Vor einem Jahr ist mit großem Festakt und preisenden Reden unter anderem von Ministerpräsident Winfried Kretschmann der Bahnhof Merklingen/Schwäbische Alb eröffnet worden. Dass es ihn gibt, ist ein Wunder, denn eigentlich hatte ihn die Bahn an der ICE-Strecke gar nicht vorgesehen. Es ist der Hartnäckigkeit der Kommunen in der Gegend und dem Engagement des Landes zu verdanken, dass er Wirklichkeit wurde.
Ein einmaliges Experiment
Der seit 2012 amtierende Kaufmann zählte zu den treibenden Kräften. Mit 13 Millionen Euro von acht Anrainerkommunen und 40 Millionen vom Land wurde das Jahrhundertprojekt für die Region gestemmt. Weder der Bund noch die Deutsche Bahn haben sich beteiligt. Die Bilanz des bundesweit einmaligen Experiments nach einem Jahr: Die Vision stimmt. Doch die Alltagsprobleme im Bahnverkehr holen sie ein. Der Bahnhof ist ein Paradebeispiel für Glanz und Elend der deutschen Verkehrspolitik: Man investiert Millionen und Milliarden – und dann hakt es im Alltag an den Details.
Nicht immer funktioniert der Takt
Und da sind wir wieder beim Thema Wartehäuschen. Denn die eng mit der Ankunft der Züge getakteten Busanschlüsse klappen nicht immer. Mehr als einen Stundentakt gibt es aber nicht. Und auf 717 Meter Meereshöhe kann so eine Wartestunde ziemlich ungemütlich werden.
In einer Laichinger Facebook-Gruppe, so berichtet Reulen-Surek, habe das schon zu erbittertem Bahn-Bashing geführt und dem Schwur, doch lieber das Auto zu nehmen. „Vielleicht könnte man ja den nicht sehr intensiv genutzten Fahrradschuppen verkleinern und da etwas Platz zum Warten schaffen?“, fragt sie. Man könne ja der Bahn nicht auch noch die Fürsorge für ihre Fahrgäste abnehmen, kontert der Laichinger Bürgermeister: „Warteräume baut die Bahn an keinem neuen Bahnhof an Hochgeschwindigkeitsstrecken.“
Wenn alles läuft, muss niemand stehen
In der Theorie braucht man solche Warteplätze auch nicht. Denn wenn alles nach dem präzise abgestimmten und getakteten Fahrplan läuft, muss niemand mehr als zehn Minuten herumstehen. „Das Problem ist halt, dass die Bahn es nicht schafft, ihren Fahrplan einzuhalten“, sagt Kaufmann. „Es ist auch schon vorgekommen, dass Züge ausgefallen sind“, sagt Reulen-Surek. Was angesichts der Tatsache, dass der laut Landesverkehrsministerium „schnellste Nahverkehrszug Deutschlands“ mit jahrzehntealten Ex-IC-Waggons unterwegs ist, nicht überrascht.
Ein anekdotisches Beispiel: Am 1. Dezember fielen vier Verbindungen am Nachmittag von und nach Ulm aus. Laut Bahn-App wegen einer Reparatur am Zug. Weitere vier Züge waren am selben Nachmittag 15 bis 30 Minuten verspätet. Bei der Deutschen Bahn zeigt man sich hingegen insgesamt zufrieden. „Der Betrieb läuft ausgesprochen stabil“, sagte Bahn-Infrastrukturvorstand Berthold Huber Anfang Dezember in Stuttgart. In ihrer offiziellen Mitteilung spricht die Bahn von „hoher Zuverlässigkeit“.
Deutsche Bahn spricht von hoher Zuverlässigkeit
Doch es gibt noch andere Reibungspunkte: Manche wegen des Fahrermangels mühsam gefundene Chauffeure für das neue Busangebot tun sich mangels Deutschkenntnissen schwer mit dem Fahrkartenverkauf. „Und dass es keinen einheitlichen Tarif gibt, ist schon ein Manko“, sagt Kaufmann. Mit der App der Deutschen Bahn kann man Einzelfahrkarten nur Richtung Wendlingen lösen, nach Ulm geht das nicht, denn da ist der Donau-Iller-Nahverkehrsverbund zuständig. Dessen App wiederum zeigt nicht an, ob ein Zug ausfällt. Nebenbei erlebt der Bahnhof jetzt die zweite Bahn-Streikwelle. Bei Pünktlichkeit und Zuverlässigkeit sind die Züge in Merklingen im insgesamt mäßigen Landesvergleich Mittelmaß – obwohl sie auf nagelneuen Gleisen nur eine kurze Distanz im Pendelverkehr unterwegs sind. Unter den von der Landesagentur Bwegt verglichenen Nahverkehrsnetzen reicht es insgesamt dennoch für Platz fünf. Schließlich fährt man schnell.
Die leidige Pünktlichkeit
„Ich hoffe darauf, dass die Bahn ihr Pünktlichkeitsproblem irgendwann einmal in den Griff kriegt“, sagt der Zukunftsoptimist Kaufmann. Einen Erfolg kann er vermelden: Zusätzliches Glas macht inzwischen die Unterstände am Bahnsteig wetterfester. Da kooperierte das Wetter auf der Alb zum Besichtigungstermin, den der Bürgermeister mit Bahn-Vertretern vereinbart hatte: „Da war es regnerisch und windig – und als das Wasser von der Seite entgegenspritzte, war das überzeugend.“ Grundsätzliche Kritik an dem Projekt, sagen Bürgermeister und Bahn-Aktivistin unisono, gebe es aber nicht. „Die Menschen sind begeistert, dass sie hier einen Bahnhof bekommen haben“, sagt Reulen-Surek. Die Pendlerzüge Richtung Ulm seien meist gut gefüllt. Und bei VfB-Spielen oder dem Volksfest werde es auch in Richtung Stuttgart schon einmal eng. Mit der für 2025 geplanten, direkten Anbindung nach Stuttgart rechnet Kaufmann mit einem Nachfrageschub. Bei den Grundstückspreisen ist dies schon zu spüren.
Die Anschlüsse sind theoretisch attraktiv
An einem Wochentag zeigt das System, was es kann – wenn alles läuft. Gleich fünf Busse warten auf die Fahrgäste des ankommenden Interregio-Expresses aus Ulm. Die Hälfte der etwa achtzig Fahrgäste steigt hier in der Mittagszeit um, darunter viele Schüler und Studenten. Nur wenige Minuten später fahren die Busse im Pulk ab und verteilen die Menschen auf den Dörfern.
Autofahrer sind Bahnnutzer geworden
Doris und Eberhard Eckart aus Merklingen können nur Gutes über den neuen Bahnhof erzählen. Das Rentnerehepaar fährt an diesem Tag nach Ulm zu einem Arzttermin. Sie haben sich windgeschützt am Treppenaufgang hingestellt. „Das macht uns nichts“, sagt Eberhard Eckart. Die Autofahrer sind zu regelmäßigen Bahnnutzern geworden. Zweimal im Monat fahren sie per Bahn ins Zentrum der nur noch zwölf Minuten mit dem Zug statt 20 bis 25 Minuten mit dem Auto entfernten Großstadt. Auch den Preis, 20 Euro hin und zurück, finden sie in Ordnung: „Wenn Sie in Ulm parken, sind Sie doch auch schnell einmal fünf Euro los.“ Von verpassten Anschlüssen können sie nicht berichten: „Wir fahren ja auch nie weiter als bis nach Ulm.“ Das Ehepaar im Ruhestand gehört zu einer Zielgruppe mit großem Potenzial. Ein halbes Dutzend rasch ausgebuchter Bahn-Erkundungstouren Richtung Ulm oder Tübingen hat Gabriele Reulen-Surek in Eigeninitiative schon veranstaltet. Vor allem ältere Menschen haben sich dafür interessiert: „Fahrplan lesen und Fahrkarten lösen sind für diese Gruppe echte Hürden.“ Dass sie das als Bürgerin freiwillig tut, ist ein Glücksfall – die Bahn würde wohl nie so einen Service anbieten.
Risiko Umsteigen
Man habe nun – in den Worten von Bürgermeister Kaufmann – „ein neues Tor zur Welt“. Von Ulm und mit Umstieg in Wendlingen von Stuttgart aus, lässt sich mit dem ICE schnell die ganze Republik erreichen. Theoretisch jedenfalls. Lars Guggolz, der am Bahnsteig Richtung Wendlingen steht, wagt nicht, es auszuprobieren. Er fahre eher selten Bahn. Diesmal geht es nach Köln. „Ich plane in Stuttgart vorsichtshalber mit einer Stunde Aufenthalt.“
In Wendlingen, dem bis zur Eröffnung von Stuttgart 21 nötigen Umsteigepunkt, wird klar, dass das eine kluge Entscheidung war. Zwar ist der schnelle Alb-Express drei Minuten vor Plan eingetroffen. Doch der Anschluss aus Tübingen lässt auf sich warten. Aus fünf angekündigten Minuten Verspätung werden zehn, dann fünfzehn, bis Stuttgart sind es zwanzig. Auch in Wendlingen gibt es keinen warmen Ort fürs Warten.
Letzte Rettung Bankautomat
Den gibt es übrigens in Merklingen theoretisch schon. Es ist der gut geheizte Vorraum für den Geldautomaten der örtlichen Volksbank, der gelegentlich zur Wartestube umfunktioniert wird. „Da ist auch schon einmal der Sicherheitsdienst gekommen und hat Leute rauskomplimentiert“, sagt Gabriele Reulen-Surk. „Wenn da eine Gruppe von Teenagern auf dem Boden campiert, findet das die Bank natürlich nicht so toll.“
Die offizielle Bilanz der Deutschen Bahn
Fahrgäste
„Seit Beginn dieses Jahres hat sich die Zahl der Fahrgäste im Regionalverkehr auf der Strecke bereits verdoppelt, Tendenz steigend“, verkündet die Deutsche Bahn. Laut deren Zählung waren 800 000 Fahrgäste auf der Neubaustrecke Wendlingen-Ulm im Regionalverkehr unterwegs – also rund 2200 am Tag und im Durchschnitt etwas mehr als 60 je Zug.
Ökologie
Genau ausgerechnet hat die Bahn die CO2-Bilanz: Mehr als 4500 Tonnen CO2 seien im Vergleich zu Fahrten mit dem Auto eingespart worden. Das entspreche dem gesamten jährlichen Ausstoß von etwa 3300 Mittelklasse-PKW.