Ein Plastischer Chirurg in der Metzinger Outlet-City Boss und Botox
Die Metzinger Outletcity steht für Lifestyle und Luxus. Dazu gehört auch Martin Pfeifles Praxis für Plastische Chirurgie.
Die Metzinger Outletcity steht für Lifestyle und Luxus. Dazu gehört auch Martin Pfeifles Praxis für Plastische Chirurgie.
Leise Lounge-Musik. Eine exquisite Deckenlampe im sonst schlicht gehaltenen Warteraum. An der kleinen Theke reicht eine Arzthelferin, die dem Dialekt nach von der Alb kommen könnte, einen Kaffee zur Begrüßung. Willkommen im Jungbrunnen. In der Metzinger Enzian Clinic.
Martin Pfeifle und seine Kollegen bieten hier Vollkörperservice: Bauchdecken straffen, Brüste vergrößern oder verkleinern – auch bei Männern. Haut verjüngen. Nasen modellieren. Wangen formen. Fett absaugen (keine besonders schön anzusehende OP), Fettschürzen wegschneiden. Haarmähnen aufs Haupt zaubern. Ohren anlegen: Viele Eltern sind früher in der Schule gehänselt worden und wollen ihrem Kind das ersparen.
Marilena Lausegger ist für Brust und Bauch zuständig, Simon Werz und Martin Pfeifle sind auf Gesichter spezialisiert. Nicht alles dreht sich da immer nur ums Verschönern. Manchmal sind die Menschen schon froh, wenn sie nach Unfällen überhaupt wieder Zähne oder einen Kiefer oder etwas, was man Antlitz nennen kann, bekommen.
Von Armani bis Zegna: Mit 150 Premiummarken auf 40 000 Quadratmeter Fläche hat das kleine Metzingen am Fuß der Schwäbischen Alb eine Luxusdichte wie sonst höchstens noch Monte Carlo. Vier Millionen Kunden aus 185 Ländern besuchten 2019, vor Corona, die Outletcity.
Ein Jahr später wurde das Konsumareal um die frühere Enzian-Seifenfabrik erweitert, an die jetzt nur noch das Kesselhaus und der große Schlot erinnern. Wo einst Fette gekocht wurden, findet man heute feine Bestecke von WMF, weiche Bettwäsche von Estella und Schönheitsware von Douglas: Anti Aging Glow, Lifting-Serum, Réenergie Serub, Beauty Booster, Resurfacing Gel, Hyaluron Repair Creme, Skin Hydrator, Squalane Antioxidant Oil, Skin und Scalp-Roller, Volume-Lip-Fluid, Magic Loose Powder – und was die Tuben noch so hergeben. Wem das nicht reicht, der muss um die Ecke biegen und dem Hinweisschild folgen, das zu Prada, Gucci und der Enzian Clinic führt.
Martin Pfeifle ist damals an die Outletcity herangetreten mit der Idee, seine Praxis für Mund-, Kiefer- und Plastische Chirurgie ins neue Enzian-Areal zu pflanzen. Er stieß gleich auf Begeisterung: „Das passte. Wir stehen für Lifestyle, Luxus, gute Erlebnisse, gutes Aussehen“, sagt Isidora Muthmann vom Outletmanagement. „Jetzt können Gäste bei uns ein Outfit von Balenciaga kaufen und danach ihren Teint auffrischen. Ein vollumfängliches Angebot.“
Der Strom an Outletkunden aus Asien und den Golfstaaten ist mit Corona fast versiegt. Wahrscheinlich hätten viele auch bei der Enzian Clinic angeklopft. „In Ländern wie Südkorea, den arabischen Golfstaaten und auch Brasilien sind Schönheitseingriffe bereits gängige Praxis“, sagt Isidora Muthmann. Hierzulande boomt die Branche genauso. „Nur reden die allermeisten nicht darüber“, sagt Pfeifle. Und weil man auch ungern sein Gesicht zu Markte trägt, wenn man die Praxis verlässt, gibt es eine hauseigene Tiefgarage.
Hilal Yetisti geht es um die Zornesfalte zwischen den Augen. Sie will keinen bösen Blick mehr haben. Seit zehn Jahren lebt sie in Zürich. Die Familie und das Heimweh ziehen sie aber oft zurück nach Heilbronn. Ihre Heimatbesuche nutzt sie stets für ausgiebiges Shopping im Metzinger Outletkosmos.
Sie ist 34, aber 24 würde man ihr auch glauben. Sie hat schon ein paar Korrekturen hinter sich. Vor ein paar Jahren ließ sie sich den Nasenhöcker wegmachen, der sie seit der Jugendzeit störte. Die Lippen wurden etwas vergrößert, weil sie nicht so richtig symmetrisch sind, wie sie feststellen musste. In der Schweiz hat sie sich die Zornesfalte bereits zweimal wegspritzen lassen. Bei Martin Pfeifle ist an diesem Mittwoch Premiere.
Als Bub wollte Pfeifle Polizist werden. Vor dem Abitur machte er ein Praktikum bei einem Chirurgen, da durfte er schon mittupfen und knoten. Danach war ihm sein Berufsweg klar. Seine Großeltern waren Bauern, sein Vater Beamter, die Mutter Sekretärin. Ein bodenständiges Zuhause in Münsingen auf der Alb. Früher fuhren die Pfeifles samstags manchmal zum Boss-Fabrikverkauf. Jetzt gehört der Sohn irgendwie dazu. Ein paar Verwandten hat er schon die Lider gemacht, andere aus der Familie können damit überhaupt nichts anfangen.
Martin Pfeifle sieht jünger aus als 39. Vielleicht liegt es am Botox, das er sich ab und zu selber vor dem Spiegel spritzt. In die Zornesfalte, nichts in die Stirn. „Ein paar kleine Denkerfalten finde ich ganz gut.“
Seinen Kollegen Werz kennt er schon seit dem ersten Semester. Sie studierten Medizin in Ulm und Zahnmedizin in Freiburg, promovierten in beiden Fächern, machten ihren Facharzt am Stuttgarter Katharinenhospital. Nach zehn Jahren hatten sie Ihr Ziel erreicht.
Landarzt wäre nichts für ihn gewesen, sagt Pfeifle. „Ich bin eher ein Macher, der mit seinen Händen etwas schaffen will.“ Er findet, sein Beruf hat etwas Künstlerisches. „Es war mir auch schon von Anfang an wichtig, schöne Narben zu hinterlassen. Sie sind das Aushängeschild eines Chirurgen.“
Wichtig, sagt Hilal Yetisti, sei ihr, dass sie sich nicht krass verändere. „Ich will natürlich bleiben.“ Pfeifle legt mit fünf Pieksern ihre Augenbrauenrunzler-Muskeln. Fertig. „Ich hab gar nichts gespürt.“ In ein paar Tagen wird sich das glatte Ergebnis zeigen. „Cooles Gefühl, ohne bösen Blick“, sagt Yetisti. Das ist ihr 260 Euro wert. Macht es sie glücklicher? „Ich fühle mich wohler“, sagt sie. Wie man sich halt fühle, wenn man sich einen Wunsch erfüllt hat – „ja, schon auch glücklich“. Bei ihren Lippen hat die Wirkung inzwischen merklich nachgelassen. Noch kann sie das Symmetriedefizit mit Lippenstift ausgleichen. Aber bald ist es wohl wieder an der Zeit.
Strichförmige Narben empfinden wir als eher natürlich, Dellen und Erhabenheiten als nicht schön“, sagt Pfeifle. Botox, ein Nervengift, schaltet die sonst dauerhaft angespannten Muskeln aus und ebnet so die Haut. „Das Gesicht bleibt gleich, es sieht nur frischer aus. Wenn es anderen auffällt, wurde etwas falsch oder zu viel gemacht.“ Im Fernsehen und in Fußgängerzonen stechen ihm oft solche Fälle ins Auge. Den Profiblick, wenn er Leuten ins Gesicht schaut, kann er nie ganz abstellen.
Mit zunehmendem Alter verlagert sich das Fettgewebe. Sprießt an Hüfte oder Kinn. Schwindet an den Wangen, die Haut darüber wird schlaff. Hyaluron als Füllmittel strafft die Backen für bis zu 18 Monate. „Man muss wissen, wann genug ist“, sagt Pfeifle, „und man besser zu operativen Methoden wechselt, um natürliche Ergebnisse zu erzielen.“
Bei der Lasermethode feuert er kleine Laserschüsse in die Haut, was die Kollagenbildung anregt – und strafft. „Das ist wie ein leichter Sonnenbrand.“
Ein Facelift hält viele Jahre und kostet bis zu 10 000 Euro. Dabei zieht Pfeifle die Haut nicht einfach nach hinten, „sonst wird’s eine Maske“. Er macht einen Schnitt am Haaransatz und vor dem Ohr, packt das Unterhautgewebe, strafft es (das Gesicht geht dann quasi mit) und näht es wieder zusammen. „Ein Facelift kann mit einer Lidkorrektur einhergehen, das harmoniert besser“, sagt Pfeifle. Wenn er zusammen mit Werz die Lider steiler stellt, schaffen sie beide Augen in 30 Minuten. „Je schneller, desto weniger Schwellung. Aber nicht hetzen.“
Tränensäcke sind Fettbeutel unter der Haut. Pfeifle entfernt sie, indem er sich über das Unterlid von innen an das Fett heranarbeitet und es herauspräpariert.
Die magischen Fox Eyes gehen so: Die Schläfe an einer Stelle punktieren, einen Faden unter der Haut bis zur Augenbraue führen, verankern und straffen. Das zieht die Haut automatisch hoch – und die Brauen mit. Nach einem Jahr hat sich der Faden aufgelöst, die Fuchsaugen sind dann auch weg.
Über die Jahrzehnte wird das Philtrum, also die Rinne zwischen Nase und Oberlippe, immer länger und die Lippe dadurch immer schmaler. Pfeifle macht einen Schnitt unter der Nase, nimmt ein Stück Haut weg. Durch die Verkürzung klappt die Oberlippe leicht nach außen und gewinnt dauerhaft an Fülle. „Bei 18-Jährigen wäre die OP Unsinn“, sagt Pfeifle. Bei älteren Patienten ist ihm aufgefallen: Sie wirken danach auch inwendig aufgeweckter. „Sie lassen sich nicht so gehen.“
Beim Vampirlifting entnimmt Pfeifle dem Patienten Eigenblut, filtert in der Zentrifuge die Wachstumsfaktoren heraus und spritzt sie. Ziel: jüngere Haut mit rosigem Teint.
Gesichtsimplantate, bei denen irgendwelche Fremdkörper aus Kunststoff an Knochen geschraubt werden, macht er nicht. Brazilian Butts – Hintern wie ein Brauereigaul, würde man auf der Schwäbischen Alb wohl dazu sagen – gehören auch nicht zum Spektrum der Enzian Clinic. Zu groß ist das gesundheitliche Risiko.
Schon im vorchristlichen Indien gibt es Operationen, bei denen Lappen aus der Stirn zu einer neuen Nase gestaltet werden. Ein Italiener formt im 15. Jahrhundert eine Abwandlung der indischen Methode: den gestielten Armlappen. Statt Stirngewebe nutzt er Haut vom Oberarm, um etwa Männer, die Syphilis überlebt haben, wieder herzurichten. Im 17. Jahrhundert findet die katholische Kirche es dann an der Zeit, gegen die Korrektur der gottgewollten Deformationen vorzugehen. Somit ist erst mal Ruhe.
200 Jahre später erlebt das Handwerk seine Renaissance. Berlin wird zum Hotspot der Plastischen Chirurgie. Der Volksmund schließt vor allem Johann Dieffenbach ins Herz: „Wer kennt nicht Doktor Dieffenbach, den Doktor der Doktoren. Er schneidet Arm und Beine ab, macht neue Nas’ und Ohren.“
Der Erste Weltkrieg bringt dann einen weiteren Schub. Man weiß jetzt auch: Körperliche Anomalien können gravierende seelische Krankheiten auslösen. Der Berliner Chirurg Jacques Joseph flickt zahllose auf Schlachtfeldern verstümmelte Gesichter zusammen, zudem strafft er Haut, korrigiert hängende Brüste, begradigt, normiert. Sein Hauptaugenmerk gilt aber der Nase.
1922 besucht der Reporter Egon Erwin Kisch die berühmte Privatklinik in der Bülowstraße 22: „Jeder, der hier im Sprechzimmer sitzt, hat ein großes gelbes Kreuz aus Leukoplast im Gesicht. Alle sehen sie abscheulich aus, noch abscheulicher als vordem. Aber morgen oder übermorgen werden sie schön sein, so schön wie noch nie.“ Joseph ist ein Weltstar, seine Patienten kommen aus ganz Europa und Amerika zu ihm.
Kisch schreibt: „Der Herr Professor muß zuerst wissen, wie reich einer ist, danach läßt er sich die Operation bezahlen. Und er muß die Wesensart kennen, denn danach stellt er die Nase her: ,Wünschen Sie eine kecke Nas oder eine intelligente, eine kokette oder eine energische?’ Tags darauf werden sie im Operationssaal gründlich ausgeschneuzt und gewaschen. Mit Scheren, kleinen Sägen und Feilen dringt der Herr Professor in Ihre Nase ein, schneidet Ihnen den Nasenknochen durch, verleibt der Nase ein Plättchen aus Elfenbein ein, pflanzt oft auch ein Stück Haut von der Schulter ins Gesicht über oder amputiert ein Stückchen Knochen, Fleisch oder Knorpel, modelliert ein wenig, prüft sein Werk auf dunklem Hintergrund und macht über alles das Kreuz aus Leukoplast.“
Von Deutschland aus verbreitet sich die Schönheitschirurgie bis nach Hollywood und dort bis zum Haaransatz der tizianroten Rita Hayworth, den sie sich in einer marternden Prozedur nach hinten verschieben lässt. Marlene Dietrich soll vier Backenzähne geopfert haben, um ihre Wangen zu betonen.
Wie sehen die Menschen in 25 Jahren aus? Müssen wir uns auf neue Gesichter einstellen? „Ich glaube, ästhetische Behandlungen werden so normal wie heute Peelingcremes“ sagt Pfeifle. „Wir kriegen aber keine Verhältnisse wie in den USA oder Brasilien. Jede Gesellschaft ist anders. Ich selber bin da auch konservativer.“
Verlernen wir langsam, dass auch jemand mit Segelohren und Krähenfüßen wunderschön sein kann – und sehen am Ende alle gleich aus? „Ich weiß, was Sie meinen“, sagt Pfeifle. „Wenn aber etwa Profilbilder in sozialen Netzwerken so genormt, die Gesichter so unecht und austauschbar erscheinen, liegt das vor allem am starken Schminken, nicht an der Plastischen Chirurgie.
Oft braucht es Zeit, um zu seiner eigenen Schönheit zu finden. Lassen wir uns noch auf die Langstrecke ein, oder nehmen wir lieber gleich die Abkürzung über den Chirurgen? Vernebelt Botox irgendwann den Blick für jene sprichwörtliche Wesensschönheit, die alle Wunder der Welt auf sich zieht?
Martin Pfeifle hat drei Kinder, noch keines davon im Schulalter. Was, wenn sie sich vor dem 18. Geburtstag einen Schönheitseingriff wünschten? „Ich würde dringend abraten“, sagt er. Er müsse viele junge Frauen in ihrem Beauty-Eifer bremsen. „Ich nehme Beratung sehr ernst.“ Oft helfe es schon, wenn er ihnen versichert, dass sie gut aussehen und er gar nichts machen würde. „Vielleicht hören sie das zu selten von anderen.“