Ein Jahr Bürgermeister in Weissach „Es waren harte vier, fünf Monate“
In seinem ersten Amtsjahr musste der neue Weissacher Bürgermeister Jens Millow viele Brände löschen – und das mit einem sehr dünn besetzten Rathausteam.
In seinem ersten Amtsjahr musste der neue Weissacher Bürgermeister Jens Millow viele Brände löschen – und das mit einem sehr dünn besetzten Rathausteam.
Kurz nach seinem Amtsantritt hatte Jens Millow seinem Vorgänger Daniel Töpfer (CDU) attestiert, zumindest in der Dokumentation ein „aufgeräumtes Haus“ hinterlassen zu haben. In der Praxis wurde es für den neuen Rathauschef doch etwas kniffliger. Inzwischen laufe es gut, sagt Millow. Als Beweis führt er während des Interviews prompt ein Geschenk vor, das ihm sein Rathausteam gemacht hat und das ganz offenbar von Sympathie getragen wird: eine kleine Figur des Bürgermeisters, komplett mit Wackelkopf.
Herr Millow, bei Ihrem Amtsantritt vor rund einem Jahr wollten Sie erst einmal nicht nach Weissach ziehen. Hat sich daran inzwischen etwas geändert?
Nein. Wir wohnen in Sachsenheim, da sind unsere Kinder verwurzelt und das soll auch so bleiben. Meine Fahrt nach Weissach dauert 25 Minuten, und die genieße ich inzwischen sehr. Morgens gehe ich dabei nochmal den Tagesablauf durch, abends kann ich etwas Abstand gewinnen. Ich möchte diese Fahrzeit nicht mehr missen.
Ein großes Thema bei Ihrem Amtsantritt waren die Vakanzen im Rathaus.
Als ich angefangen habe, fehlten fast alle Führungskräfte und meine Assistenz im Vorzimmer, ein ganz neuralgischer Punkt für die Arbeit eines Bürgermeisters. Auf die Vakanzen war ich vorbereitet, das zeigt ja schon ein Blick auf das Organigramm. Nicht gezeigt hat es, dass ein Großteil derjenigen, die im Rathaus arbeiteten, auch erst seit einigen Monaten da waren. Das waren harte vier, fünf Monate für die Verwaltung. Gleichzeitig habe ich aber auch einen großen Vertrauensvorschuss von der Bürgerschaft und vom Gemeinderat erhalten. Dafür bin ich sehr dankbar, das hat sehr geholfen.
Inzwischen ist das Rathausteam komplett. Wie läuft es?
Wir sind jetzt ein funktionierendes Team und auf einem guten Weg. Auf unsere schnell erreichte Arbeitsfähigkeit bin ich sehr stolz.
Ihre Mitarbeiter sind aber auch sehr jung. Wie sehr fehlt Ihnen das Wissen der „alten Hasen“?
Wir haben zwar nicht so viel Führungserfahrung im Haus, aber machen das durch Elan wieder wett. Tatsächlich bin ich sehr froh, dass unserer neuer Kämmerer Johannes Schaber Erfahrung mitgebracht hat. Die Person mit der längsten Führungserfahrung ist Frank Daucher, der Leiter des Bauhofs. Wenn es um altes Projektwissen geht, was in den Dokumenten nicht zu finden ist, ist er zusammen mit dem Gemeinderat meine erste Ansprechperson.
Sind angesichts der Personallücken bei Ihrem Start Themen liegen geblieben?
Definitiv.
Und welche?
Alle. Wir haben in den ersten Wochen und Monaten nur die größten Brände löschen können. Wir haben versucht, mit Händen und Füßen das Nötigste in die Wege zu leiten. Das ist uns zum Großteil auch gelungen, aber unter enormem Zeitaufwand.
Ist auch mal etwas schiefgegangen?
Wir waren eher vorsichtig und haben glücklicherweise keine Projekte gegen die Wand gefahren. Aber wir hatten anfangs sehr viele Reibungsverluste, und zwar flächendeckend. Egal, was wir angefasst haben, wir mussten uns erst einmal einarbeiten, weshalb wir auch länger gebraucht haben. Einige Dinge haben wir nicht aus der Aktenlage erfahren, sondern aus der Bürgerschaft, die uns darauf hingewiesen hat. Letztes Jahr hatten wir zum Beispiel eine Kirbe ohne Kirbemarkt, weil niemandem im Rathaus klar war, dass dieser vom Rathaus organisiert wurde. Solche Probleme sind uns immer wieder begegnet, wir werden aber täglich besser.
Ihr Vorgänger Daniel Töpfer hat bei seinem Amtsantritt das Rathaus ordentlich umgekrempelt, Sie wollten die Lage erst einmal beobachten. Hat sich inzwischen eine Stelle aufgetan, an der Sie etwas verändern möchten?
Der Personalmangel hat uns vergangenes Jahr in eine Notlage gebracht, die viele Veränderungen erzwungen hat. Im Rathaus fehlte zum Beispiel jemand mit technischem Verständnis, für die Kleinreparaturen. Die Hausmeister der rund 80 kommunalen Liegenschaften habe ich deshalb inzwischen organisatorisch an den Bauhof gegliedert. Das hat wunderbar funktioniert. Der Sachbereich Liegenschaften ist von diesen kleinen, aber zeitaufwendigen Reparaturen befreit, und kann seinen Zuständigkeitsbereich aufräumen. Aber auch hier haben wir durch den angespannten Haushalt der letzten Jahre noch viel zu tun.
Ein Glasfaserausbau mit der Deutschen Glasfaser ist bereits vor zwei Jahren gescheitert, Sie nehmen das Thema wieder in Angriff. Warum erwarten Sie mehr Erfolg?
Weil der Bedarf faktisch da ist. Wir brauchen das Glasfasernetz, um zukunftsfähig zu sein, daran führt kein Weg vorbei.
Ist die Einwohnerversammlung in Ihren Augen das richtige Mittel, um die Weissacher zu überzeugen?
Ich hoffe es. Bei der Versammlung ist nicht nur das Glasfasernetz Thema, sondern auch die nachhaltige Energieerzeugung in Weissach. Unsere Nachbarkommunen sind uns da schon ein halbes Jahr in der Planung voraus. Ich glaube, dass das eine Thema vom anderen profitieren kann. Mein Ziel ist es, mindestens einmal im Jahr eine Einwohnerversammlung zu aktuellen Themen durchzuführen, zum Beispiel neue Ortsmitte Weissach, wenn wir hier erste Vorergebnisse haben. Solche Projekte scheitern häufig an der fehlenden Kommunikation und das möchte ich vermeiden.
Eins der großen Projekte, dass Sie geerbt haben, ist die Ortsmitte. Die Planungen zu diesem „Jahrhundertprojekt“ wurden zuletzt wegen eines fehlenden Hochwasserschutzkonzeptes ausgebremst.
Wir sind gerade dabei, einige nötige Pflöcke einzuschlagen, etwa bei der Strudelbachverdolung unter der Ortsmitte. Der Strudelbach sollte in der neuen Ortsmitte offengelegt und erlebbar gemacht werden. Allerdings liegt die Verdolung in drei Meter tiefe. Zudem hat sich die zuständige Behörde sehr kritisch geäußert, was die Offenlegung angeht. Gerade wegen des Hochwasserschutzes. Hier läuft gerade eine notwendige Untersuchung. Zur Ortsmitte wollen wir noch in diesem Jahr eine Sondersitzung mit dem Gemeinderat durchführen.
Wo sehen Sie für das kommende Jahr den dringendsten Handlungsbedarf?
Wir haben zahlreiche dringende Baustellen. Starkregen und das Thema Hochwasserschutz sind wichtig. Hier gibt es den Zweckverband Hochwasserschutz seit 20 Jahren. Es hat aber in Weissach faktisch keine Umsetzung der empfohlenen Maßnahmen gegeben. Auch das Thema Kinderbetreuung wird uns intensiv fordern. Zudem haben wir bei unseren Liegenschaften einen Sanierungsstau und energetisch soll auch noch umgerüstet werden. Und tatsächlich auch die neue Ortsmitte. Diese hat zahlreichen Aufgaben, unter anderem auch die Grundversorgung sicherzustellen. Daher muss eine Einkaufsmöglichkeit in Weissach unbedingt erhalten werden.
Mit einem großen Plus an Gewerbesteuereinnahmen sieht der Weissacher Haushalt für 2023 sehr rosig aus. Sorgt das für Erleichterung bei der Arbeit?
Natürlich, mit unserem Haushalt kann man nicht nur planen, sondern auch vieles umsetzen. In der jüngsten Vergangenheit musste sehr aufs Geld geachtet und Projekte priorisiert werden. Das war bei notwendigen Reparaturen nicht immer förderlich. Mit unserem diesjährigen Haushalt geht aber auch eine große Verantwortung einher. Wir wollen aus den Fehlern unserer Vergangenheit lernen und wir werden uns dieser Verantwortung stellen.
Jens Millow,
Jahrgang 1978, gewann die Bürgermeisterwahl im vergangenen Jahr gleich im ersten Wahlgang: Mehr als 75 Prozent der Weissacher gaben ihm die Stimme. Wegen einer laufenden Klage gegen die Wahl war Millow zunächst zum Amtsverweser bestellt worden, darf sich seit wenigen Wochen aber auch ganz offiziell Bürgermeister nennen und hat nun Stimmrecht im Gemeinderat. Studiert hat er an der Ludwigsburger Verwaltungshochschule, berufliche Erfahrung sammelte er in Stuttgart, Spiegelberg und zuletzt als Hauptamtsleiter in Löchgau. Er lebt mit Frau und zwei Töchtern in Sachsenheim.