Echterdinger Rektor Krause geht in Rente Abschied mit der Gettofaust: Ein Lehrer mit Herz, ohne sich anzubiedern

Wolfgang Krause im Schulgarten Foto: Werner/Werner

Wolfgang Krause, seit 20 Jahren Rektor am Philipp-Matthäus-Hahn-Gymnasium, geht am Ende des Schuljahres in den Ruhestand. Eigentlich hatte er Pfarrer werden wollen, doch als Schulleiter habe er eine „sinnstiftende Lebensaufgabe“ gefunden.

Der Junge hat „Mist gebaut“, wie Wolfgang Krause es nennt, wenn man einen Krampen ans Auge eines Mitschülers schießt. Also muss der Junge zum Rektor: Ob er sich darauf verlassen könne, dass sich so etwas nicht wiederhole, fragt Krause. Klar, antwortet der Junge. Dann verabschiedet der Rektor den Schüler mit der coolen Gettofaust, ohne sich anzubiedern.

 

Denn Krause, Lehrer am Echterdinger Philipp-Matthäus-Hahn-Gymnasium seit 1991 und Schulleiter dort seit 20 Jahren, pflegt eher den wertschätzend distanzierten Umgang mit seinen Kunden. „Und hier sind unsere Musiker“, erklärt er, als er in der Aula vier Mädchen erblickt, die an der Schule Streichinstrumente lernen. Eines der Mädchen korrigiert ihn sofort: „Musikerinnen!“ Aber Krause, der einräumt, sich mit dem Gender-Sternchen schwer zu tun, sagt es wieder: „Musiker!“ „Immer spricht er von Musikern, dabei sind fast alle, die an unserer Schule Musik machen, Mädchen“, so klärt eine aus dem Quartett den Besucher auf. Sie lacht, und man spürt, dass die Wertschätzung auf Gegenseitigkeit fußt, was wiederum dazu führen kann, dass einen das Gefühl beschleicht, die Augen des Schulleiters würden sich mit Feuchtigkeit füllen, wenn er davon erzählt, dass ein Schüler sich neulich mit einem kleinen Geschenk bedankt habe, „weil Sie an mich geglaubt haben“.

Verliebt in die Tochter des Hausmeisters

Dabei schlug Wolfgang Krause – erkennbar Lehrer mit Herz und Hirn – vor seiner Schullaufbahn zwei ganz andere berufliche Wege ein: Nach seinem Realschulabschluss in Heilbronn absolvierte er zunächst eine Ausbildung zum Industriekaufmann, ehe er – weil er nun katholischer Pfarrer werden wollte – im Spätberufenen-Seminar in Sasbach im Ortenaukreis sein Abitur machte. Dort verliebte er sich in die Tochter des Internat-Hausmeisters, die heute seine Frau ist, sodass er nach einem entsprechenden Studium in Freiburg statt Pfarrer Religions- und Geschichtslehrer wurde. Direkt nach seiner Grundschulzeit in einem Vorort von Heilbronn war der Besuch des Gymnasiums übrigens nicht infrage gekommen, obwohl Krause ein guter Schüler war. Denn Anfang der 1970er-Jahre entschieden seine Eltern: „Nicht dass die Leute denken, wir seien größenwahnsinnig – du gehst auf die Realschule wie die anderen auch.“

Als Wolfgang Krause 1991 als Jüngster im Kollegium ans Echterdinger Gymnasium kam, wurde die Schule von Einheimischen oft noch „Filder-KZ“ genannt. Nachdem er die Schulleitung übernommen hatte, wollten jedoch viele Schüler ans Philipp-Matthäus-Hahn-Gymnasium in Echterdingen, deutlich weniger wollten ans Gymnasium nach Leinfelden. Er erzählt diese Geschichte nicht, aber er bestätigt sie. „Der Begriff war sicher überzogen.“ Als die Schule gegründet worden war, habe eine „gewisse Strenge“ geherrscht, die Veränderungen später hätten nicht an seiner Person gelegen, „bestimmt nicht“. Man habe auf die Gemeinschaft gesetzt und das Miteinander in den Vordergrund gerückt.

Noten und Mathe hält er für unerlässlich

Denn darum geht es ihm: „Ein guter Lehrer ist ein Lehrer, der an die Schüler glaubt“, sagt Wolfgang Krause, „ein Wegbegleiter unserer Schüler“, der dabei hilft „Schwierigkeiten zu überwinden“. Weil er das Wegbegleiten für eine zentrale Aufgabe eines Lehrers halte, habe er sich lange gegen eine Schulsozialarbeiterin ausgesprochen. Seit vergangenem Sommer ist doch eine an der Schule, und Krause erklärt seinen Sinneswandel: „Die psychischen Belastungen nach Corona sind gravierend.“

Die Belastung durch Schulnoten hingegen hält er für quasi naturgegeben: „Das Leben benotet uns. Und wer die Augen zumacht vor den Benotung des Lebens, vor der Wirklichkeit – und immer glaubt, er macht alles richtig – der ist sehr schnell am Ende seiner Entwicklung.“ Statt Schulnoten abzuschaffen, plädiert Wolfgang Krause für Unterstützung bei Misserfolg: „Entscheidend ist, dass wir den Schülern helfen, mit schlechten Noten klarzukommen.“ Er hält nichts von der Flucht vor Schulproblemen, stattdessen findet der Hobby-Astronom Mathematik wichtig, weil ein Abitur ohne Mathe kein echtes Abitur sei: „Wir brauchen das Eindringen in Gedankendimensionen, die über das ,Es passt zusammen, es passt nicht zusammen‘ hinausgehen.“ Und er hält die Vermittlung von Werten an der Schule für unerlässlich; „Mitmenschlichkeit, Nächstenliebe, auch mal verzeihen können“, zählt er auf. Schulgottesdienste seien hilfreich, findet er, Küchenarbeit auch: „Wir haben ungefähr 150 Väter, Mütter, Omas, Opas, die in der Mensa mithelfen und für unsere Schüler kochen. Das ist ein Zeichen, dass es viele Menschen gibt, die eine Werteorientierung haben und das auch im Alltag umsetzen.“

Krause will nicht in die Politik

Auch weil er an seiner Schule „Gemeinschaft stiften“ und „Werte vermitteln“ konnte, hadert Wolfgang Krause nicht damit, kein Pfarrer geworden zu sein. Er sei sehr gerne Schulleiter gewesen: „Es war für mich eine zutiefst sinnstiftende Lebensaufgabe“, sagt der Mann, der immer gegen die Schnellschule G8 gewesen ist, „aber wir haben es so gut wie möglich umgesetzt.“

Der Schulplaner Wolfgang Krause ist jedoch noch nicht dazu gekommen, seine Zukunft als Rentner zu organisieren, wenn er nach dem Ende dieses Schuljahres in den Ruhestand geht: „Im Moment lässt mir die Arbeit hier nicht die Zeit und den Spielraum, um konkrete Planungen zu machen.“ Er habe Anfragen, sich ehrenamtlich zu engagieren, sagt er, und das werde er auch in der einen oder anderen Form tun, aber nicht in der Politik. Seine Eltern, beide um die 90, will er öfter in Heilbronn besuchen und mehr Zeit als bisher seinem Hobby, der Naturfotografie, widmen: Pflanzen und Tiere nehme er gerne auf, und die Astrophotographie habe es ihm besonders angetan, das „Einssein mit sich selber, weil man sich an der kosmischen Ordnung orientiert.“

Der Schulleiter und seine Schule

Abschied
Die Verabschiedung von Wolfgang Krause als Schulleiter findet am 19. Juli im Kulturforum Echterdingen statt. Die Einladungskarten zieren astronomische Motive.

Gymnasium
Das Philipp-Matthäus-Hahn-Gymnasium nahm 1967 mit 114 Schülern seinen Betrieb auf. Derzeit besuchen mehr als 900 Schüler das 1970 errichtete Schulgebäude.

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