Eine besondere Stadtführung für Kinder in Esslingen Vom Mut, sich gegen Unrecht einzusetzen

Shirin Stauch (rechts) und Michelle Fischer bringen den Kindern Wissenswertes über Widerstandskämpfer nahe. Foto: /Petra Weber-Obrock

Drei Studentinnen der Hochschule Esslingen entwickeln speziell für Kinder eine auditive Stadtteilführung zu Esslinger Straßennamen. Die Grundschüler und -schülerinnen lernen dabei einiges über das Leben von Widerstandskämpfern.

Der Nationalsozialismus scheint in unserer Realität weit entfernt zu sein. Namen und Ereignisse verblassen. Eher unspektakulär und ohne Ergänzung durch weitere Informationen erinnern im Esslinger Stadtteil St. Bernhardt einige Straßenschilder an Widerstandskämpferinnen und -kämpfer aus dieser Zeit. Können sie Wegweiser sein, um Kindern Menschen nahezubringen, die für ihre Überzeugung ihr Leben riskiert haben?

 

Diese Frage stellten sich Michelle Fischer, Shirin Stauch und Amelie Hanser, die im 6. Semester Kindheitspädagogik an der Hochschule Esslingen studieren. Im Rahmen des Seminarprojekts „Erziehung nach Auschwitz“ bei Professor Nina Kölsch-Bunzen und Grit Berger haben sie eine auditive Stadtteilführung für Grundschüler entwickelt, die sich dem Leben der Widerstandskämpfer widmet. Die Themen „Mut und Demokratie“ stehen dabei im Vordergrund. Die Texte haben die Studentinnen in kindgerechter Sprache selbst entwickelt, eingesprochen und mit stimmungsvoller Musik unterlegt. Wichtig war ihnen, sie mit dem eigenen Empfinden und der Lebenswelt der Kinder zu verknüpfen.

Sich gegen eine Diktatur zu stellen, erfordert Mut

Beim Probelauf liegt über dem Esslinger Norden ein ausgedehntes Regengebiet. Das schlechte Wetter hält die quirlige Klasse 4a der Katharinenschule nicht davon ab, sich gemeinsam mit Shirin Stauch und Michelle Fischer sowie den Lehrern Marc Bareis und Sarah Ehrenberg auf die Spuren der Zeitzeugen zu begeben. Zuerst macht die Gruppe an der Kreuzung der Eugen-Bolz- mit der Dietrich-Bonhoeffer-Straße halt. Über die Audiodatei, die über eine Lautsprecherbox kommuniziert wird, erfahren die Kinder Einzelheiten zum Leben der beiden Widerstandskämpfer.

„Dietrich Bonhoeffer gehörte zur Bekennenden Kirche und hat sich für Verfolgte eingesetzt“, erzählt Shirin Stauch. „Sein Beispiel zeigt uns, wie wichtig es ist, Menschen vor Benachteiligung zu schützen.“ Sich gegen eine Diktatur zu stellen, erfordert Mut. Shirin Stauch fragt, wie die Kinder diese Eigenschaft für sich definieren würden. „Mut ist, wenn man Angst hat und es trotzdem macht“, antwortet eine Schülerin. Ein Junge erzählt von seinem ersten Sprung vom Dreimeterbrett, ein Mädchen schaudernd von einer Fahrt in einer Geisterbahn.

Widerstand kann Lebensgefahr bedeuten

Als nächstes führt der Weg ins Hainbachtal zur Wilhelm-Leuschner-Straße und dann zum Goerdelerweg und zur Geschwister-Scholl-Straße. Leider ist der Schriftzug auf den Schildern so verwittert, dass man ihn kaum entziffern kann. Die Kinder kennen Hans und Sophie Scholl schon und lauschen interessiert der Audiodatei über deren Leben. Dann beginnen sie die Studentinnen zu löchern. Wer war älter, Sophie oder Hans? Was haben sie genau gemacht? Obwohl die Audiodatei keinen Schwerpunkt auf das schreckliche Ende der Weißen Rose legt, begreifen die Kinder, dass Widerstand Lebensgefahr bedeuten kann. Sich bedingungslos gegen das Unrecht einzusetzen, kann den Tod bedeuten.

Eine Schülerin fühlt sich an das Beispiel von Mahsa Amini aus dem Iran erinnert, die vom iranischen Regime zu Tode geprügelt wurde. „Sie hat kein Kopftuch getragen, obwohl das da Pflicht war.“ Die Schülerin fügt hinzu, dass sie selbst nie den Mut dazu aufgebracht hätte.

Führung auf eigene Faust

QR-Code und Flyer
Die Studentinnen haben einen Flyer produziert, der QR-Codes enthält, mit dem man sich weitere Infos herunterladen kann. Außerdem gibt es eine Anleitung, wie die Führung funktioniert. Der Flyer wird laut den Initiatorinnen an Esslinger Grundschulen verschickt. In Abstimmung mit der Stadt soll er künftig an weiteren Orten ausliegen. Die Studentinnen sind zudem eingeladen, in der Veranstaltungsreihe „Le Chaim – Jüdisches (Er)Leben in Esslingen 2024“ die Führung nochmals für Gruppen anzubieten. Geeignet ist die auditive Führung ab der dritten Klasse.

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