Ehrung in Ludwigsburg Der ausgezeichnete Archivleiter

Sein Team und er tragen das Alte mitunter auch auf unkonventionellem Weg in die Gegenwart: Kulturpreisträger Peter Müller. Foto: Simon Granville

Unter der Leitung von Peter Müller hat sich das Ludwigsburger Staatsarchiv, das unter anderem Akten zur NS-Zeit und zum RAF-Terror beheimatet, konsequent geöffnet – mit Erfolg auch für Social Media.

Ludwigsburg - Peter Müller übt sich in Understatement. „Es sind ja keine Blockbuster, die wir veranstalten. Aber es sind eben doch kleine Bausteine für ein lebendiges Kulturleben“, sagt der Leiter des Ludwigsburger Staatsarchivs bescheiden. „Wenn man bedenkt, dass unter dem vorherigen Oberbürgermeister in Frage gestellt wurde, ob das Staatsarchiv überhaupt hierher gehört, freue ich mich doch über die Auszeichnung. Es ist schön, wenn man nicht mehr als Störenfried wahrgenommen wird.“

 

Die Debatte, ob das Archiv zugunsten der Innenstadt-Belebung weichen soll, ist aktuell verstummt. Stattdessen ist sein Leiter nun mit der Kulturehrung der Stadt bedacht worden – eigentlich für 2020 vorgesehen, fand sie wegen Corona erst jetzt statt. Besonders herausragend und für ein Archiv ungewöhnlich sei die „umfangreiche, qualitätvolle, ausgesprochen interessante Themensetzung in der Veranstaltungs- und Ausstellungsarbeit“, die Müller verantworte, hieß es in der Laudatio. Zudem sei sie „auf höchst kooperative Art und Weise“ mit Ludwigsburger Kultureinrichtungen vernetzt.

Die Geschichten hinter den Geschichten

Müller modelte das Archiv, das zuvor – von Führungen abgesehen – quasi nicht in die Öffentlichkeit gewirkt hatte, nach seinem Amtsantritt kräftig um und erschloss es über die Nutzung für die Wissenschaft hinaus auch Menschen, die sich nicht automatisch für jahrzehnte- oder jahrhundertealte Dokumente interessieren. Er wollte das „langweilige, konservative Image“, das gerade den Staatsarchiven anhafte, abschütteln, sagt der Mediävist, der über die Geschichte des nordelsässischen Adelsgeschlechts der Herren von Fleckenstein promovierte.

Dass Fachkollegen über Akzentsetzungen wie Vorträge zu historischen Kriminalfällen die Nase rümpften, focht ihn wenig an: Das Publikum goutierte die Veranstaltungen zu Hexenprozessen oder Raubmördern. „Es geht ja nicht primär um Blutrünstigkeit, sondern darum, auf diesem Weg interessanten Dokumenten zu begegnen“, erklärt er. „Nicht die Tat an sich, sondern die Umstände sind oft sehr spannend.“ Auch holte Müllers Team die Schulen mit speziell konzipierten Veranstaltungen ins Archiv – vor allem mit Grundschulen gibt es erfolgreiche Projekte. „Und über die Kinder finden auch manche Eltern Zugang zu uns, die wir ansonsten eher nicht als Zielgruppe gewonnen hätten.“

Fotos aus den Todeszellen in Stammheim

Auch Künstler lädt der Archivleiter ein und ermöglicht sehenswerte Grenzgänger-Ausstellungen. „Rein als Galerie stehen wir nicht zur Verfügung. Aber wenn Kunst unser Archivgut einbezieht oder kontrastiert, können da sehr spannende Sachen herauskommen“, findet Müller. Dann werden etwa historische Flurkarten mit aktuellen Fotografien kombiniert oder Urkunden im Computer in Töne umgewandelt und gesungen. Und als der Künstler Arwed Messmer Fotomaterial aus den RAF-Todeszellen aus dem Bestand des Staatsarchivs nutzte, war die Schau in Teilen auch in Ludwigsburg zu sehen.

Das Staatsarchiv zählte auch zu den ersten Einrichtungen ihrer Art, die das Freiwillige Soziale Jahr im Kulturbereich anbot, „auch wenn wir in der Szene dafür zunächst als Exoten angesehen wurden“. Basis für den Dienst sei es beileibe nicht, dass die jungen Erwachsenen „im Bewerbungsgespräch ein Bekenntnis zu ihrer Zukunft im Archivwesen“ ablegen müssten, meint er lachend, „viele schlagen danach eine andere Richtung ein und nehmen trotzdem viel mit. Und wir als Archiv auch.“ Der unverstellte Blick der jungen Leute tue dem Archiv gut, findet Müller. Sie betreuen nicht nur Schulklassen, sondern auch den Staatsarchiv-Instagram-Account. Und wenn darauf zu Halloween ein Gespenst durchs Magazin geistert und Likes einheimst, freut das auch den Chef, der keine Berührungsängste mit sozialen Medien hat und selbst den Facebook-Auftritt des Archivs pflegt. Mit Erfolg.

Das Archiv hat jede Menge Facebook-Freunde

Weil er die Archivbestände wie seine Westentasche kennt, hat er oft überraschendes Fotomaterial parat – das mitunter bestens zu sich jährenden Ereignissen passt. Aktuell teilt er historische Brücken-Fotos aus der Region auf Facebook, aber auch Entdeckungen wie Dokumentarfilme von Polizeiübungen der 1950er und 1960er Jahre. Die damalige Landespolizeidirektion Stuttgart überließ sie dem Staatsarchiv.

Überhaupt: Was die Zahl der Menschen angeht, die auf Digitalisate zurückgreifen, die das Landesarchiv in seinem Angebot bereithält, ist die Ludwigsburger Abteilung im Vergleich Spitzenreiterin. Waren es 2020 im Monatsdurchschnitt rund 3000 Nutzer, sind es jetzt teils mehr als doppelt so viele. Müller führt das auf die Corona-Zeit zurück, in der die Leute mehr Zeit zum Recherchieren hatten, aber eben auch auf die Social-Media-Kanäle: Manchmal stehe der Anstieg der Online-Nutzer-Zahlen in direktem zeitlichen Zusammenhang mit bestimmten Posts.

Gerade was die Chancen der sozialen Medien für die Archive, aber auch das Potenzial online abrufbarer Dokumente und die Frage der kostengünstigen Bereitstellung angeht, kommt sich Müller in der Branche allerdings mitunter wie der Rufer in der Wüste vor: „Manchmal wundere ich mich, dass ausgerechnet ich mit meinen 61 Jahren eine Lanze dafür brechen muss, dass wir bei diesen Themen noch viel weiter kommen müssen.“

Impulsgeber für das Kulturleben

Der Archivleiter
Peter Müller leitet das Staatsarchiv Ludwigsburg seit 2002. Er stammt aus Zweibrücken, studierte in Mainz Geschichte, machte im Landesarchiv Stuttgart die Ausbildung zum Archivar und leitete das Staatsarchiv Wertheim, bevor er nach Ludwigsburg kam. Die Stadt würdigt mit der Kulturehrung sein „weit überdurchschnittliches, langjähriges Wirken für eine historisch-lebendige und offene Stadtgesellschaft.“

Die Kulturgeehrten
Für ihre Verdienste um die Kultur in Ludwigsburg ehrte die Stadt neben Peter Müller auch Claudia Fiala und Hans Joachim Eckstein vom Deutsch-Amerikanischen Partnerschaftsclub Ludwigsburg – St. Charles, Meinrad Huber (Projektleiter für Tanz, Theater und Weltmusik bei den Ludwigsburger Schlossfestspielen von 1996 bis 2009), Christoph Peichl (künstlerischer Leiter des städtischen Kulturprogramms im Forum am Schlosspark von 1992 bis 2011), Ulrich Egerer (Philharmonischer Chor), Ingo Sautter (Kreis-Chor und andere Chorleitertätigkeiten) und Uwe Seyfang (Harmonika-Gemeinschaft). Außerdem würdigte die Stadt bei der Kulturehrung mehrere Jugendliche, die bei Jugend musiziert oder anderen Wettbewerben erfolgreich waren, sowie ein Integratives Projekt der Tanz- und Theaterwerkstatt Ludwigsburg.

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