Bei einem bilateralen Treffen in Teheran lässt der türkische Präsident Erdogan den russischen Präsidenten in einem Empfangsraum warten. Putin zeigt leichte Unruhe.

Politik: Christoph Link (chl)

Auch 50 Sekunden können eine Ewigkeit sein, wenn man allein in einem Konferenzraum vor zwei leeren Stühlen sowie der türkischen und russischen Staatsflagge steht und vor laufenden Kameras auf Recep Tayyip Erdogan, den Präsidenten der Türkei, warten muss.

Dies ist am Dienstag in Teheran – nach dem Dreiergipfel mit Irans Revolutionsführer – dem russischen Präsidenten Wladimir Putin passiert. Videoaufnahmen zeigen, wie Putin den Raum allein betritt – entgegen der Erwartung der anwesenden Journalisten nicht direkt gefolgt von Erdogan. Der Kremlchef stellt sich neben den Stuhl bei der russischen Staatsflagge, verschränkt die Hände und blickt in Richtung Tür. Er zuckt mit den Mundwinkeln, verlagert das Gewicht von einem Bein aufs andere und wirkt sichtbar ungemütlich.

Erleichterung nach knapp einer Minute

Nach der knappen Minute der Warterei sieht man Putins Anspannung fallen, denn der den Kremlchef um einen Kopf überragende Erdogan betritt den Raum und beide Staatsführer schütteln sich freundlich die Hände. In der Weltpresse und in den sozialen Medien ist die Szene mit leichtem Spott kommentiert worden. „Das war für den russischen Präsidenten eine ungewöhnliche Erfahrung, denn eigentlich ist er es, der das Ansehen erworben hat, dass er andere Staatsführer warten lässt vor offiziellen Treffen, mitunter für Stunden“, schreibt die Analystin Samantha Lock in der britischen Zeitung „Guardian“. Putin erhalte nun „seine eigene Medizin“, meint ein User auf Twitter.

Erdogan musste auch mal warten

Joyce Karam, Korrespondent der im Mittleren Osten tätigen „National News“ schreibt, dass diese 50 Sekunden, in denen Putin so „zerzaust“ ausgesehen habe, sehr deutlich gezeigt hätten, was sich in der Welt mit dem Ukraine-Krieg geändert habe. Karam vermutet, dass Erdogans Verhalten ein „bitter-süßer Racheakt“ dafür gewesen sei, dass Erdogan selbst einmal in einem Vorzimmer im Moskauer Kreml im Jahr 2020 mit seinem Stab zwei Minuten auf Putin warten musste. Diese 120 Sekunden waren auch von laufenden Kameras dokumentiert und später genüsslich in russischen Medien verbreitet worden. Auf türkischer Seite war das als demütigend empfunden worden.

Zur Queen kam Putin auch zu spät

Dass Putin zu Staatstreffen zu spät kommt oder andere warten lässt, gilt allerdings schon fast als notorisch. Zur britischen Queen kam er einmal 14 Minuten zu spät. 2015 kam er zu einem Treffen mit dem Papst eine Stunde zu spät, 2018 ließ er US-Präsident Donald Trump 45 Minuten warten und Kanzlerin Angela Merkel soll auf den Kremlchef einmal mehr als vier Stunden gewartet haben. Das war 2014 in Mailand – und auch da ging es übrigens schon um den Ukraine-Konflikt.

Bei der leicht verzögerten Begegnung von Erdogan mit Putin soll über den freien Abtransport von Getreide aus ukrainischen Häfen gesprochen worden sein. Putin lobte die Rolle der Türkei als „Vermittler“ im Ukraine-Krieg.