Ehemaliger Ditzinger arbeitet als Schäfer Nicht nur der Wolf bedroht die Schafhaltung
Der gebürtige Ditzinger Ralf Gamper hat vor 35 Jahren seinen Traumberuf gefunden: Er ist Schäfer. Doch die Rahmenbedingungen verschlechtern sich immer mehr.
Der gebürtige Ditzinger Ralf Gamper hat vor 35 Jahren seinen Traumberuf gefunden: Er ist Schäfer. Doch die Rahmenbedingungen verschlechtern sich immer mehr.
„Ich wollte schon immer Schäfer werden“, sagt Ralf Gamper. Der 57-Jährige, der heute in Onstmettingen lebt, dem nördlichsten Teil von Albstadt, ist in Ditzingen aufgewachsen. Und dort habe es früher einen Schäfer gegeben. „Es hat mich beeindruckt, wie er mit den Hunden die Schafe treiben und hüten konnte.“ Dass er dennoch zuerst eine Metzgerlehre machte, lag an seinen Eltern. „Sie wollten, dass ich erst mal was Normales lerne“, erinnert er sich. Was zeigt, dass der Beruf des Schäfers, obwohl einer der ältesten Berufe der Welt, schon damals nicht mehr als „normal“ gegolten hat.
Vor 35 Jahren haben sieben oder acht Quereinsteiger zusammen mit Gamper die Meisterprüfung als Schäfer abgelegt. Damals gab es auch noch eine Fachschule in Stuttgart-Hohenheim. Wer heute Schäfer werden will, der muss für die Theoriephase ins Nachbarland Bayern. Die Schule in Baden-Württemberg wurde mangels Nachfrage geschlossen. Und derzeit gibt es auch nur noch 14 Ausbildungsbetriebe im Ländle, die meisten davon auf der Schwäbischen Alb – in dem Gebiet, wo Schafe Landschaften wie die Wacholderheide gestaltet haben und heute noch extensiv und kostengünstig erhalten. Allein in den letzten zehn Jahren ist die Schafhaltung um 30 Prozent zurückgegangen. 110 hauptberufliche Schäfer gibt es noch, davon nur 15 Wanderschäfer.
Wenn das Land Baden-Württemberg damit wirbt, Schäfereiland zu sein, stimmt das deshalb nur bedingt. Zu wenige wollen den Beruf eines Schäfers ergreifen. Was nicht nur an dem geringen Einkommen liegt – der Stundenlohn eines Schäfers beträgt inklusive Fördergeldern nicht einmal acht Euro –, sondern auch an den immer schlechter werdenden Rahmenbedingungen.
Wenn man Schäfer werden wolle, brauche man vor allem „bombengute Nerven“, sagt Gamper. Nicht etwa, weil man seine Herde auch mal über größere Straßen treiben muss. „Das ist Kindergeburtstag, die Schafe verursachen am wenigsten Kopfzerbrechen.“ Das Hauptproblem sei die wachsende Bürokratie. Vieles müsse man doppelt und dreifach machen, ohne dass ein Sinn darin zu erkennen sei. Früher habe man als Schäfer überleben können, wenn man ordentlich nach seinen Tieren geschaut habe. Heute brauche man eine geeignete Fläche, um möglichst viel Zuschüsse zu bekommen. Und bis die Gelder nach Prüfung durch x Behörden kämen, könne es dauern. „Das kann an die Existenz gehen.“ Es sei traurig, dass man ohne Zuschüsse nicht mehr überleben könne. „Die Sache, an der man hängt, ist inzwischen betriebswirtschaftlich der kleinste Punkt.“
Die zweite wichtige Voraussetzung: Belastbarkeit. „Egal, ob man vierzig Grad Fieber hat, die Tiere müssen gehütet und versorgt werden. Und das jeden Tag, weil es kaum noch Ersatz gibt.“ Betriebshelfer für Schafe gebe es in Baden-Württemberg nicht mehr. Früher habe man sich noch mit Rumänen gerettet, aber in Zeiten des Mindestlohns könne man das vergessen. „Wir haben den Fachkräftemangel quasi erfunden“, sagt er trocken. Wenn man selbst einmal doch ausfalle, bleibe es an der Familie hängen, meistens an der Frau. „Wenn die nicht zu 100 Prozent dahintersteht, kann man gleich aufhören.“ Denn so wie seine eigene Frau Heidrun müssen sich die Schäferfrauen in der Regel auch noch um den Bürokram kümmern.
Die dritte wichtige Voraussetzung: „Man braucht ein Gefühl für die Schafe und die Hunde. Anders als ein Schlepper, der höchstens mal ein technisches Problem hat, sind die nicht immer gleich gut drauf.“ Einsamkeit sei dagegen weniger ein Problem, auch wenn Wanderschäfer wie er einen guten Teil des Jahres im Wohnwagen leben. „Im Sommer hat man so viel zu tun, dass man abends todmüde ins Bett fällt, nur im Herbst, wenn die Nächte schon recht lang sind, ist das vielleicht nicht so prickelnd. Aber ich bin ja nie allein, ich habe viele um mich herum.“
Auch Biogasanlagen machen die Existenz als Schäfer übrigens nicht einfacher. Weil sie zu- und Weideflächen abnehmen, kommt Gamper mit seinen Tieren im Winter nicht mehr in den Kreis Ludwigsburg.
Wer übrigens glaubt, ein Schäfer habe den ganzen Tag nichts anderes zu tun, als seiner Herde beim Fressen und Dösen zuzuschauen und sie ab und zu auf eine neue Weide zu treiben, den kann Gamper schnell eines Besseren belehren. „Ein Schäfer soll alles können. Er ist Landwirt, weil er selbst Heu fürs Winterfutter macht, er ist für alltägliche Dinge wie Parasitenbehandlung oder eingetretene Dornen auch Tierarzt, er bildet seine Hunde selbst aus – und ist inzwischen auch noch ein Stück weit Verwaltungsfachmann. Und trotzdem wird man in der Bevölkerung eher als etwas einfältig wahrgenommen.“
Auch der Wolf werde ein zunehmendes Problem, ist Gamper überzeugt. Einen Elektrozaun wolfsicher zu machen, sei wegen des Zeitaufwands praktisch unmöglich. „Man muss in die Länder schauen, die seit Jahren mit dem Wolf leben, da kommen die Auffälligen gleich weg“, sagt er. Und sein Fazit, trotz aller Liebe zu seinem einstigen Traumberuf: „Ich könnte es heute niemandem mehr empfehlen, Schäfer zu werden.“