Ein Transgender in Oberschwaben Das Prachtweib

Hannas grau-braune Augen Foto: Andreas Reiner

Mehr als 40 Jahre lang gab es Hans, seit fünf Jahren gibt es Hanna. Eine Frau aus einem oberschwäbischen Bauerndorf erzählt von ihrer Verwandlung.

Reportage: Robin Szuttor (szu)

Oberschwaben - Wenn sie als Hans kommt, dann isch nix. Dann isch se ganz schlecht drauf. Als Hanna isch es was anderes. Da lacht sie und schwätzt“, sagt Karl. „Und sieht auch richtig klasse aus. So natürlich, gar net übertrieba.“ Der 60-Jährige sitzt gemütlich auf seiner Terrasse und erzählt von seiner Nachbarin. Doch bald ist es aus mit der Ruhe. Irgendeiner schreit aufgeregt durchs Dorf: „Do isch an Gaul drussa!“ – „Au“, sagt Karl, „do muss i schnell hintre.“

 

Ein Bilderbuchnest im Oberschwäbischen. Zufahrtsstraßen, die nur für eine Autobreite gemacht sind. An jedem Haus eine Scheuer. Viehweiden. Hier wohnt Hanna. Ihre Wohnung ziert viel Selbstgemachtes aus Holz: gedrechselte Kunstwerke, Schnitzereien, ein imposanter Tisch. Das Regal war ihr Gesellenstück. „Wenn ich von der Arbeit komme, und mir geht es nicht gut, dann hab ich keine Energie, um mich noch herzurichten“, sagt sie. „Dann bleibe ich halt der Hans.“

Öfters kommt es vor, dass Karl Gäste hat und sie vorführen will. Dann ruft er an: „Hanna, komm rüber, zeig di mol.“ Das kann schon nerven. Aber jeder hier hat halt seine Macken. Man weiß, was man füreinander ist. Ohne Karl und die anderen im Dorf würde Hanna vereinsamen. Wobei sie nicht jeden Dienstag zum Stammtisch geht, denn mit weniger als drei Bier intus kommt sie dann nicht heim, und das ist schlecht für die Figur.

Gegen Hans ist Hanna noch ein Küken

Hanna ist 48. Sie trägt einen braunbeige gemusterten Rock, darüber „ein Hängerkleid, so nennt man es, glaub, nur muss ich es mit Gürtel tragen, sonst sieht’s scheiße aus“. Ihre Oberarme sind stark, ihre Hände groß, mit Silberringen an den Fingern. Zum Nagellack, Farbton Burgundy, passt der Lippenstift, Farbton Chocolate Shock. Als Duft nimmt sie gern „Farvalla“. In ihrem Bad steht der Gillette-Mach-3-Nassrasierer für ihren Bart neben dem Eyeliner für ihre graubraunen Augen. Was ist eigentlich der Unterschied zwischen Eyeliner und Kajal? Sie versucht, es dem Laien zu erklären, bricht aber ab: „Ach, ich hab auch keine Ahnung.“

Hanna hat eine braune Perücke. Sie mag die langen Haare, 70 Zentimeter. Das Gefühl, wenn sie auf die Schulter fallen. Außerdem kaschieren sie ihren zu kräftigen Nacken, wie sie meint. Sie sieht gut aus.

Hanna ist eigentlich Hans. Sie würde es umgekehrt formulieren. Aber 43 Jahre ihres Lebens zweifelte sie nicht daran, ein Mann zu sein. Dann wurde der Kerl zum Weib. Gegen Hans ist Hanna noch ein Küken.

Ihr Nachname und der Name ihres Dorfs sollen nicht geschrieben werden. Die Arbeitsstelle ist der letzte Ort, wo ihre Identität noch ein Geheimnis ist. Sie arbeitet in einer Einrichtung für Problemjugendliche. „Systemsprenger“, wie sie sagt. „Fast alle strunzdoof.“ Das würde wahrscheinlich alles noch schwieriger machen, wenn sie plötzlich eine Frau wäre. Und der christliche Träger des Hauses hätte vielleicht kein Verständnis. Was der Kirchengemeinderat sagt, weiß man auch nicht. „Wenn es mal durchsickern sollte, ist es gut. Ich will nur nichts heraufbeschwören.“

Die Knopf-Phobie

Sie ist eine ewige Bruddlerin. Es wird immer schlimmer mit dem Job, meint sie. Nur noch chaotische Familienverhältnisse. Schon in den ersten Jahren alles verbockt. Die jungen Eltern selber ohne Orientierung, selber nur vor dem Computer. Keine Ansprüche an die Kinder. Noch nie eine Schaufel in der Hand gehalten. Nur Handy. Völlig emotionslos. Keine zehn Minuten Konzentration am Stück: „Ganz knifflige Jungs.“ Eigentlich, sagt Hanna später, mache sie ihren Job sehr gern.

Sie hatte Glück mit ihren Eltern. Obwohl sie immer ein niedergeschlagenes Kind war. Sie erinnert sich noch, im Kindergarten hat sie am liebsten auf den Matratzen geschlafen, nur um nicht mitspielen zu müssen. Komplexe begleiten sie, seit sie denken kann. Hans war sich nie gut genug. Ständig unglücklich. In der Schule ein Versager. Handwerklich gelang ihm alles, aber das war ja selbstverständlich, kein Grund, stolz zu sein. „Ich akzeptierte nie, dass ich was kann“, sagt Hanna. „Und es war auffällig, wie sehr ich dieses Ding ablehnte, das da zwischen meinen Beinen baumelte. Ich fand es so hässlich.“ Jetzt weiß sie, warum.

Nach der Hauptschule machte Hans das Abi nach. Wurde Handwerker und nach vielen Irrungen Pädagoge. Nebenbei rang er mit seinen Spleens. Da wäre zum Beispiel die Knopfphobie. Am schlimmsten sind die kleinen perlmuttfarbenen. Und die großen glitschigen. Wenn sie mal eine Bluse findet, die sie unbedingt haben will, schneidet Hanna die Knöpfe angewidert ab und näht sich stattdessen Häkchen dran. Danach muss sie gleich ihre Finger waschen.

Hochzeit in Weiß

Da drängte nie was in Hans, ein Mädchen sein zu wollen. Einmal, da war er 13, schminkte er sich mit Nivea-Creme und Wasserfarben, zog sich ein Kleid seiner Mutter an. Aber was macht man nicht alles in der Pubertät? Und er stand ja auf Mädchen – ein Beweis, dass in dem Punkt alles normal war. „Irgendwie dachte ich auch: Das kann ja jetzt nicht auch noch sein – neben all den anderen Komplikationen.“ So verwuchs sich das wieder.

Glück kennt sie nicht, meint Hanna. Einmal vielleicht habe sie eine Art von Glück gespürt. An dem Tag, als Hans vor gut 15 Jahren heiratete. „Es machte mich glücklich, wie glücklich meine Frau war.“ Ganz in Weiß. „Ich im Anzug natürlich modisch nur Deko.“ Die Ehe scheiterte nach vielen Jahren, ein Hauptgrund war der unerfüllbare Kinderwunsch. „Es ist nicht so, dass meine Spermien von schlechter Qualität wären. Ich hab gar keine.“

Mit einem Kleid, Konfektionsgröße 38, das Hans für seine Ex-Frau bestellt hatte, passierte die Verwandlung. Als das Päckchen ankam, probierte er das Kleid einfach an. „Und in dem Moment kam Hanna so ums Eck geschlichen und war da und blieb.“ Und viel mehr gibt es dazu nicht zu berichten.

„Isch jetzt Fasching?“

Den Eltern offenbarte er sich vor drei Jahren: Bevor Hanna den Raum betrat, warnte sie ihre Familie: „Jetzt bitte nicht erschrecken!“ Die Mutter strahlte: Wie lange schon hatte sie sich Sorgen gemacht, was nur mit dem Buben los ist. Jetzt gab es endlich eine Erklärung für alles. Der Vater meinte trocken zur Mutter: „Jetzt hast du die Tochter, die du dir immer gewünscht hast.“ Der Bruder meinte noch trockener: „Isch jetzt Fasching? Dass du net ganz dicht bisch, des woiß i ja scho lang.“ Das gab Hanna Kraft.

Jetzt ist sie also Transgender. Oder transsexuell? „Da kenne ich mich auch nicht so aus mit den ganzen Begriffen: Crossdresser, divers, physisch kohärent. Ich bin halt irgendwie anders.“ Hanna hat keinen Kontakt zur Szene. Dragqueens findet sie abstoßend. Sie kennt niemanden, der so ist wie sie. „Ich hab auch absolut keinen Bock auf einen Stammtisch von verkleideten Männern.“

Hans hat graue kurze Haare, schon leichte Geheimratsecken. Sein Aussehen ist ihm ziemlich egal. Er trägt bequeme Sachen, gerne Hosen mit vielen Seitentaschen für Werkzeug. Er hat zwei, drei Outdoorschuhe.

Hannas Stil ist eher hippiemäßig, wie sie sagt. Zu Hause geht sie gerne barfuß. Im Regal stehen mehr als 60 Paar Schuhe: Pumps, Stiefeletten, Overknees. „Nur ab 13 Zentimeter Absatz wird es brenzlig.“ Nach einem Unfall kann sie ihren Fuß nicht mehr so strecken. Mit Röcken, Kleidern, Unterwäsche ist sie auch opulent ausgestattet. In fünf Jahren hat sie so einiges nachgeholt.

Anfangs trat sie zu sexy auf

Hans und Hanna gehen beide gern auf Distanz. Sie mögen keine Berührungen oder Umarmungen, Corona kommt ihnen gut zupass. Es dauert Jahre, bis sie jemanden an sich heranlassen. „Ein Wunder, dass es doch für ein paar Beziehungen reichte.“ Aber Hans hat nie von sich aus jemanden angesprochen. „Er hat immer die Frauen den ersten Schritt machen und sich finden lassen.“ Hanna ist extrovertierter, offener, mutiger. Wenn sie unterwegs ist, kommt sie oft ins Gespräch mit Leuten.

Hans würde sich nicht die Augenbrauen zupfen oder die Barthaare weglasern lassen. Hans sitzt zwar auch nicht besonders breitbeinig da, aber Hanna klemmt die Beine doch mehr zusammen. Hans schlurft halt eher so durch die Gegend. Hanna hat Körperspannung. Beim Gehen zieht sie wie selbstverständlich „das Heck nach hinten, dann schwingt die Hüfte von selber“.

Sie musste erst gehen lernen. Als sie sich daheim sicher fühlte, wagte sie sich mit High Heels auf das städtische Kopfsteinpflaster. „Das sah vielleicht scheiße aus.“ Anfangs trat sie auch zu sexy auf. „Da hab ich a bissle überzogen. Das war meine pubertäre Phase.“

Die Blicke zieht sie mit ihren 1,84 Meter Körpergröße noch immer auf sich. Ein Prachtweib: untenrum Größe 42, obenrum Größe 44 bis 46. Neulich kaufte sie sich einen Badeanzug und ging ins Thermalbad. Nur Rentner. Alle starrten sie an. Irgendwann sagte sie sich: „Die schauen nur nach mir, weil ich die einzige Frau bin, deren Brüste nicht bis zum Nabel hängen.“ Ihr Busen, das sind mit Haftcreme in den BH geklebte Silikonkissen. Bei einer Oberweite von 115 Zentimetern wirkt 90 D nicht übertrieben. Macht aber dennoch was her.

Würde sie Hans vermissen?

Hanna ist fast überall. In der Bank, im Supermarkt, beim Arzt. Hans lässt sie nur noch arbeiten, „das Geld verjubelt dann Hanna“. Sie geht oft auf Mittelaltermärkte, obwohl sie das „Gehabt-euch-wohl-Gerede“ auch langsam nervt. Hanna fährt zum Bummeln nach Ulm, Biberach, Ravensburg. Setzt sich in Straßencafés. Fährt Trecker, hackt Holz, baut Pfeil und Bogen, schleudert Honig – in etwas körperbetonteren Jeans als Hans.

Der Wunsch, endlich vollkommen Hanna zu werden, wird stärker. Die Sehnsucht, auch bei der Arbeit nichts mehr vorspielen zu müssen. Auch körperlich ganz Frau zu sein. Noch nimmt Hanna keine Hormontabletten, noch hat sie nicht ernsthaft über eine Operation nachgedacht. „Ich habe noch Angst davor. Der Druck ist nicht groß genug.“

Würde sie Hans vermissen? Darüber habe sie auch schon nachgedacht, sagt Hanna. „Aber Hans wird ja eh immer da sein irgendwie.“ Was sie auf jeden Fall vermissen würde als komplette Frau: „Einfach irgendwo hinstehen und in die Ecke pinkeln können.“

Dass ihr noch die Traumfrau begegnet, daran denkt sie gar nicht. Verliebt war sie noch nie, sagt Hanna. Und mit Sex und Beziehung kann sie nichts mehr anfangen. „Ich mag nimmer. Ich bin froh, dass es einigermaßen läuft und ich einen Platz habe, wo ich mich wohlfühle.“ Das Leben fühle sich nun immer richtiger an. Das ist viel.

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