Ein Oscar für Special Effects made in Stuttgart Ein Märchen aus der Ostendstraße

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Die Bilder für den Oscar-gekrönten „Hugo Cabret“ sind in der Firma Pixomondo entstanden. Einer der elf Standorte ist in Stuttgart.

Die Uhr hing im US-Filmstudio, das Stadtbild kam aus Stuttgarter Rechnern. Foto: Verleih
Die Uhr hing im US-Filmstudio, das Stadtbild kam aus Stuttgarter Rechnern. Foto: Verleih

Stuttgart - Erstens gibt es das Paris der dreißiger Jahre nicht mehr, zweitens wäre Martin Scorsese mit dem echten Paris der dreißiger Jahre für sein Kinomärchen „Hugo Cabret“ auch gar nicht zufrieden gewesen. Er wollte ein schöneres, ausdrucksstärkeres, charaktervolleres Paris, wie das eben so ist im Kino. Gegen dessen Träume sieht die Wirklichkeit immer aus wie eine arme Verwandte, die sich falsch ernährt, anzieht und selten an die Sonne kommt. Martin Scorsese hat sich also ein wahrhaftiges, grandioseres, dabei aber auch flexibleres Paris bestellt. Auf Computern in der Stuttgarter Ostendstraße ist es für ihn geschaffen worden, bei der Firma Pixomondo.

Die visuellen Effekte von „Hugo Cabret“ haben zwar verdient den Oscar gewonnen, trotzdem sollte man nun nicht gleich dreist rufen, der ginge nach Stuttgart. Nicht bloß fairnesshalber, weil Pixomondo, deren Zentrale in Frankfurt am Main sitzt, auf elf Standorte rund um den Globus verteilt ist, von denen zehn an „Hugo Cabret“ mitwirkten. Sondern weil man so einen wesentlichen Teil der innovativen Leistung dieser deutschen Firma unterschlagen würde. Pixomondo liefert nämlich nicht nur digitale Bildwelten. Pixomondo verbessert die Art und Weise, wie diese Bilder entstehen.

Die neuen digitalen Techniken, begann man vor zwanzig Jahren zu ahnen, könnten das Machtverhältnis zwischen Hollywood und dem Rest der Welt radikal verändern. Wenn Städte und Landschaften, Tiere und Menschen im Computer entstehen, wenn diese Computer nur ganz normale Büros brauchen und wenn gerade von allen überall Neuland betreten wurde, dachte man, dann war plötzlich vieles auch wieder in Europa denkbar.

Tatsächlich entstand eine neue Art der Patchworkproduktion, in der Beiträge von vielen Firmen von vielen Standorten in Filme einfließen. Diese neue Produktionsweise bringt aber auch Abstimmungsprobleme und Planungsrisiken.

Die Wurzeln reichen zur Filmakademie in Ludwigsburg

Auf diese Risiken hat keine Firma so clever reagiert wie Pixomondo. Sie hat ein System namens „ITworx24/7“ entwickelt, das ihre elf Standorte zu einer einzigen Fabrik vernetzt, die niemals schläft. Der Leistungsumfang und die Produktionskapazitäten Pixomondos und das Vertrauen Hollywoods in die Firma sind mittlerweile so hoch, dass der notorisch pingelige Martin Scorsese so gut wie alle Effekte hier in Auftrag gab.

Der Südwesten darf trotzdem besonders stolz sein auf diesen Oscar. Mit Thilo Ewers, Ando Avila und vielen anderen haben Absolventen des Instituts für Animation, Visual Effects und digitale Postproduktion der Filmakademie in Ludwigsburg an „Hugo Cabret“ gearbeitet.

Zur Bedeutung des Standorts trägt neben der Akademie auch die jährliche „fmx“ bei, die Fachtagung für digitale Bildgestaltung, auf der Größen der Branche ihre neuesten Techniken präsentieren. Vom 8. bis zum 11. Mai wird die nächste „fmx“ stattfinden, und einer der Vortragenden wird Rob Legato sein, der oberste Koordinator aller Effekte für „Hugo Cabret“. Von dem kann man sich dann Einblicke in die Werkstatt geben lassen.