Der Rückgang der Inflation und Rezessionsgefahren lassen Investoren auf baldige Zinssenkungen in den USA und im Euroraum spekulieren – das treibt die Kurse an den Finanzmärkten in die Höhe. Der Preis für Gold ist zum Wochenbeginn auf ein Rekordhoch gestiegen. Die Kryptowährung Bitcoin hat das höchste Kursniveau seit über anderthalb Jahren erreicht. Was Anleger jetzt wissen müssen.
Am frühen Montagmorgen kostete eine Feinunze Gold (etwa 31,1 Gramm) zeitweise 2135 US-Dollar (rund 1964 Euro) und knackte damit das bisherige Allzeithoch von 2075 Dollar aus dem Coronakrisenjahr 2020. Der Bitcoin-Preis schoss zwischenzeitlich auf über 42 000 Dollar (etwa 38 620 Euro) nach oben – der höchste Stand seit April 2022. Warum sind diese Anlagen plötzlich so gefragt?
„Die Inflation sinkt stärker als erwartet und die Konjunktur zeigt Schwächen, deshalb sind Anleger zunehmend zuversichtlich, dass die US-Notenbank Fed die Leitzinsen senken wird“, erklärt Analyst Ricardo Evangelista vom Broker Activtrades die Lage am Markt. Optimisten gingen inzwischen von einem Zinsschritt bereits im März aus. Die Geldpolitik der großen Notenbanken ist für Goldinvestoren von großer Bedeutung. Denn anders als Anleihen oder Festgeld wirft das Edelmetall keine Zinsen ab – ein erheblicher Nachteil in Zeiten, wo als risikolos geltende Anlagen wie US-Staatspapiere garantierte Erträge liefern, die deutlich über der Teuerungsrate liegen.
Geldpolitik von entscheidender Bedeutung
Ein weiterer Grund für den Höhenflug am Goldmarkt sind laut Experte Evangelista wieder aufflammende geopolitische Risiken. Nach dem Ende der Waffenruhe in Gaza und Berichten über Angriffe durch die von Iran unterstützten Huthi-Rebellen auf Schiffe im Roten Meer nehmen die Spannungen im Nahostkonflikt wieder zu. Gold sei in diesem Umfeld als „sicherer Hafen“ am Finanzmarkt gefragt, so der Activtrades-Stratege.
Expertin: Zinssenkungshoffnungen dürften zu optimistisch sein
Als größter Preistreiber gilt jedoch die Zinsentwicklung. Allerdings sind baldige geldpolitische Lockerungen keineswegs ausgemacht. Rohstoff-Expertin Barbara Lambrecht von der Commerzbank rät deshalb zur Vorsicht und warnt vor „dünner Luft“ am Goldmarkt: „Die Zinssenkungshoffnungen für die erste Jahreshälfte dürften sich als zu optimistisch erweisen, weshalb wir die Gefahr eines Rücksetzers als hoch erachten.“ Die Aussicht auf eine nahende Zinswende hatte zuletzt auch den Aktienbörsen kräftig Auftrieb gegeben. Auch am Markt für Kryptoanlagen wie Bitcoin, wo nach dem Platzen einer Preisblase seit Ende 2021 Eiszeit herrschte, stehen die Zeichen wieder auf Rallye. Neben dem Zinsausblick wird die Risikolaune hier von der Hoffnung auf die Zulassung eines ersten börsennotierten Indexfonds (ETF) in den USA befeuert, der den Bitcoin-Kurs durch direkte Investitionen in die älteste und größte Digitalwährung abbildet.
US-Notenbankchef will Zinsfantasien dämpfen
Notenbanker in den USA und der Eurozone bemühen sich eigentlich stets, Zinsfantasien zu dämpfen. Fed-Chef Jerome Powell warnte erst am Freitag wieder vor „voreiligen“ Spekulationen und betonte: „Wir sind bereit, unsere Politik weiter zu verschärfen, wenn es angebracht erscheint.“ Zugleich sprach Powell jedoch von raschen Fortschritten im Kampf gegen die Inflation, die der Notenbank womöglich Spielräume eröffnen könnten. Das reichte Anlegern am Gold- und Kryptomarkt als Kaufsignal. Dass es bei der Fed auch Hardliner gibt, die sich gegen eine rasche Lockerung der Geldpolitik aussprechen, blendet der Markt zurzeit offenbar lieber aus.