Edeltraud und Gerhard Berner führen in ihr Esszimmer. Bilder von ihren Kindern und Enkelkindern schmücken Kalender und Wände. Auf dem Tisch steht Wasser bereit und Schokolade in kleinen Würfeln. Die beiden setzen sich, dann beginnen sie zu erzählen.
Später Einsatz für die eigene Kirche
Edeltraud und Gerhard Berner sind ein ungewöhnliches Ehepaar. Beide sind Vorsitzende im Kirchengemeinderat. Doch während sie dem katholischen Kirchengemeinderat vorsitzt, tut Gerhard Berner das im evangelischen. Er war als studierter Diakon 42 Jahre lang hauptamtlich für die Kirche tätig und hat im Ruhestand das Ehrenamt übernommen. Sie ist katholisch, war aber aufgrund seiner Tätigkeit lange evangelisch sozialisiert. Vor neun Jahren dann bewarb sie sich um einen Sitz im Gemeinderat der katholischen Kirche Dagersheim-Darmsheim, 2015 wurde sie zu seiner Vorsitzenden gewählt. „Ich hab mir gedacht, jetzt kann ich auch mal wieder was für die katholische Kirche machen“, erzählt sie.
Zwei Möglichkeiten: Jungschar oder Fußball
Die Kirche zieht sich durch das gesamte Leben der beiden. Aufgewachsen sind sie in Darmsheim an verschiedenen Enden des Orts, als Kinder haben sie sich nie getroffen. In der Ortsmitte – dort, wo die evangelische Kirche steht – haben sie sich in der Jugendarbeit kennengelernt. Aus Mangel an Alternativen sei sie schon früh als Gruppenleiterin in die evangelische Jugend gegangen, erzählt Edeltraud Berner. Dort hatte es auch ihren späteren Mann hingezogen. „Für mich gab es zwei Alternativen: Jungschar oder Fußball“, erzählt er. Beim Fußball sei er einmal gewesen – und war schockiert darüber, wie der Trainer die Kinder angeschrien habe. Also entschied er sich für die Jungschar.
Eine ungewöhnliche Heirat
„Am Lagerfeuer haben wir uns zum ersten Mal gesehen“, sagt Edeltraud Berner. „Er hat Gitarre gespielt, ich hab ihm dabei zugeschaut.“ Bei einer Skiausfahrt im Schwarzwald habe es dann gefunkt. Im Jahr 1977 heirateten die beiden. Ob es für die Familie ein Problem gewesen sei, dass der Partner nicht die gleiche Konfession hatte? Nein: „Meine Mutter hat gesagt: Hauptsache, sie glauben irgendwas“, sagt Edeltraud Berner. Die Hochzeit fand in einer evangelischen Kirche statt, mit Pfarrern aus beiden Kirchen. „Das war eine Sensation“, sagt Gerhard Berner. „Wir waren die Ersten im Flecken, die so geheiratet haben.“
Bei der Vorbereitung habe der katholische Pfarrer gefragt, wie sie sich das mit der Kindererziehung vorstellen würden. Wegen seiner Arbeit in der evangelischen Kirche könne er seine Kinder schlecht katholisch taufen, fand auch der Pfarrer. „Er hat vorgeschlagen, wir sollen die Kinder evangelisch taufen und die Mutter soll sie in gutem katholischem Sinn erziehen“, sagt Berner. Gesagt, getan. Drei Kinder sind es geworden, inzwischen haben sie zwei Enkelkinder.
„Die Kirche öffnet sich ein Stück weit“
Die beiden geben ein harmonisches Bild ab. Immer wieder ergänzen sie sich, widersprechen einander, diskutieren über Jahreszahlen und die Reihenfolge der Ereignisse. Ob die unterschiedlichen Religionen zu Hause Konfliktpotenzial besitzen? „Am Anfang haben wir viel darüber gesprochen“, erzählt Edeltraud Berner. Irgendwann haben sie dann beschlossen, das nicht mehr zu tun. Manchmal gebe es zwar noch Diskussionen, „aber Konflikte eigentlich nicht“.
Dennoch sind einige Unterschiede zwischen den Kirchen nicht von der Hand zu weisen. Edeltraud Berner beschäftigt sich sehr mit der Initiative Maria 2.0, bei der Frauen für mehr Rechte innerhalb der Institution kämpfen. Eine aktuelle Frage in ihrer Gemeinde: Darf eine Pfarrbeauftragte taufen oder nicht? In Dagersheim-Darmsheim gibt es eine von vier weiblichen Pfarrbeauftragten in Baden-Württemberg. Doch taufen darf sie nicht, dafür muss extra ein Priester kommen. Laut Berner bietet die Diözese Rottenburg-Stuttgart aktuell einen Kurs an, mit dem sich weibliche Pfarrbeauftragte dafür qualifizieren können. Ihre Beauftragte sei leider nicht gleich reingekommen, da sei aufgrund weniger Plätze erst einmal Geduld gefragt. Dennoch: „Die Kirche öffnet sich ein Stück weit.“
Zum Abendmahl lädt Jesus, nicht die Kirche
Andererseits gebe es natürlich erzkonservative und progressive Mitglieder – manche Leute in der Gemeinde wollen nicht, dass eine Frau taufen kann. „Man muss die Mitglieder immer mitnehmen“, sagt sie. Auch, dass eine Regenbogenflagge über dem Portal die Gemeinde spalten könne, dass Menschen ausgeschlossen werden, könne der Kirche eigentlich nicht gerecht werden. Da sind sich beide einig.
Konkret bemerkbar macht sich der Unterschied auch beim Abendmahl. Zumindest in der Theorie, denn da dürfe Gerhard Berner als Protestant nicht bei der katholischen Feier mitmachen. In der Praxis ist das aber anders: „Ich gehe da mit“, sagt er. Wer Brot und Wein bekomme, entscheide immer der, der austeilt. Außerdem findet er: „Zum Abendmahl lädt nicht die Kirche ein, sondern Jesus.“ Deshalb könne die Kirche sich nicht anmaßen, da jemanden auszuschließen. In der Basis sei das kein Problem mehr.
Es geht um das Gemeinsame, nicht das Trennende
Wie wichtig sind solche Fragen überhaupt im Alltag? „Für mich sind das Randthemen, die mit dem Glauben relativ wenig zu tun haben“, sagt Gerhard Berner. Insgesamt scheinen im Hause Berner eher die Gemeinsamkeiten der Kirchen eine Rolle zu spielen. „Die Werte sind eigentlich gleich“, sagt Edeltraud Berner. Um Nächstenliebe gehe es da, um Gewaltfreiheit und darum, dass jeder sein darf, wie er will. Davon wünsche sie sich mehr in der Politik, im Umgang miteinander. Ihr Mann stimmt zu. „Wichtig ist eigentlich nur, dass man weiterträgt, was Jesus uns auf den Weg gegeben hat“, sagt er. Wie man das selbst auslegt, sei jedem selbst überlassen. Er ziehe auch keine Grenzen bei der christlichen Religion: Auch mit Muslimen hat er schon zusammengearbeitet.
Und auch die Berners selbst arbeiten oft zusammen, wirken bei ökumenischen Veranstaltungen mit. Um Weihnachten, Ostern und Pfingsten werden etwa Gottesdienste für beide Glaubensrichtungen angeboten – und gut angenommen. „Die Gemeinden verstehen sich gut“, sagt Edeltraud Berner. „Da gibt es gar keine Berührungsängste.“
Entwicklungen in der evangelischen und katholischen Kirche im Land
Mitglieder
Zur evangelischen Kirche gehörten laut Statistischem Landesamt im Jahr 2022 über 2,8 Millionen Mitglieder. In der katholischen Kirche waren es 3,3 Millionen. Ausgetreten sind 2022 aus der katholischen Kirche 81 538 Menschen, aus der evangelischen 55 728.
Trauungen und Taufen
Im Jahr 2022 wurden 6431 evangelische Ehen geschlossen, in der katholischen Kirche 6049. Von 24 606 katholischen Taufen waren 13 860 aus katholischen Ehen, der Rest aus gemischten. Bei den evangelischen 26 000 Taufen kamen mit 17 000 die meisten aus konfessionell gemischten Ehen.