Zweiter Weltkrieg Pfarrer arbeitet die Kriegserfahrungen seines Vaters auf

Markus Morgen in seiner Heilig-Kreuz-Kirche in Ingelfingen: „Der Krieg war das große Lebensthema meines Vaters“, sagt der 55-Jährige. Foto: /Gottfried Stoppel

Ein oberschwäbischer Bauer therapierte seine Kriegstraumata mit einem manischen Schreibzwang. Sein Sohn wurde Pfarrer – und hat dieses Schicksal jetzt in einem Roman verarbeitet.

Die Vergangenheit versank buchstäblich in den Untergrund. Da lagen die blauen Schulhefte am Boden vor dem Haus, bedeckt vom Schlamm, aufgeweicht vom Regen. Markus Morgen kannte sie so gut. Nicht weil es seine eigenen waren, sondern weil sein Vater Julius sie vollgeschrieben hatte. Hunderte, geradezu manisch. Wenn Markus Morgen sich seinen Vater in Erinnerung ruft, sieht er ihn mit diesen Heften: „Er hat immer geschrieben. Im Bett, im Wald, an den unmöglichsten Orten.“

 

Es sind Kindheitserinnerungen. Lange hat Markus Morgen seinen Vater nicht gehabt. Der starb mit 59 Jahren, da war Markus neun. Die Hefte im Dreck brachten Markus Morgen vor einigen Jahren wieder mit ihm zusammen. Er klaubte sie vom Boden auf.

„Was willst du damit?“, fragte sein Bruder, der das elterliche Haus entrümpelt und die Hefte aus dem Keller wie Sperrmüll nach draußen verfrachtet hatte. „Da steht doch eh immer das Gleiche drin.“ Ja, das war Markus Morgen auch klar. Er wusste, was das Thema seines Vaters war, wenn er auf der Straße Leute traf und ein Gespräch anfing, wenn er mit jemanden zusammensaß, wenn er sich über seine Schulhefte vertiefte: immer der Krieg.

Die gebügelten Hefte des Vaters

Markus Morgen nahm die Hefte mit nach Hause. Bügelte sie, um sie wieder trocken zu bekommen. Braune Schlieren breiten sich jetzt manchmal über den Seiten aus. Aber nicht nur deshalb war das Lesen mühsam: Julius Morgen hatte oft noch in Sütterlin geschrieben. „Auch die Familie Morgen musste Opfer bringen. Mein Bruder Franz Josef starb in Russland“, entzifferte Markus Morgen. „Meine Schulkameraden auch. Onkel und Schwager. Zwei Millionen deutsche Soldaten sind in Russland geblieben!“

Der Tod, das Leid, das er hervorruft, und die Versuche, damit umzugehen, sind Markus Morgen vom Beruf her vertraut. Der 55-Jährige ist katholischer Pfarrer in Ingelfingen. Hier im Kochertal und auf den Höhen darüber ist er für vier Gemeinden zuständig.

Das ist ein Stück weg von seiner oberschwäbischen Heimat. In einem Dorf bei Bad Wurzach ist Markus Morgen aufgewachsen, und seine Erinnerungen an diese Zeit sind gut. Er habe sich auch für die Geschichten des Vaters interessiert, sagt er. Wie man sich halt als Kind für Geschichten interessiert.

Als Kind denkt man nicht zu sehr nach über Brüche in der Persönlichkeit: „Mein Vater war oft cholerisch.“ Da kamen dann auch Sprüche wie: „Befehle werden ausgeführt.“ Dann wieder Maximen, die einem Kind gegenüber eher merkwürdig anmuten: „Im Krieg musst du dich ducken. Lieber fünf Minuten feige als ein ganzes Leben tot.“

Der frühe Tod das Vaters hat diese Kindheitsphase jäh beendet, und Markus Morgen ist dann auch seinen eigenen Weg gegangen mit etlichen Stationen von der Realschule über Arbeit im sozialen Bereich bis zur Priesterweihe mit 34 Jahren.

Genug Distanz schließlich, um mit anderen, neuen Augen auf seine Familiengeschichte und in die Hefte zu schauen. „Der Krieg war das Lebensthema meines Vaters, so wie ich das schon immer gespürt hatte.“ Bald merkte er auch: „Der Krieg wirkt bis in die Kinder nach.“ Im Jahr 2016 nahm Markus Morgen sozusagen sein Schicksal an. Er reiste in die Bretagne und die Normandie, wo sein Vater Soldat bei der Artillerie war, damals im Sommer 1944, als alle die Invasion der Alliierten erwarteten.

In den Heften schreibt Julius Morgen wieder und wieder seine Todesangst nieder. Wie er am Strand steht, auf das wolkenverhangene Wasser schaut: „Der Soldat schweigt, dann sprechen hier die Waffen.“ Ein aussichtsloser Kampf: „Wir fahren mit Pferden diesem gerüsteten Gegner entgegen.“

Julius Morgen kam glimpflich davon – äußerlich

Julius Morgen kam, verglichen mit dem Schicksal unzähliger anderer Soldaten, glimpflich davon. Zumindest äußerlich. Als die Invasion startete, blieb seine Einheit zunächst sieben Wochen in Reserve hinter den Linien. Und als sie doch an die Front rückte, wurde Julius Morgen nach zwei Wochen gefangen genommen. 1946 war er wieder frei.

Aber der Krieg setzte sich in seinem Kopf fest. All die Ohnmacht hatte seine Nerven zerrüttet– vom Drill im Reichsarbeitsdienst bis zum Krieg in Frankreich, wo auch in der Reservestellung das Donnern der alliierten Schiffsgeschütze zu hören war und die Tiefflieger am Himmel entlangstrichen.

Er kam auf den elterlichen Hof bei Isny zurück und fand nicht mehr ins frühere Leben. Vier Jahre, so schildert er, blieb er fast unfähig, etwas zu tun. Seine Hefteinträge lesen sich wie eine Krankenakte. Eine posttraumatische Belastungsstörung würde man das heute nennen. 1946 gab es weder diese Diagnose noch irgendeine Therapie.

Es waren nicht nur die Schrecken der Vergangenheit, die Julius Morgen zusetzten, sondern auch die Leere der Gegenwart. Der älteste Bruder, der Held seiner Kindheit, war tot, wie auch seine engsten Freunde, die Klassenkameraden. „Die Schulzeit“, trauerte Julius Morgen ihnen immer wieder nach, „war meine beste Zeit.“

Julius Morgen fand eine Art Selbsttherapie. Er schrieb sich alles von der Seele – auch wenn er als Bauernsohn nicht gerade ein Kind der Bildungsschichten war. Später hat er als Käser gearbeitet und auf dem Bau geschafft. Dann tötete ihn ein Schlaganfall. „Mein Herz ist geschädigt vom Krieg“, habe sein Vater immer gesagt, erinnert sich Markus Morgen: „Vom Krieg ist er so belagert, belastet, beschädigt worden, dass er nicht davon losgekommen ist.“

Und der Sohn letztlich auch nicht. Auch Markus Morgen musste sich etwas von der Seele schreiben. In den Corona-Lockdowns sagte er sich: Wann, wenn nicht jetzt? Und setzte sich an den Schreibtisch.

So kommt sein Vater nun noch einmal zu Wort – als Romanfigur. Markus Morgen hat sich einen Plot ausgedacht, der vielleicht etwas vogelwild fantasiert ist: Nazideutschland hat kurz vor dem Kriegsende mit einem Bluff über mächtige Wunderwaffen die Alliierten so eingeschüchtert, dass sie einem Waffenstillstand zustimmen. So bleibt Adolf Hitler am Leben und Deutschlands Gesellschaft faschistisch.

Erlösendes Ritual und zwanghaftes Verhalten

Historische Plausibilität hin oder her: Markus Morgen kann so die Frage entfalten, wie sich das Leben in einem solchen totalitären Staat gestaltet bis in unsere Zeit. Vor allem für einen, der freiheitliche Gedanken hegt wie Opa Georg, ein Geschichtslehrer und ehemaliger Kriegsteilnehmer. Der hält seine Erlebnisse in Hunderten von Heften fest – „einerseits erlösendes Ritual, andererseits zwanghaftes Verhalten“.

So fließen Julius Morgens Schulhefte in einen 480-Seiten-Roman ein. Darin kommuniziert der seelisch Gestrandete aber nicht nur mit sich selbst, sondern mit seinem Enkel. Ein fiktives Gespräch, das Julius Morgen posthum eine Stimme gibt, die in der Nachkriegsgesellschaft keinen interessiert hat – und das die Lehren aus einem vom Krieg in Geiselhaft genommenen Dasein zieht: „Weil Krieg Leben so beschädigen kann, selbst bei denen, denen man es nicht etwa durch Verstümmelungen ansieht, müssen wir alles tun, dass demokratische Verhältnisse herrschen“, sagt Markus Morgen.

Das Buch war schon fertig, als der Ukraine-Krieg begann. Wenn Markus Morgen das tägliche Leid dort sieht, fühlt er sich zurückgeworfen in die Zeit seines Vaters: „Dieser Krieg macht mich wahnsinnig. Weil ich gedacht hätte, wir haben dazugelernt.“

„Wir Bunkermenschen“ von Markus Morgen (23,90 Euro) ist erschienen im Mauer-Verlag.

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