Ein Arbeitsleben für das Auto mit dem Stern Seit 50 Jahren bei Mercedes-Benz in Sindelfingen

Albrecht Hahn auf der Jubilarfeier (Sternstunde) im Werk Sindelfingen Foto: SG Stern/Ute Schmidt

Albrecht Hahn aus Hildrizhausen arbeitet seit mehr als fünf Jahrzehnten bei Mercedes-Benz. Seinen 190er, an dessen Entwicklung er mitgearbeitet hat, fährt er seit 34 Jahren. Er blickt zurück auf ein Berufsleben, das es so kaum noch gibt.

Böblingen: Jan-Philipp Schlecht (jps)

An seinen ersten Arbeitstag kann sich Albrecht Hahn noch bildlich erinnern. Am 3. September 1973 war das, ein regnerischer Tag. „Ich stand mit einem anderen Kollegen am Tor 1 und wartete vergebens, dass mich jemand abholt“, sagt er. Gerade einmal zarte 14 Jahre ist er damals alt. Der Kanzler hieß noch Willy Brandt und der Vorstandsvorsitzende von Daimler-Benz Joachim Zahn. Namen, die heute 14-Jährigen kaum noch etwas sagen dürften. „Irgendwann kam dann jemand und nahm uns mit, quer durchs Werk, bis wir unsere Arbeitsklamotten bekamen.“

 

Schon an seinem ersten Arbeitstag hieß es anpacken: „Am Abend standen wir bis zu den Knien in Hobelspänen.“ Hahn begann damals eine Lehre zum Karosserie-Modellbauer. Ein Berufsbild, dass es heute so gar nicht mehr gibt. Die Bezeichnung hat sich inzwischen mehrfach geändert. Hieß mal Fahrzeug-Stellmacher, dann Fahrzeug-Formgestalter, heute Technischer Modellbauer. Im Kern ging es aber immer um das Gleiche: Aus den zweidimensionalen Skizzen der neuen Mercedes-Modelle dreidimensionale Miniaturen formen. Eine Arbeit, die Albrecht Hahn noch immer ins Schwärmen bringt.

„Ich könnte gar nicht ein Highlight in meinem Berufsleben herausgreifen, da ich Woche für Woche Highlights erlebt habe“, sagt er. In Hahns Anfangsjahren entstanden die Modelle noch überwiegend aus Holz. Am Ende seiner dreijährigen Ausbildung arbeitete er acht Wochen in der Modellschreinerei, und die seien tatsächlich recht hart gewesen. Doch nicht wegen der Aufgabenstellung, vielmehr war es sein Vater, der mit Argusaugen nach dem Filius sah. „Er hat selbst 45 Jahre dort gearbeitet, ich habe mich ständig beobachtet gefühlt“, sagt Hahn.

Seit 34 Jahren im 190er unterwegs

Nach erfolgreicher Ausbildung zog es Albrecht Hahn in die Designabteilung, die damals noch Stilistik hieß. „Auch hier musste ich erst mal warten, ob es klappt“, sagt er. Doch nach einer Woche kam der erlösende Anruf des Vorgesetzten: Hahn durfte in die Abteilung wechseln. Sein erstes Modell, an das er Hand anlegte, war der intern W 201 genannte Mercedes 190, auch Baby-Benz genannt. „Ich fahre meinen 190er seit 34 Jahren“, sagt er. „Beim Einsteigen denke ich heute noch manchmal mit ein bisschen Stolz: An dieser Mittelkonsole und diesen Armaturen habe ich selbst mitgearbeitet.“

War der „kleine“ Mercedes damals eine kleine Revolution im Mercedes-Reich, das bis dahin im Prinzip nur aus E- und S-Klasse bestand, kamen über die Jahre unzählige Baureihen mehr dazu. Bei jedem Modell war Hahn dabei und durfte mitarbeiten, sah sich als eine Art Geburtshelfer. „Ich stand immer an der Wiege zum Design“, sagt Hahn. Er war es, der die Ton-Rohlinge mit der Fräse bearbeitete. Aus einem braunen Klotz Clay, wie der Ton im Fachjargon heißt, wurde ein täuschend echtes Modell.

„Das waren dann die Highlights, wenn mein Abteilungsleiter oder sogar der Vorstand die Modelle begutachtet – und für gut befunden hat.“ War der Modellbau einst vor allem Handarbeit, funktioniert er heute fast ausschließlich digital. Hahn: „Die Digitalmodelleure geben die Daten an die Maschinen, die fräsen die Form millimetergenau aus dem Block.“ Die immense Modellvielfalt in Verbindung mit einem Personalabbau in seiner Abteilung bedeuteten eine Veränderung in Hahns Berufsleben: Er wechselte vor fünf Jahren an die CNC-Fräse, die er heute noch bedient. Von seinem vorherigen Team trennt ihn aber nur eine Mauer.

In der Spätschicht mit der Familie frühstücken

Durch den Wechsel begann für Hahn auch die Arbeit im Schichtbetrieb, was er aber nicht als Rückschritt empfand. Im Gegenteil, dies bringe Vorteile mit sich: „So kann ich in der Spätschicht-Woche in Ruhe mit meiner Familie frühstücken.“ Obwohl er schon vor einem Jahr mit 64 abschlagsfrei hätte in Rente gehen können, hängte er noch einmal ein Jahr dran. Am 16. September wurde er 65 Jahre alt, am 22. Dezember wird er zum letzten Mal durchs Werkstor gehen. „Davor werde ich natürlich mit den Kollegen zusammensitzen und die vielen Jahre noch mal Revue passieren lassen. Kann schon sein, dass da das ein oder andere Tränchen verdrückt wird“, sagt Hahn.

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