Eine Frau spricht über häusliche Gewalt Erst Liebe, dann Schläge

In Deutschland wird jede dritte Frau mindestens einmal in ihrem Leben Opfer von physischer und/oder sexualisierter Gewalt (Symbolbild). Foto: Andreas Reiner

Mira N. zieht mit ihrem Partner zusammen, bekommt mit ihm ein Kind. Doch statt familiärer Geborgenheit erlebt sie häusliche Gewalt. Findet sie einen Ausweg?

Ludwigsburg : Anna-Sophie Kächele (ask)

Können Sie noch bei ihm in der Wohnung bleiben, oder müssen Sie gehen?“, fragt die Sozialarbeiterin vom Hilfetelefon und bietet Mira N. an, sie in einem Frauenhaus unterzubringen. Mira N., die eigentlich anders heißt, glaubt zu diesem Zeitpunkt noch, dass ihr Partner sich einigermaßen im Griff hat – bisher sind seine Drohungen nicht wahr geworden. Ein halbes Jahr vergeht, bis er sie zum ersten Mal schlägt, nach vier weiteren Monaten eskaliert die Situation. Mira N. ruft die Polizei.

 

In Deutschland wird jede dritte Frau mindestens einmal in ihrem Leben Opfer von physischer und/oder sexualisierter Gewalt. 2022 stieg die Zahl der Opfer um 8,5 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Betroffen sein kann jede. Sonja Lupfer-Rieg ist gelernte Sozialpädagogin und berät beim Kreisdiakonieverband Rems-Murr-Kreis Frauen, die häusliche Gewalt erleben. „Gut situierte Frauen haben zwar eher die materiellen Ressourcen, sich ein eigenes Leben aufzubauen, aber die innere Stimme, die nach der eigenen Schuld fragt oder der eigenen Wahrnehmung nicht traut, die kann jede Frau haben.“

Angehörige glauben ihr nicht

Als Mira N. ihren Ex-Partner trifft, verliebt sie sich in seine gutherzige, ruhige Art. Mit der Geburt ihres gemeinsamen Kindes verändert sich jedoch schlagartig das Bild, das sie von ihm hat. Am Ende wird von dem liebevollen Mann nur Jähzorn und Überheblichkeit übrig bleiben. Die Erinnerungen, wie er sie zu Hause isoliert, ihr sein starres Verständnis von der Rolle einer Mutter aufzwängt und letztendlich seine Hand gegen sie erhebt – all das verdrängt die Eigenschaften, für die sie ihn geliebt hatte. Sie wollte mit ihm zusammenleben, nun will sie nur noch vor ihm fliehen. Vier Jahre ist das her.

Wie konnte es so weit kommen? Als ihr Sohn auf die Welt kommt, macht ihr Partner ihr seine Weltsicht deutlich: Eine Mutter habe das Haus nicht zu verlassen. Ihre Freundinnen darf sie nicht mehr treffen. Wenn sie ihnen am Telefon ihre Lage schildert, glauben sie ihr nicht. Sie habe es doch gut in der großen Wohnung mit einem liebevollen Partner, sagen sie. Außerdem sei sie selbst ja auch nicht immer einfach. Ihre Mutter glaubt, sie dürfe ihn nur nicht provozieren, dann werde er sie auch nicht schlagen. „Ich war wie in einem goldenen Käfig gefangen.“

Wenn Mira N. ihre Geschichte erzählt, dann hat sie einen kämpferischen Blick, einen schwäbischen Einschlag in der Stimme, ihre neonpinken Fingernägel fliegen dabei durch die Luft, als ziehe sie ein Sperrband um sich herum. Rückblickend erkennt sie sich in dieser Zeit selbst nicht wieder. Ihr Ex-Partner habe sie zu einem anderen Menschen gemacht.

Auf die Isolation folgt der psychische Druck. Wenn ihr Sohn schreit, ist es allein ihre Aufgabe, sich um ihn zu kümmern. Und wenn das nicht schnell genug geht, kommen die stichelnden Kommentare. Es vergeht kaum ein Tag, an dem ihr Partner ihr nicht vorwirft, eine schlechte Mutter zu sein. „Häusliche Gewalt stellt sich oft schleichend ein. Es kann mit Besitzdenken des Partners und abfälligen Kommentaren beginnen, die Selbstzweifel wecken und das Selbstwertgefühl der Betroffenen zerstören können“, erklärt Lupfer-Rieg. Mit Kindern komme dann eine ganze Palette an Druckmitteln dazu.

Die Nummer von der Frauennothilfe hat Mira N. unter einem anonymen Namen abgespeichert, um sie im Notfall schneller bereitzuhaben. Als er ihr mit der Faust droht, beginnt sie, ihr Handy immer bei sich zu tragen, selbst auf den kurzen Wegen von Küche zu Schlafzimmer, vom Sofa ins Kinderzimmer. Sie beschafft sich einen Job in der Nähe ihrer Familie, ihren Lohn legt sie sich heimlich zur Seite. Wenn er fragt, wo das Geld ist, antwortet sie ausweichend. Lange haltbare Lebensmittel lagert sie als Notvorrat bei einer Freundin. Ihre Dokumente hat sie griffbereit versteckt. So schafft sie sich allmählich einen doppelten Boden.

Leiden für das Familienideal

Mira N. hat lange geglaubt, sie würde ihre Familie zerstören, wenn sie ihren Partner verlässt. „Viele Betroffene haben dieses Familienideal und die Vorstellung, dass es für die Kinder am besten ist, wenn die Elternteile zusammen sind“, sagt Lupfer-Rieg. „Irgendwann kommt dann aber der Punkt, an dem die Frau merkt: Das schadet nicht nur mir, sondern auch meinem Kind.“ Dieser Moment der Erkenntnis sei oft der entscheidende Auslöser zu gehen.

Um drei Uhr nachts eskaliert die Situation. Während eines Streits, ob ihr Sohn noch Milch bekommen soll, schlägt er sie ins Gesicht, sie fällt drei Treppenstufen hinunter und landet auf dem Rücken. Bevor sie sich ganz aufrichten kann, trifft sie schon der nächste Schlag. „In dem Moment habe ich Angst bekommen. Ich wusste, wenn er sich jetzt auf mich draufsetzt, habe ich keine Chance.“ Ihr Handy ist griffbereit. Als sie die Polizei ruft, hält er sie nicht davon ab. Er habe vermutlich nicht mit ernsthaften Konsequenzen gerechnet, glaubt Mira N. Vier Minuten dauert es, bis sechs Polizeibeamte in ihrem Flur stehen. Ihr Partner erhitzt währenddessen weiter die Milch. Danach geht alles ganz schnell. Beide werden in getrennten Zimmern verhört, anschließend werden ihm die Wohnungsschlüssel abgenommen. Nur wenige Stunden später geht Mira N. zur Arbeit. Heute kann sie sich das nur mit dem Adrenalin erklären, das an jenem Tag durch ihren Körper rauschte.

Mit dem Einsatz der Polizei hat Mira N. eine Mühle in Gang gesetzt, die sich fortan nicht mehr aufhört zu drehen. Immer wieder klingelt das Telefon, die Polizei, die Opferberatung – alle wollen wissen, wie es ihr geht, und vor allem: wie es ihrem Sohn geht. Ein halbes Jahr kann sie in der Wohnung bleiben. Zur Ruhe kommt sie nicht.

Mira N. hat es nicht bereut, dass sie sich von ihrem Partner getrennt hat. Sie musste sich und ihren Sohn schützen. Sie ist sich sicher: Wer einmal schlägt, wird es wieder tun. „Die Frage ist nur, wie lang es dauert. Die konstante Gefahr ist immer da.“

Indem sie von ihren Erfahrungen erzählt, will sie anderen Frauen, die häusliche Gewalt erlebt haben, Kraft geben. Das sei ihre Art, das Geschehene zu verarbeiten. Man solle sich nur Menschen anvertrauen, die einen darin unterstützen, den Partner zu verlassen, sagt sie. Es koste genug Mut zu gehen, da reiche ein falscher Rat und man verliere den Willen, es durchzuziehen.

Sonja Lupfer-Rieg rät Außenstehenden, wenn sie vermuten, dass jemand häusliche Gewalt erlebt, sich vorsichtig heranzutasten. „Am geeignetsten ist es, ganz empathisch und wertfrei seine Sorge zu äußern und sich als ein Gesprächspartner anzubieten.“ Dabei gilt: lieber einmal zu viel als zu wenig fragen. „Wenn sich die Betroffene jemandem im eigenen Umfeld anvertrauen kann, es ein stabilisierendes Netzwerk gibt, ist die Chance höher, dass sie schließlich den Weg aus der häuslichen Gewalt findet.“ Eine Möglichkeit könne auch sein, einen Link oder Flyer zu einer Opferberatung zu reichen.

Kannst du bleiben oder musst du gehen?

Dass Mira N. relativ schnell die Reißleine gezogen hat, kommt auch durch ihre Kindheit. Sie möchte nicht, dass ihr Sohn die gleichen Erfahrungen machen muss wie sie selbst, dass er eine ungesunde Elternbeziehung vorgelebt bekommt.

Ihr Sohn sieht seinen Vater regelmäßig, das will sie ihm nicht verwehren. Irgendwann wird sie ihm die Frage, was passiert ist, beantworten müssen. Bis dahin will sie an dem Vater-Sohn-Verhältnis nicht rütteln.

Sonja Lupfer-Rieg arbeitet seit 30 Jahren beim Kreisdiakonieverband Rems-Murr-Kreis in der psychosozialen Beratung. Häusliche Gewalt sei mittlerweile immer häufiger Teil öffentlicher Kampagnen, sagt sie: „Die Menschen haben mehr auf dem Schirm, dass häusliche Gewalt nicht nur in sozialen Brennpunkten passiert, sondern auch in gut situierten Partnerschaften und Familien passieren kann.“ Sie versuche, weiterhin Menschen dafür zu sensibilisieren, genauer hinzuschauen und nachzufragen: Kannst du bleiben, oder musst du gehen?

Sie sind von häuslicher Gewalt betroffen? Das Hilfetelefon ist ein bundesweites Beratungsangebot. Frauen, die Gewalt erlebt haben, sowie Angehörige können sich rund um die Uhr, kostenlos und anonym unter der Telefonnummer 116 016 oder unter www.hilfetelefon.de melden.

Weitere Themen

Weitere Artikel zu Gewalt Häusliche Gewalt Familie Kinder