Ein Auschwitz-Überlebender erzählt „Jude sein – das ist Dynamit“

Viele Jahrzehnte hat der 89-jährige Peter Gardosch nicht über seine Erinnerungen gesprochen. Foto: Katja Bauer

Der 89-jährige Peter Gardosch begleitet Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier zum 75. Jahrestag der Auschwitz-Befreiung. Es ist eine Reise in die Vergangenheit mit schrecklichen Erinnerungen.

Berlin - Auf dem Wohnzimmertisch vor Peter Gardosch liegt ein Blatt Papier. Es ist ein Ablaufplan für eine Reise. Ein paar Zeit- und Ortsangaben, Namen, Programmpunkte, präzise, nüchtern, knapp. Datum 27. Januar. Es wird ein langer Tag werden. Am Morgen dieses Tages wird Peter Gardosch aufbrechen, zusammen mit seiner Frau. Sie werden die Tür ihres hölzernen Schwedenhäuschens hier tief im Brandenburgischen abschließen und nach Berlin fahren, zum Schloss Bellevue. Denn an diesem Tag reist der Bundespräsident nach Auschwitz. Es ist wohl das schwierigste Ziel für ein deutsches Staatsoberhaupt. 75 Jahre zuvor hat die Rote Armee die von den Deutschen gebaute Menschenvernichtungsmaschine in Auschwitz erreicht und diejenigen gerettet, die noch zu retten waren. Es waren wenige.

 

Für diese Reise braucht Frank-Walter Steinmeier Menschen wie Peter Gardosch. Steinmeier hat ihn gebeten mitzukommen. „Soll ich Nein sagen, wenn der Bundespräsident mich einlädt?“, ruft Peter Gardosch durch sein Wohnzimmer. Er meint das eigentlich nicht als Frage, sondern als Antwort. Die Frage war: Warum fahren Sie nach Auschwitz, warum jetzt, nach all den Jahren?

„Wissen verschwindet, wenn Zeit vergeht“

Es gibt noch eine andere Antwort, aber Peter Gardosch wird sie viel später geben. Vorerst sitzt er in seinem Sessel und spricht über anderes. Darüber, wie viele Deutsche nicht wüssten, was der Holocaust gewesen sei, zum Beispiel. „Aber noch weniger wissen, was Verdun war!“, sagt Gardosch. „Wissen verschwindet, wenn Zeit vergeht.“ Oder darüber, dass es für manche Deutsche zur Obsession werde, wieder und wieder über den Holocaust zu sprechen. „Diese Hinwendung dazu, sich schuldig zu fühlen, das finde ich furchtbar“, sagt Gardosch.

Es ist warm hier im Wohnzimmer, die Sonne scheint schräg herein, auch auf das honigfarbene Bücherregal hinter dem Sessel. In einem Fach links oben steht ein Kerzenleuchter vor einem Stapel Bücher über Adolf Hitler, die sieben Arme der jüdischen Menora sperren die Bücher ein wie ein Gitter. Ganz rechts unten stehen großformatige Bände nebeneinander – Fotobücher, die Gardoschs Frau gemacht hat. Man sieht Peter und Ramona Gardosch lachen, man sieht sie auf Ausflügen, Kreuzfahrten, Reisen, bei Hochzeitstagen, mit Freunden, beim Feiern – für jedes gelebte Jahr ein Buch.

Eine sparsame Bewegung entschied, dass Gardosch an diesem Tag nicht sterben musste

Peter Gardosch ist inzwischen 89 Jahre alt. Er war 13 Jahre alt, als er am 6. Juni 1944 an der Bahnrampe des Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau mit Hunderten anderen aus einem Viehwaggon ausstieg. Neben ihm standen Vater, Mutter, Schwester, Großmutter. Der deutsche Lagerarzt, der an diesem Tag die Selektion durchführte, schickte seine Oma Rebekka Heimann, seine Mutter Agnes Gardosch und seine achtjährige Schwester Alice auf die eine Seite. Auf der anderen Seite standen Männer, die für arbeitsfähig gehalten wurden. Peter Gardosch, hoch gewachsen, spindeldürr, nur im dicken Mantel seines Großvaters etwas ausgepolstert, wurde nach seinem Alter gefragt. „17“, brüllte er. Der Selektierer bewegte seinen Finger in die Richtung der Männer. Eine äußerst sparsame Bewegung, die entschied, dass Peter Gardosch an diesem Tag nicht sterben musste.

Er kam in die Baracke mit seinem Vater. Gemeinsam mit drei Ärzten meldeten sich die beiden für ein Arbeitskommando. Das konnte alles bedeuten: Gas oder Leben. Die fünf hatten das relative Glück, nach Bayern deportiert zu werden, als Arbeitskräfte für den irrwitzigen Plan, unterirdische Hallen zur Konstruktion von Flugzeugen zu bauen. Peter Gardosch überlebte in Kaufering. Er war 14, als der Krieg zu Ende war. Er verlor seine Mutter, seine kleine Schwester, seine Großmutter. „Es gab keinen Abschied, es gab Panik, Gebrüll und zynische Wachleute, die auf die Schornsteine deuteten und sagten: Nur so kommt ihr hier raus.“ Als 13-Jähriger sah er seine Mutter in der Menge verschwinden. „Ich erkannte sie an ihrem Strohhut.“

Es liegt Schmerz in der Miene von Peter Gardosch, wenn er von diesem Hut seiner Mutter erzählt. Seine Hand legt er dabei zart in seinen Nacken. So unvorstellbar war der Plan zur Vernichtung der Juden trotz aller Gerüchte auch 1944 noch, dass sich Agnes Gardosch einen breitkrempigen Hut kaufte. „Sie dachte, sie würde von den Deutschen zum Arbeiten aufs Feld geschickt werden. Und sie wusste von ihrem Vater, der Arzt war, dass die Bauern an der ungeschützten Haut im Nacken Krebs bekamen.“

„Man ermordet keine achtjährigen Mädchen“, sagt der 89-Jährige

Bis zum März 1944 hatten die Gardoschs friedlich im ungarischen Neumarkt am Mieresch gelebt – eine wohlhabende jüdische deutsche Familie, der Vater Bankdirektor, der Großvater Arzt, Peter ging aufs Gymnasium. „Es gab natürlich Antisemitismus, aber so wie überall.“ Im März besetzten die Deutschen das Land. Gardosch erinnert sich, wie ein NS-Offizier, der das Kommando führte, durch sein Zuhause schritt. „Meine Eltern hatten schöne Möbel. Er deutete auf den Schreibtisch, die Chaiselongue, einen Stuhl – alles für sein Büro. Meine Mutter bekam sogar eine Quittung. Er sagte, wenn wir alle das hier überleben, bekommen sie das zurück.“ Im April wurden die Juden aus Neumarkt zusammengetrieben und in eine alte Ziegelfabrik gesperrt. Nach ein paar Wochen wurden sie nach Auschwitz deportiert.

Das erste der Bücher im Wohnzimmerregal unten rechts ist sonnengelb. Ein Album. Gardosch nimmt es heraus und schlägt es auf. Man sieht eine Postkartenansicht von Neumarkt. Die Großmutter, die Mutter als ganz junge Frau, in eleganter Robe. Gardosch blättert weiter. Auf zwei Seiten liegen eng an eng Fotos der Schwester. Ein sehr kleines Mädchen, die Haare zu dunklen Zöpfen geflochten, mit ernstem Fotogesicht. „Lizi“ steht unter den Bildern, so rief Peter seine Schwester. „Man ermordet keine achtjährigen Mädchen“, sagt Peter Gardosch.

„Mein Leben“ nennt er dieses Buch. Gemacht hat es seine Frau – die sehr lange nichts über diesen Teil seiner Geschichte wusste. Peter Gardosch hat geschwiegen. Er wollte diese Erinnerungen nicht. Als junger Mann teilte er einige mit seiner ersten Frau und mit wenigen Freunden. Auf keinen Fall sprach er mit Kollegen, mit Arbeitgebern, Bekannten. Sie wussten nicht mal, dass er jüdisch ist. Das hält Peter Gardosch bis heute mit einigen so. Tabu. „Jude sein – das ist doch Dynamit.“

Lange wollte Gardosch nicht über seine Vergangenheit reden

Er wollte lieber ein Leben führen, sagt er – und das tat er, kam nach Neumarkt zurück, in eine Stadt, in der so viele Menschen nicht mehr lebten, die er vorher jeden Tag gesehen hatte. „Ich dachte, wenn ich nach Hause komme, bin ich der Held, ich war ja in Auschwitz. Aber es war nur derselbe Antisemitismus wie vorher.“

Gardosch wurde erwachsen, er wanderte nach Israel aus, siedelte nach Deutschland über, lebte in Friedrichshafen, bei Hamburg, in Leipzig. Wurde Manager, Unternehmensberater, verdiente gut, liebte das Leben. Reden? „Warum? Die Deutschen haben eine dualistische Hinwendung zum Thema Holocaust: Entweder sie fühlen sich schuldig, oder sie sind antisemitisch. Und beides widert mich an.“ Als er seine zweite Frau kurz nach dem Mauerfall in Leipzig kennenlernte, da dachte er: „Ich liebe sie, was soll ich sie mit diesem Horror belasten.“ Jahrelang ging das so, aber als sie zusammenzogen und eines Abends beim Kistenauspacken in der neuen Wohnung standen, da sagte Gardosch: „Setz dich.“ Und erzählte.

Ramona Gardosch ist inzwischen auch ins Wohnzimmer gekommen. „Es war unendlich traurig“, sagt sie. „Und es war gut, dass mein Mann sprach.“ Sie redeten viel in dieser Nacht. Und seitdem. „Sie hat mir gesagt, dass ich alles aufschreiben muss“, sagt Gardosch. Er schrieb ein Buch, sie half ihm. Seit jenem Abend vor 20 Jahren hat Peter Gardosch sich entschieden, mit Schulklassen zu sprechen. Die Schüler bittet er, ihn alles zu fragen, was sie wissen wollen. Sie fragen dann: Hassen Sie die Deutschen? Kannten Sie Adolf Hitler? Was ist ein KZ genau?

Gardosch will junge Menschen warnen – er sagt: „der Antisemitismus wächst wieder“

Gardosch hat der Erinnerung nicht erlaubt, sein Lebensinhalt zu werden. Aber: „Ich bin der Meinung, dass ich junge Menschen warnen muss, damit sich dies nicht wiederholt. Der Antisemitismus wächst wieder.“ Wenn er am Montag Frank-Walter Steinmeier sieht, dann will er ihm sagen, was ihm ein Anliegen wäre: „Ich lese mit Schrecken, dass es unter Bundeswehrsoldaten Rechtsextremismus gibt. Ich würde gerne in Kasernen sprechen.“

In Auschwitz war er nur ein einziges Mal seit der Befreiung. Als junger Mann. Es ist über 60 Jahre her. Es dauert lange, bis Peter Gardosch formulieren kann, an was er sich erinnert. „Vielleicht kommt es am ehesten dem Gefühl einer Leere gleich“, sagt er.

Einmal besuchte ein Freund die Gedenkstätte. Er legte drei Rosen nieder, für die Großmutter, die Mutter, die Schwester. Vielleicht, so sagt Peter Gardosch, wird dieser Ort jetzt bei seinem Besuch mit dem Bundespräsidenten für einen Moment das Grab sein können, das die drei nie hatten.

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