Ed Sheeran und sein neues Album Der nette Superstar von nebenan
Ed Sheeran wird grandios als authentisch-bescheidener Kumpeltyp vermarktet und ist eine Ein-Mann-Boygroup. Jetzt spielt er aber mit Freunden wie Justin Bieber, Eminem und Bruno Mars.
Ed Sheeran wird grandios als authentisch-bescheidener Kumpeltyp vermarktet und ist eine Ein-Mann-Boygroup. Jetzt spielt er aber mit Freunden wie Justin Bieber, Eminem und Bruno Mars.
Stuttgart - Er ist der Knilch, der beim Glastonbury-Festival backstage herumlungert und von Bridget Jones nicht erkannt wird. Er ist Typ, der davon überzeugt ist, dass die Beatles-Nummer „Hey Jude“ viel besser wäre, wenn sie „Hey Dude“ hieße. Und er ist der schlammverschmierte Soldat, der am Lagerfeuer seine Laute auspackt und mit einer traurigen Weise und samtiger Stimme die Kriegerin Arya zu Tränen rührt.
Nirgendwo ist man vor Ed Sheeran sicher. Überall lauert er einem auf. Egal wohin man kommt, der Brite mit dem struppigroten Wuschelkopf war schon da: Man trifft ihn im Kino in „Bridget Jones’ Baby“ oder „Yesterday“, in TV-Serien wie „Game of Thrones“, „Undateable“ oder den „Simpsons“. Und selbst wenn man nach Klagenfurt zum Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb reist, spielt Sheeran mit einem dieses Hase-und-Igel-Spiel und sorgt dafür, dass es nirgendwo mehr Hotelzimmer gibt, weil der 28-Jährige beschlossen hat, zeitgleich nebenan ein Konzert zu geben.
Selbst wenn man sich nichts aus Popmusik macht, führt kein Weg an Ed Sheeran vorbei. Kein anderer Star wird von seiner Plattenfirma so geschickt als Kumpeltyp, als bescheiden-schüchterner Sympathieträger in Szene gesetzt. Oder glauben Sie, es ist ein Zufall, dass einen Tag vor dem Erscheinen seines Albums „No. 6 Collaborations Project“ die romantische Komödie „Yesterday“ im Kino angelaufen ist, in der Ed Sheeran wieder einmal sich selbst spielen darf?
Zum Erfolg der Marke Ed Sheeran trägt aber auch bei, dass dieser Mann ein ziemlich guter Songwriter ist. Einer, der ein Gespür für Melodien, für Stimmungen, für bittersüße Geschichten aus dem prallen Leben hat – und diese koboldgleich in Hits verwandelt. Zwar liebt er auf der Platte „No. 6 Collaborations Project“, die an diesem Freitag erschienen ist, knallige Verpackungen, kostümiert seine Songs mit R ’n’ B, Soul, Dubstep, Grime-Rap, Latin und sogar Hardrock und verziert jeden von ihnen mit einem prominenten Gast. Doch keine Camila Cabello, kein Bruno Mars, kein fieses Riff, kein knuffiger Synthiegroove, kein elektronisches Gezappel kann die zarte Bestimmtheit von Ed Sheeran übertönen.
Trotzdem wünscht man sich auf Sheerans viertem Album manchmal weniger Zierrat und mehr Konzentration auf den eigentlichen Kern der Lieder. Nur in der Schnulze „Best Part of me“, die Sheeran mit der US-Singer-Songwriterin Yebba entzückend sanft vorträgt, lässt er der Melodie Luft zum Atmen und erinnert musikalisch noch einmal an den charmanten Newcomer aus West Yorkshire, der er war, als ihm im Jahr 2011 die Single „The A Team“ über Nacht zum Star machte: Diese zur Akustikgitarre vorgetragene Gänsehautnummer erzählte von einem Mädchen, das seinen Körper verkauft, um Geld für Drogen zu haben. Einem Mädchen, das sich verliert bei der der Gier nach ein paar Gramm Stoff. Einem Mädchen, das glaubt, wie ein Engel fliehen zu können, aber längst abgestürzt ist. Das Lied „The A Team“ setzte zu Beginn von Sheerans Karriere ein Ausrufezeichen, indem es einen hochdramatischen Kontrast zwischen karger Sprache und sanfter musikalischer Inszenierung entstehen ließ.
Rund 230 Millionen verkaufte Tonträger später hat sich Ed Sheeran angewöhnt, dicker aufzutragen, sein Lieblingsthema bleiben aber die Außenseitergeschichten. Etwa wenn sich in der ulkigen Hip-Hop-Nummer „Remember the Name“ Sheeran, Eminem und 50 Cent gegenseitig ihr Leben erzählen, Sheeran von seiner Kindheit in einem Kaff bei Ipswich berichtet und verrät, dass er inzwischen seine Freundin Cherry Seaborn geheiratet hat, Eminem zugibt, dass Erfolg süchtig machen kann, und 50 Cent wieder einmal von Luxusmarken schwärmt. Oder wenn Sheeran im sommerlichen R-’n’-B-Track „Beautiful People“ zusammen mit Khalid darauf beharrt, dass er nicht in die Welt der Schönen und Reichen gehöre, sich nichts aus Lamborghinis und Hummer mache und einfach nur er selbst sein möchte. Und ausgerechnet mit dem nicht gerade für seine Tiefsinnigkeit bekannten Justin Bieber erzählt er in dem Singalong „I don’t care“ davon, wie es sich anfühlt, wenn man sich auf eine Party verirrt hat, für die man einfach nicht cool genug ist.
Fast noch erstaunlicher als die Tatsache, dass Sheeran hier immer neue Hitmelodien hervorzaubert, ist, dass man ihm jedes Wort glaubt. Dass man ihm, spätestens wenn er seine Hornbrille aufsetzt, trotz seiner vielen Tattoos immer noch die Rolle des schüchternen Nerds abnimmt, dass es ihm gelingt, stinknormal und zugleich ganz und gar außergewöhnlich zu wirken. Und wahrscheinlich liegt auf Sheerans Schreibtisch längst schon der nächste Vertrag für einen Gastauftritt in einem neuen Kinofilm, in dem er wieder einmal die Rolle seines Lebens, den netten Superstar von nebenan, spielen darf.
Ed Sheeran: Collaborations Project (Atlantic/Warner)