Eine Hommage an Fotograf Burghard Hüdig Als Lothar Späth in Shanghai aufs Fahrrad stieg
Burghard Hüdig war lange Zeit der „Hoffotograf“ der Landesregierung. Jetzt widmet das Hauptstaatsarchiv dem Fotojournalisten eine Ausstellung
Burghard Hüdig war lange Zeit der „Hoffotograf“ der Landesregierung. Jetzt widmet das Hauptstaatsarchiv dem Fotojournalisten eine Ausstellung
Der schwimmende Bundeskanzler war sein Durchbruch. Im Sommer 1967 schickt die Landesschauredaktion des Süddeutschen Rundfunks Burghard Hüdig an den Bodensee, um Fotos vom urlaubenden Kurt Georg Kiesinger zu schießen – am besten im See schwimmend. Der Landesschau-Chef fordert den Ehrgeiz des Fotografen heraus: „Wenn du das schaffst“, sagt Arno Henseler, „bist du der Größte.“
Hüdig, seit Mitte der 60er-Jahre freischaffend, lässt sich nicht zweimal bitten und reist postwendend nach Kressbronn. Zuerst lehnt Kiesinger, der den Pressefotografen aus seiner Zeit als baden-württembergischer Ministerpräsident gut kennt, noch empört ab. Er sei doch nicht Mao Tse-tung, soll der Kanzler erwidert haben. Dann aber, nach langem Zureden, steigt Kiesinger in die Badehose. Die Bilder entstehen nicht am Bodensee, sondern am kleinen Schleinsee, wo nicht allzu viele Zaungäste zu befürchten sind.
„Damit kam Hüdig groß raus“, erzählt Albrecht Ernst. Der stellvertretender Leiter des Hauptstaatsarchivs hat gemeinsam mit Thomas Fritz, Referatsleiter für Nichtstaatliches Archivgut, eine Ausstellung zum Werk des einstigen „Hoffotografen der Villa Reitzenstein“ kuratiert, die nun im Hauptstaatsarchiv zu sehen ist. Nach dem Coup am Bodensee, so erfährt man weiter, steht das Telefon des Stuttgarter Fotografen nicht mehr still. Die großen deutschen Magazine reißen sich um die Bilder.
Die Ausstellung „Neugier war mein Job“ unterteilt das Schaffen des 1933 in Essen geborenen Stuttgarter Pressefotografen in neun thematische Kapitel. Hüdig war ursprünglich 1956 nach Baden-Württemberg übergesiedelt, um beim katholischen Deutschen Volksblatt in Stuttgart als Fotograf zu volontieren. Wie Ernst erklärt, bewahrt das Hauptstaatsarchiv seit 2017 das fotografische Gesamtwerk Hüdigs auf. In rund 18 000 Fototaschen befinden sich Negativfilme mit mehr als 400 000 schwarz-weiß und Farbaufnahmen. „Wobei das nur eine grobe Schätzung ist“, wie Kurator Thomas Fritz betont.
In Hüdigs Nachlass spiegele sich ein breites Spektrum des kulturellen und politischen Geschehens von den 1950er- bis in die späten 90er-Jahre, so die Kuratoren. Wenn Hüdig daneben die bundesrepublikanischen Alltagsszenen ins Bild setzt, ist der Fotograf im Rückblick zugleich Beobachter der Umbrüche in der Nachkriegsgesellschaft.
Seine Auslandsreisen, zuerst mit dem baden-württembergischen Ministerpräsidenten Hans Filbinger, dann in großer Zahl an der Seite von Lothar Späth, führen Hüdig rund um den Globus. „Späth ist sein Protektor und Freund gewesen“, sagt Ernst. Bei einer China-Reise 1985 entsteht das berühmte Foto des im Shanghaier Straßenverkehr radelnden Ministerpräsidenten. Die Idee zum Bild kam dem Fotografen selbst. Nach Späths Rücktritt, sagt Ernst, erhält auch Hüdigs Karriere einen Knick.
Nicht zuletzt beschreiben die Fotografien in der Ausstellung und im lesenswerten begleitenden Katalog auch den tiefgreifenden Wandel der Landeshauptstadt in jenen Jahrzehnten. Welche anziehende Wirkung der blitzblanke und gerade fertiggestellte Österreichische Platz, heute ein innerstädtischer Totalschaden, auf die Stuttgarter Nachkriegsgesellschaft gehabt haben muss, lässt sich durch seine Fotografien erahnen.
Vor allem in seinen frühen Bildern, so Ernst, habe Hüdig immer wieder den Aufbauwillen und das Lebensgefühl der jungen Bundesrepublik eingefangen. Seine berufliche Erfüllung fand der 2020 verstorbene Fotograf aber in der Begleitung der Landespolitik.
Die Ausstellung „Neugier war mein Job –Landespolitik und Zeitgeschehen in Pressebildern von Burghard Hüdig“ ist bis 24. Januar im Hauptstaatsarchiv, Konrad-Adenauer-Straße 4, zu sehen. Anschließend wechselt die Schau für zwei Wochen in den Landtag, bevor sie als Wanderausstellung in zahlreichen Städten Baden-Württembergs zu sehen sein wird.