ihrer Champions. Allens Verteidiger berufen sich auf den anderen Bruder Moses, der angibt, Mia Farrow habe mit hohem psychischem Druck falsche Erinnerungen implantiert. Der Roman „Hush“ läuft Gefahr, entlang dieser Konfliktlinie gelesen zu werden, als ergreifende Anklage oder als nachtretende Schmähung. Das sollte man vermeiden.
Dylan Farrow lebt mit der zumindest subjektiven Wahrheit, Schreckliches erlebt zu haben und noch immer nicht überall Gehör zu finden. Woody Allen und dessen Verteidiger empfindet sie als mächtige Figuren, die sie zum Schweigen bringen und ihre Erinnerungen verdrehen wollen. Aus dieser Erfahrung heraus hat sie Montanes Regeln und Shaes Notlage entworfen, ohne das Ganze als Schlüsselroman aufzuziehen. Das Buch liest sich aber ergreifender, wenn man weiß, dass es reale Qual verarbeitet.
Etliche Rezensionen von den feineren Rängen herab haben „Hush“ bereits als Anti-Allen-Buch gelobt, als Literatur aber säuerlich weggelächelt. Das fällt ganz leicht, wenn man diesen Erstling neben erwachsene literarische Fantastik von Margaret Atwood oder Ursula K. Le Guin stellt. Aber „Hush“ ist als Jugendbuch gedacht, für die Leserinnen von „Die Tribute von Panem“, für noch Jüngere und allenfalls naivitätsnostalgische Erwachsene.
Farrow erzählt ohne Herablassung für jüngere Leser, wenn auch mit einigen Ungeschicklichkeiten. Dafür, dass Shae vom Land kommt und wenig erlebt hat, sind ihr Wortschatz und ihr Vorrat an Vergleichsmöglichkeiten etwa viel zu groß. Manches ist nicht logisch durchdacht, unsere reale Erfahrungswelt schiebt sich ins Fantasyland. Solche Schnitzer gibt es einige, und der Gefühlsüberschwang der Hauptfigur ist sehr bewusst auf Pubertätsromanze getrimmt. Der Schluss des auf Fortsetzung angelegten „Hush“ ist besonders schwach.
Das aber sind nur die verschmerzbaren Makel eines Jugendbuches, das marktgängige Formen nutzt und doch eigene Substanz aufzuweisen hat. „Hush“ kann jungen Lesern die Augen für die verwirrende Komplexität der Welt öffnen. Und in einer Zeit rasch und giftig eskalierender Kommunikation in den sozialen Netzwerken kann ein Buch, das auf die nicht immer leicht zu kontrollierende Macht von Worten verweist, nur Gutes tun.
Dylan Farrow: „Hush“. Roman. Aus dem Englischen von Alexandra Ernst. Loewe-Verlag, Bindlach. 416 Seiten, 19,95 Euro