Ehrenamt in Stuttgart Was macht eine Familienpatin?

Svenja Gruß (links) vom Sozialdienst katholischer Frauen und die ehrenamtliche Familienpatin Gerlinde Maier unterstützen Mirjam und ihren Sohn Joel im Alltag. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Vor ihrer strenggläubigen Familie flieht Mirjam. Mit ihrem kleinen Sohn schlägt sie sich mehr schlecht als recht alleine durch. Bis sie Frau Maier, ihre Patin auf Zeit, kennenlernt.

Stuttgart - In einer Wohnung in Stuttgart mustern zwei Frauen einen nassen Fleck an der Wand. Vor Kurzem stand hier noch eine Waschmaschine. Nun liegt der Anschluss frei – und da ist dieser Fleck. Auch der Boden glänzt feucht. „Ich bin ständig am Wischen“, sagt Mirjam, die jüngere der beiden, die schwarzen Haare hochgesteckt, Lippenstift, Reste von rotem Glitzerlack auf den Nägeln. Gerlinde Maier hat da schon einen Hahn an der anderen Wand angesteuert und dreht energisch daran. Das Absperrventil, hofft sie. „Vielleicht war’s das schon.“

 

Die Frauen stehen in einer kleinen Küche – ohne Herd, Spüle oder andere Möbel. Mirjam steckt mitten im Umzug. Den Großteil ihrer Sachen hat sie bereits in die neue Wohnung geschafft. „Denk dran, den Strom abzulesen, bevor du den Schlüssel abgibst. Sonst zahlst du am Ende noch mehr“, schärft ihr Gerlinde Maier ein. Vom Alter her könnte sie Mirjams Mutter sein. Doch die beiden verbindet eine andere Beziehung.

Kennengelernt haben sie sich Ende 2017. Einige Monate zuvor war Mirjam Mutter geworden. Der kleine Joel spuckte und schrie pausenlos. Mirjam, Anfang 30, war mit dem Kind überfordert. „Sechs Wochen war er wie eine Maus, danach ein halbes Jahr ein Teufel“, sagt sie. Es war nicht der einzige Punkt, an dem ihr Leben nicht rundlief. Da kam Frau Maier ins Spiel.

Die Nachfrage nach Unterstützung ist groß

Maier, wacher Blick, Kurzhaarschnitt, ist Familienpatin beim Sozialdienst katholischer Frauen. Sie unterstützt die alleinerziehende Mutter – ehrenamtlich. Einmal die Woche kommt sie für einige Stunden vorbei, begleitet sie zum Kinderarzt, ruft bei Behörden an, hört zu. „Allein, dass sie für mich da war, hat mir geholfen“, sagt Mirjam. „Es tat gut, selbst wenn wir nur zusammensaßen und Tee tranken.“

Der Sozialdienst vermittelt Patinnen an Schwangere, junge Mütter und Familien mit kleinen Kindern. Seit acht Jahren existiert das Angebot in Stuttgart. 21 solcher Patenschaften gab es im vergangenen Jahr. Es könnten mehr sein. Die Nachfrage nach Unterstützung ist groß. Doch Ehrenamtliche wie Gerlinde Maier zu finden ist schwer.

Im Wohnzimmer hat sich Mirjam auf den Boden gesetzt. Joel ist gerade aufgewacht und hat den Kopf an ihrer Schulter vergraben. Der Raum ist fast leer. Ein Tischchen, der Fernseher und zwei Hocker stehen noch da. Auf einem sitzt Familienpatin Maier, auf dem anderen hat Svenja Gruß Platz genommen.

Gruß hat die beiden Frauen zusammengebracht. Sie betreut die Patenschaften vonseiten der Beratungsstelle und muss entscheiden, wer gut zueinanderpassen könnte. Dabei spielt die Entfernung der Wohnorte eine Rolle, ähnlich wie beim Dating muss aber auch die Chemie stimmen. Mal verstehen sich Frauen mit Kindern im selben Alter gut, mal ist eher die Erfahrung einer älteren gefragt. Die Sozialpädagogin hat ein gutes Gespür dafür. Nur einmal sei es bisher vorgekommen, dass eine Frau sie nach dem ersten Treffen anrief und sagte: Es geht nicht. Die Patin passt nicht zu mir.

Gruß sagt: „Den typischen Fall gibt es nicht.“ Familienpatinnen helfen einer dreifachen Mutter, die nicht lesen und schreiben kann, ebenso wie der geflüchteten Frau, die kaum Deutsch spricht, oder den überlasteten Eltern mit Zwillingen. Hinter jeder Patenschaft steckt eine eigene Geschichte. Die von Mirjam beginnt in ihrer Kindheit. Eigentlich tragen ihr Sohn und sie andere Namen, zum Schutz wurden sie in diesem Text geändert.

Ihre Mutter wurde mit 13 verheiratet

Mirjam wuchs zusammen mit vier Geschwistern in Deutschland auf. Ihre Eltern sind Aramäer, orthodoxe Christen, deren Volk in ihrer Heimat Türkei immer wieder unterdrückt und verfolgt wurde. Die Mutter wurde mit 13 verheiratet, bekam ihr erstes Kind mit 15. Als Mirjam gerade geboren war, floh die Familie nach Deutschland. Zu Hause gab es viele Regeln – und Schläge, wenn eine gebrochen wurde. Züchtige Kleidung, keine Schminke, Jungfrau bleiben bis zur Ehe. „Meine Familie ist kalt“, sagt Mirjam. „Meine Mutter nahm mich nie in den Arm, sagte mir nie: ‚Ich liebe dich.‘“

Sie war gerade 18 geworden, da kam es einmal mehr zum Streit. Über die Details möchte Mirjam nicht sprechen. Nur mit Polizeischutz traute sie sich zurück ins Haus. Wahllos schnappte sie sich in ihrem Zimmer, was sie zu fassen bekam. Mit einer Plastiktüte im Arm flüchtete sie in ein Frauenhaus. Zu Hause mit der Polizei aufzukreuzen – in den Augen der Familie hatte sie Schande über alle gebracht.

Wie sollte es weitergehen? Ihre Ausbildung hatte sie wegen der Flucht abbrechen müssen. Monate später zog sie in eine Stadt in Baden-Württemberg. Sie hatte dort jemanden kennengelernt. Der Mann, mit dem sie bald zusammenkam, war ebenfalls Aramäer. Nach langem Schweigen hörte sie wieder von ihrer Familie. Man drängte sie, den Mann zu heiraten. „Ob das damals Liebe war, weiß ich nicht.“ Mit 500 Verwandten feierten sie Hochzeit.

Das erzwungene Eheglück hielt nur wenige Jahre. Die Eltern ihres Mannes, sagt Mirjam, mochten sie nie. Sie drangsalierten die junge Frau, wo es nur ging. Zum zweiten Mal brachte Mirjam Schande über ihre Familie: Sie ließ sich von ihrem Mann scheiden.

Schwanger und allein

Zwischen den Eltern und ihr herrschte wieder eisiges Schweigen. Es dauerte an, als sie einem anderen Mann nach Stuttgart folgte. Auch diese Beziehung zerbrach bald. In einer winzigen Wohnung für Pendler fand sie eine Bleibe und jobbte als Verkäuferin. Aber ihr Leben blieb kompliziert. Sie wurde ungewollt schwanger, den Vater des Kindes kannte sie nur flüchtig. Da war niemand, mit dem sie die Verantwortung hätte teilen können.

Ihr Vermieter verwies auf die einmonatige Kündigungsfrist und setzte die Schwangere vor die Tür. Mirjam zog in ein Sozialhotel. Dort können Menschen, die in Wohnungsnot geraten sind, vorübergehend unterkommen. Aus Verzweiflung schickte sie ihrer Familie ein Ultraschallbild. „Könnt ihr mir irgendwie helfen?“, bat sie flehentlich. Die Eltern reagierten nicht.

Mirjam war schwanger und allein. Das war die Zeit, in der sie das erste Mal auf Svenja Gruß von der Beratungsstelle traf. „Man kann jemanden in einer solchen Situation nicht sich selbst überlassen“, sagt Gruß. Sie begleitete Mirjam während der Schwangerschaft, ging mit ihr zu Ärzten und versuchte, jemanden aufzutreiben, der ihr bei der Geburt beistehen würde. Doch Joel kam zu früh. Mirjam kämpfte sich im Kreißsaal alleine durch die Wehen.

Bei ihrer Arbeit stößt Gruß an Grenzen: „Ich kann nicht jede Woche einen Hausbesuch machen und zwei, drei Stunden bleiben. Es ist wertvoll, wenn jemand diese Zeit schenken kann.“ Dafür sind die Familienpatinnen da.

Der Abschied naht

Im Wohnzimmer riskiert Joel auf dem Schoß der Mutter einen schüchternen Blick. Das Pony fällt dem Jungen frech ins Gesicht. Er grinst Gerlinde Maier an, längst ist sie ihm vertraut. Wenig später ist Joel aus Mamas Umarmung geschlüpft und tapst mit einem großen Stoffbären, hinter dem er fast komplett verschwindet, durchs Zimmer. „Jetzt hast du einen Goldschatz“, sagt Maier zu Mirjam.

Die Familienpatin verbindet viele Erinnerungen mit dem Kleinen. Sie hat mitbekommen, wie er als Baby ständig schrie, wie er die ersten Schritte machte, erste Worte sprach. Sie besorgte Joel ein Bettchen, in dem er besser schlief, und half bei der Suche nach einem Kitaplatz. Bei Fragen schickten die Frauen sich SMS hin und her.

Vor dem ersten Kontakt mit einer Familie werden die Patinnen vonseiten der Beratungsstelle geschult. Bei mehreren Treffen im Jahr können sie sich untereinander austauschen. „Ich finde es wichtig, zu hören, was die anderen für Erfahrungen machen“, sagt Maier. „Jede Familie ist anders, und jede Patin geht anders mit einer Situation um.“ Sie selbst engagierte sich zuvor schon bei sozialen Projekten. Die Patenschaft jedoch sei etwas ganz Neues gewesen. „In ein anderes Leben zu kommen und zu merken, man kann eine kleine Hilfe sein, das ist sehr befriedigend.“

Nun folgt für Gerlinde Maier der letzte Teil, der ebenfalls zu jeder Patenschaft gehört: der Abschied. Die Unterstützung ist auf Zeit angelegt. Sechs Monate, ein Jahr, in Ausnahmen etwas länger begleiten die Ehrenamtlichen eine Familie. Sie sollen in einer Notsituation helfen, Menschen wieder in die Spur bringen. Danach folgt kein harter Bruch. „Viele Frauen bleiben befreundet und halten nach wie vor Kontakt“, erzählt Svenja Gruß. „Oft sitzen beim Abschlussgespräch beide da und heulen.“

Fast eineinhalb Jahre lang schaute Maier wöchentlich bei Joel und seiner Mutter vorbei. Die beiden sind ihr ans Herz gewachsen. Dennoch, wenn der Umzug gestemmt ist, soll es ein letztes offizielles Treffen geben. Vielleicht wird Maier schon bald von einer anderen jungen Frau dringend gebraucht werden. „Du bist eine starke Frau und kommst jetzt zurecht“, sagt sie und blickt Mirjam direkt in die Augen.

Noch etwas hat sich in Mirjams Leben verändert. Weihnachten hat sie bei ihrer Familie verbracht. Sie hat wieder den Kontakt gesucht. Joel zuliebe. „Das Verhältnis ist angespannt, aber zu meinem Jungen sind meine Eltern gut“, sagt sie. „Er soll wenigstens jemanden haben, zu dem er Oma und Opa sagen kann.“

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