Ein Schwieberdinger Pferdehof hält sich seit 50 Jahren Herrn Räuchles Riecher für die Rösser

Von Susanne Mathes 

Im Schatten der Firma Bosch und umsäumt von viel befahrenen Verkehrsachsen behauptet sich in Schwieberdingen der Reitstall Räuchle – seit einem halben Jahrhundert. Dabei war es eher einem Zufall geschuldet, dass die Räuchles 1969 auf die Rösser setzten.

Bernhard Räuchle in seiner Reithalle in Schwieberdingen. Foto: factum/Weise 5 Bilder
Bernhard Räuchle in seiner Reithalle in Schwieberdingen. Foto: factum/Weise

Schwieberdingen - Als Bernhard Räuchles Großeltern Gottlieb und Johanna Schütt nach der Vertreibung aus dem Donauschwäbischen in Schwieberdingen Fuß fassten, war um ihre kleine Landwirtschaft herum nichts – außer fruchtbarem Boden. Wer den Hof heute ansteuert, muss ihn erst einmal finden. Links und rechts haben sich Häuser und Betriebe angesiedelt. Mächtig und zum Greifen nahe ragen im Norden die Bosch-Bauten in die Höhe. In Sicht- und Hörweite rauscht der Verkehr auf der Verbindungsstraße zwischen A 81 und B 10. „Ballungsraum halt“, sagt Bernhard Räuchle. „Groß ausreiten kann man nicht mehr. Dazu sind wir inzwischen zu zugebaut.“

Mit Pony Benny fing es an

Resignativ sagt der 55-Jährige das nicht, er hat auch keinen Grund dazu. Im Gegenteil: Am 2. März um 16 Uhr gibt es etwas zu feiern bei ihm. Was seine Großeltern nach dem Zweiten Weltkrieg als Landwirtschaft begannen, modelten seine Eltern Manfred und Johanna Räuchle später zum Reiterhof um. Er war einer der ersten Reiterhöfe weit und breit, Eröffnung war Anfang März 1969. „Reithallen gab’s damals in der Gegend kaum, nur die größeren Städte wie Leonberg, Ludwigsburg oder Bietigheim-Bissingen hatten welche“, erzählt Bernhard Räuchle. „Mein Vater war seiner Zeit damals weit voraus. Er hat sozusagen eine Marktlücke entdeckt.“

Dabei war der Reitbetrieb, der nun das halbe Jahrhundert voll hat, eigentlich ein Zufallsprodukt. „Meine Schwester wollte als Kind ein Pferd“, erinnert sich Bernhard Räuchle. Sie bekam den Wunsch erfüllt. Von Pony Benny war nicht nur die stolze Besitzerin hingerissen, sondern auch ihre Freundinnen. Irgendwann bot der Vater Ponyreiten an, machte Lehrgänge im Landesgestüt Marbach, schaffte weitere Pferde an und begann, Reitunterricht zu geben.

„Damals gab’s noch keine Standardmaße“

Immer mehr Pferdebegeisterte zog es zum Räuchle-Hof, auch viele Erwachsene. Ihre Runden drehten sie damals im „Reithaus“, einer ausgebauten Scheuer, die es heute nicht mehr gibt – keiner würde auf so engem Radius heute noch Reitstunden nehmen wollen. „Aber damals gab’s noch keine Standardmaße. Und besser ist man auf wenig Raum geritten als draußen im Regen“, so Räuchle. 1973 war die erste Reithalle fertig, 1989 die zweite. In jenem Jahr übernahm er auch den Betrieb. Als kleiner Junge konnte er der Reiterei zwar nicht sonderlich viel abgewinnen, doch als Jugendlicher startete er durch – vor allem als Springreiter. Später machte er eine Ausbildung als Pferdewirt mit Schwerpunkt Reiten. „Wenn ich da hoch zu Bosch gegangen wäre“, meint er lachend mit einem Blick gen Norden, „wie manche meiner Schulkameraden, hätte ich’s vielleicht manchmal leichter gehabt.“