Ein Jahr Kultur-Lockdown Kulturexpertin Christina Weiss: „Es geht um die Zukunft der Gesellschaft“

Christina Weiss, von 2002 bis 2005 Kulturstaatsministerin des Bundes Foto: Alexander Paul Englert

Christina Weiss, die frühere Kulturstaatsministerin der Bundesregierung, fordert von den Kulturpolitikern höchste Wachsamkeit: Die Vielfalt der Künste muss trotz Corona verteidigt werden – das nützt allen.

Kultur: Tim Schleider (schl)

Berlin - Wie steht es um die Kulturlandschaft ein Jahr nach Beginn des Kultur-Lockdowns? Fragen an eine Expertin: Die parteilose Christina Weiss hat insgesamt 15 Jahre lang die Kulturpolitik in Hamburg und in der Bundesregierung verantwortet.

 

Ein Jahr Kultur-Lockdown in Deutschland – Frau Weiss, was geschieht gerade mit dem Publikum: Leidet es unter Entzugserscheinungen, oder gewöhnt es sich an den neuen Zustand?

Das Publikum leidet am Entzug, ich höre es überall. Theater, Museen, Konzert- und Kinosäle werden schmerzlich vermisst. Es gibt viele Argumente dafür, weshalb das digitale Angebot das analoge nicht ersetzen kann – das gilt auch für das Kino! Es ist die Freude am Ausgehen. Man trifft sich mit anderen, erlebt Kunst in Gemeinschaft, tauscht sich anschließend aus. Diese öffentlichen Räume, die Gemeinschaft, Kunsterfahrung, Gespräch und Gastronomie verbinden, sind zweifellos die anregendsten Begegnungsorte in unserer Gesellschaft.

An guten Worten der Politik für die Kultur hat es nicht gemangelt. Aber erleben die Künstler nicht dennoch gerade, wie ungeschützt ihre Existenz selbst im Kultur-Musterland Deutschland ist?

Deutschland ist in der Tat, auch wegen des föderalen Wettbewerbs, ein Vorbildland, was die Kulturförderung angeht. Ein Einschnitt wie diese Pandemie in das unternehmerische System der Kultur aus Angebot und Nachfrage ist natürlich massiv und erschüttert auch mit der Einsicht, wie fragil die Existenzgrundlage ist, wenn Veranstaltungen und Publikum wegbrechen. Das trifft allerdings auf andere Wirtschaftsfelder ebenso zu.

An digitalen Kulturangeboten im Netz mangelt es nicht – liegt hier nicht überhaupt die Zukunft der Künste?

Die Erfahrung mit digitalen Angeboten im Netz ist vielleicht der größte Gewinn aus der Pandemiezeit. Es wurde viel experimentiert, und es gab sehr gelungene Konzertformate wie zum Beispiel das Konzert zum 40. Jubiläum des Ensemble Modern mit vierzig Uraufführungsminiaturen. Wenn die Aufführungen bereits für das digitale Format gedacht sind, können die Zuschauer und Zuschauerinnen tatsächlich eine besondere Erfahrung machen, zum Beispiel näher dran sein an den Künstlern. Allerdings ist das eine Qualität der Einzelerfahrung, die das Gemeinschaftsgefühl im Konzertsaal nur ergänzt. Aber im digitalen Format liegt auch die Chance, ein breiteres Publikum zu erreichen, das sich Live-Ereignisse nicht leisten kann oder überhaupt dafür erst geworben werden muss.

Ein großer Kassensturz für Bund, Länder und Kommunen wird am Ende der Pandemie unweigerlich kommen. Wird nicht spätestens dann auch die Kultur weitere Opfer bringen?

Kulturpolitik ist immer und zu allen Zeiten ein besonders harter Kampf im Wettbewerb um die öffentlichen Gelder. Die Kulturpolitiker dürfen keinen Moment unaufmerksam sein oder in ihrer Forderung nachlassen. Es gibt zu viele, die in der Kultur nur ein schmückendes Beiwerk sehen. Die zeitgenössischen Künste haben aber eine ganz andere Funktion für die Gesellschaft: Sie halten ihr den Spiegel vor, sprechen die heikelsten Themen an und sind ein; nein: sie sind das einzige Trainingsfeld für die Freiheit des Denkens. Kulturförderung ist keine Subvention, sondern eine Investition in Bildung und Wahrnehmungsschärfung, eine ständige Herausforderung an unsere Fantasie. Wache und kreative Fantasie bewahrt uns vor Stagnation. Kulturelle Bildung ist eine Investition in die Zukunftsfähigkeit einer Gesellschaft.

Hat die Kulturpolitik in den vergangenen zwölf Monaten Fehler gemacht?

Diese Phase der Pandemie war und ist für alle politisch Verantwortlichen eine unglaubliche Belastung. Aber es war sicher ein politischer Fauxpas, die Kulturinstitutionen unmittelbar neben Freizeitgestaltung und Fitnesstraining zu stellen. Die kulturellen Orte sind vielmehr vergleichbar mit Bibliotheken, Schulen und Hochschulen.

Was sind die Städte ohne Kultur?

In der Tat, die geleerten Innenstädte dieser Monate waren für eine Stadtspaziergängerin wie mich eine erschreckende Erfahrung. Die Sehnsucht nach Öffentlichkeit und Begegnung ist allenthalben sehr groß. Aber wir können sicher sein, die Städte werden sich wieder füllen. Wo ein Kulturort, eine Bar, ein Laden verschwunden ist, wird sich Neues installieren.

Zur Person

Christina Weiss (67; parteilos) war von 1991 bis 2001 Hamburger Kultursenatorin und von 2002 bis 2005 Kulturstaatsministerin in der Bundesregierung von Gerhard Schröder. Sie lebt und arbeitet als Publizistin in Berlin und ist zudem beratend für zahlreiche Stiftungen tätig.

Das Gespräch führte Tim Schleider.

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