Eiermann-Campus in Stuttgart-Vaihingen Lokalpolitiker vor der Qual der Wahl

Von Götz Schultheiss 

Vaihingen erstickt buchstäblich im Verkehr. Leider gibt es auch viel zu wenig Wohnungen. Zur Linderung der Wohnungsnot taugt ein Quartier auf dem Eiermann-Campus. Das wird aber wohl Autoverkehr anziehen.

So stellen sich die Architekten das Wohnquartier auf dem Eiermann-Campus vor. Foto: Steidle Architekten
So stellen sich die Architekten das Wohnquartier auf dem Eiermann-Campus vor. Foto: Steidle Architekten

Vaihingen - Vor dem Hintergrund der Wohnungsnot in Stuttgart hat der Vaihinger Bezirksbeirat dem Vorhaben der Stadt mehrheitlich zugestimmt, das Bebauungsplanverfahren für den Eiermann-Campus am Autobahnkreuz fortzusetzen. Vertreter der Stadt, des Investors SSN- Group und des Münchener Architekturbüros Steidle präsentierten den Lokalpolitikern am Dienstagabend in der Alten Kelter den gegenwärtigen Stand der Dinge.

Weil es in Stuttgart viel zu wenig neue Wohnungen gibt, sollen entgegen den ursprünglichen Plänen nicht nur die denkmalgeschützten, einst vom Architekten Egon Eiermann für die IBM errichteten Gebäude für Start-up-Unternehmen saniert werden. Es soll daneben ein gemischtes Quartier mit drei Wohnvierteln, in denen knapp 4000 Menschen leben können, entstehen. Weil auf dem Areal, das dann Garden Campus genannt wird, das Stuttgarter Innenentwicklungsmodell (SIM) gilt, werden 20 Prozent der Wohnungen öffentlich gefördert. Die Wohnviertel gruppieren sich um einen Platz mit See, unter dem eventuell eine Tiefgarage gebaut wird. Ebenfalls im neuen Quartier untergebracht werden eine dreizügige Grundschule, fünf bis sechs Kitas, ein Hotel und Läden.

Transparentes Schleifenhaus mit Durchblick auf Eiermann-Architektur

Die Landmarke des Areals ist ein schmales Hochhaus. „Wir sind dabei, den Investor dazu zu überreden, im obersten Stock ein Panorama-Restaurant unterzubringen“, sagte Johann Spengler, Geschäftsführender Gesellschafter des Architektenbüros. Das architektonisch herausragende Merkmal wird jedoch das wegen seiner geschwungenen Form sogenannte Schleifenhaus, welches das Quartier quasi als Schutzwand vom Verkehrslärm abschirmen und Platz für rund 400 Studentenwohnungen, einen Jugendtreff und Altenpflege bieten soll. Es ist verglast und wirkt durchsichtig, sodass der Blick von außen auf die denkmalgeschützten Eiermann-Bauten möglich sein soll.

Im Quartier soll möglichst wenig Autoverkehr herrschen. „Gedacht ist an Straßen, auf denen Fußgänger, Rad- und Autofahrer gleichberechtigt sind“, versicherte Johann Spengler. Es werde natürlich Tiefgaragen geben, aber dennoch wolle man die Menschen ermutigen, für die Wege im Quartier überwiegend Räder oder E-Bikes zu nutzen. Zurzeit, sagte Susanne Frucht vom Stadtplanungsamt, entstehe eine Machbarkeitsstudie für eine Seilbahntrasse, mit der das neue Stadtviertel mit Vaihingen verbunden werden solle. Gemeinsam mit den Stuttgarter Straßenbahnen überprüfte die Verwaltung, ob das Eiermann-Areal mit der Stadtbahnlinie verbunden werden könne. Mit ersten Ergebnissen werde Ende 2019 gerechnet.

Pascalstraße für Autos, Gründgensstraße für Radler und Fußgänger

Autos fahren laut Planung ausschließlich über die Pascalstraße ins Quartier und wieder hinaus. Für die künftigen Anforderungen muss sie ausgebaut werden. In diesem Zusammenhang wird die Brücke über die A 831 für Radler und Fußgänger ausgebaut. „In der Pascalstraße beginnt das Quartier, hier bremst man auf Tempo 50 hinunter“, sagte Susanne Frucht. Diene die Pascalstraße also künftig hauptsächlich dem Autoverkehr, so sei die Gründgensstraße für den Fuß- und Radverkehr nach Vaihingen vorgesehen. Deshalb werde sie von der Pascalstraße getrennt. Insgesamt entstehe ein energetisch nachhaltiges Wohnareal mit Nahversorgung, Spielflächen, viel Grün, in dem ein großer Teil des Walds und der Bäume, welche die Straßen säumen, erhalten würden. Die Quartierentwicklung solle für die Internationale Bauausstellung 2027 (IBA) eingereicht werden.

Die Eiermann-Gebäude, versicherte der für den denkmalgeschützten Bereich zuständige Architekt Udo Bertsch, würden als Baukörper inklusive „der kleinteiligen Büros“ erhalten. Schon vom Architekten Eiermann gut geplant gewesen sei die leichte Austauschbarkeit der Fensterscheiben die jetzt durch modernes, wärmedämmendes Glas ersetzt würden.

Lokalpolitiker sind hin- und hergerissen

„Wir waren vor einigen Jahren sehr skeptisch, aber wir sehen, dass sich das Projekt in die richtige Richtung, hin zu einem Nutzungsmix entwickelt“, sagte Karsten Eichstädt (CDU). Auch beim Verkehr sehe es „nicht so hoffnungslos aus“ wie im Synergiepark. „Wir sind nicht abgeneigt, dem hier zuzustimmen. Wir müssen aber mit dem Mobilitätskonzept und der gesunden Durchmischung ohne Verkehrsbelastung im Bestand vieles richtig machen“, sagte Michael Mehling (FDP). Ihm gefalle, dass durch die IBA Druck entstehe, damit dies alles gelinge. „Ich entscheide mich für das Projekt, weil die Wohnungsnot in Stuttgart so groß ist“, sagte Christa Tast (Grüne). Es müsse allerdings festgelegt werden, dass nachts der Lärmwert von 45 Dezibel nicht überschritten werde und dass die Kinder im Quartier genügend Bewegungsraum hätten. „Ich finde es gut, dass die Gründgensstraße von der Pascalstraße abgehängt wird, damit es keinen Schleichverkehr gibt“, sagte Tast. Für die SPD signalisierte Linus Fuchs Zustimmung: „Ich finde den Entwurf städtebaulich hochwertig.“ „Der Entwurf ist absolut klasse, aber ich bin skeptisch, weil die Hauptprobleme für Vaihingen nicht gelöst sind. Ich bin hin- und hergerissen“, befand Eyüp Ölcer (Freie Wähler). Ein klares Nein formulierte Gerhard Wick (SÖS/Linke-plus). Man dürfe den Campus nicht bebauen, weil von dort Kaltluft nach Vaihingen ströme. Nur wegen der Wohnungen könne man nicht ja zu einem Projekt sagen, durch das 6000 Autos nach Vaihingen hinein flössen: „Es ist unverantwortlich, solche Großprojekte durchzusetzen.“

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